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Abschiebung Für eine Handvoll Euro

Unser Kolumnist Dr. med. Hontschik fragt, ob es irgendeine Schweinerei auf dieser Welt gibt, irgendeine Folter, einen Menschenversuch, eine Hinrichtung, für die man Ärztinnen oder Ärzte nicht kaufen kann.

Arztpraxis
Es gibt nur wenige hundert Ärztinnen und Ärzte, die sich mit dem Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung auskennen. Foto: dpa

Im Norden von Frankfurt liegt der Wetteraukreis. Vor wenigen Monaten wurde dort eine 16-jährige Schülerin direkt aus dem Unterricht der Kurt-Schumacher-Schule in Karben von zwei Polizisten abgeholt und mit ihrer Mutter, Angehörige der Minderheit der Roma, nach Serbien abgeschoben. Juristisch alles korrekt, aber im Verfahren ein bedauerlicher Einzelfall, so hieß es seitens der Behörden. Die Aufregung war schnell vorbei.

Es geht aber noch hinterlistiger, auch diesmal wieder im Wetteraukreis. Seit Januar befand sich der 32-jährige Adnan G., ein aus dem Kosovo geflüchteter Rom, in stationärer Behandlung der Psychiatrie der Universitätsklinik Gießen. Unter einem Vorwand wurde er am 1. März ins Ausländeramt Friedberg gelockt. Dort fand er sich aber Polizisten gegenüber, die seine Sozialarbeiterin hinausdrängten, ihn festnahmen und zum Flughafen zur Abschiebung in den Kosovo überführten. Der Chefarzt der Uni-Psychiatrie in Gießen, Professor Bernd Gallhofer, versuchte vergeblich, die Abschiebung seines schwer traumatisierten Patienten per Eilantrag und Verfassungsbeschwerde zu verhindern.

Einige Tage später setzte Landrat Arnold dem allen noch die Krone auf und  stellte gegen Professor Gallhofer Strafanzeige . Dieser habe die ärztliche Schweigepflicht gebrochen, Beihilfe zum Verstoß gegen das Abschiebegesetz geleistet und den Landkreis Wetterau um 12 800 Euro betrogen, die die stationäre Behandlung des Adnan G. bislang gekostet habe.

Kranke Menschen dürfen nicht abgeschoben werden, wenn in ihrer Heimat die Behandlung nicht gesichert ist. So lautet das Gesetz. Einen schwerkranken Patienten aufs Amt zu locken, festzunehmen und abzuschieben, das alles unter den Augen und mit Billigung und tätiger Hilfe eines Amtsarztes, ist infam. Dieser Amtsarzt attestierte ohne gutachterliche Untersuchung Reisefähigkeit: „fit to fly“. Während der gesamten Ausweiseprozedur, auch während des Fluges, musste der Patient Handschellen tragen und war begleitet von einem Arzt. Nach der Landung in Pristina drückte ihm dieser eine Schachtel Quetiapin in die Hand und ward nicht mehr gesehen. Mit Quetiapin behandelt man Psychosen, Depressionen oder Schizophrenie.

Was sind das für Ärzte, die als willfährige Erfüllungsgehilfen von Behörden für die Abschiebung eines in Behandlung befindlichen Traumatisierten sorgen – entgegen der ausdrücklichen, vehementen Stellungnahme des behandelnden Arztes. Mit was für einem verkommenen ärztlichen Selbstverständnis drückt man einem Traumatisierten hochpotente, gefährliche Neuroleptika in die Hand, bevor man ihn damit und überhaupt alleine lässt?

Bei der Suche nach einer Antwort landet man in Nebel, Sumpf und Seilschaften. Es gibt wohl nur wenige hundert Ärztinnen und Ärzte, die sich mit dem Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung auskennen. Diese werden aber von Ämtern wie dem in der Wetterau nicht hinzugezogen, denn das könnte ja zu Verzögerungen bei der Amtshandlung führen. Die Ämter können jede beliebige Ärztin, jeden beliebigen Arzt mit der Feststellung der Reisefähigkeit „fit to fly“ beauftragen, sogar solche aus anderen Bundesländern.

So hat sich heimlich, still und leise eine Truppe von „Gutachtern“ und „Begleitern“ gebildet, die gerne und gleich kommen, wenn man sie ruft, denn für den kleinen schmutzigen Einsatz erhalten sie vom Staat den Judaslohn von 470 Euro.

Und da frage ich mich einmal mehr, ob es irgendeine Schweinerei auf dieser Welt gibt, irgendeine Folter, einen Menschenversuch, eine Hinrichtung, für deren Durchführung man Ärztinnen oder Ärzte nicht kaufen kann.

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