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Homöopathie Umstrittene Kügelchen

An Homöopathie scheiden sich die Geister. Arzt und FR-Kolumnist Bernd Hontschik prangert die Industrialisierung des Gesundheitswesens an und erklärt, warum Homöopathie für ihn dennoch keine Alternative ist.

Homeopathy medicinal pills / globules scattered
Die Homöopathie schmückt sich „mit fremden Federn, nämlich mit den Federn der Selbstheilung“, sagt Dr. Hontschik. Foto: iStock

Die Kommentatoren bei Twitter und Facebook überboten sich gegenseitig in abfälligen und verletzenden Beiträgen: Einer fand, einen „selten dämlichen Artikel“ gelesen zu haben, ein anderer glaubte, einen „geistigen Totalausfall“ konstatieren zu müssen; gleich mehrfach fiel das Attribut „peinlich“ oder „sehr peinlich“.

Der Anlass für diesen Furor im Netz war eine Kolumne von Bernd Hontschik in der Frankfurter Rundschau. Unter dem Titel „Runter vom hohen Ross“ hatte sich der Arzt darin über das Thema Homöopathie geäußert – und erörtert, warum die Schulmedizin seiner Meinung nach das Recht verwirkt habe, auf diese alternative Methode herabzublicken.

Sein Tenor: Zu viel Schaden an Leib und Leben sei in Krankenhäusern und Arztpraxen angerichtet worden, als dass man sich über die Globuli-Konkurrenz erheben könne; auch wenn jegliche Spur eines Wirkungsnachweises der Homöopathie fehle. Für diese Ansichten erhielt der Frankfurter Mediziner dann Anfeindungen von allen Seiten.

Warum das Thema Homöopathie so heftige emotionale Reaktionen hervorruft und Schranken fallen lässt und worin er den Erfolg dieser Behandlungsmethode begründet sieht, darüber spricht Bernd Hontschik im Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Herr Hontschik, wie halten Sie es selbst eigentlich mit der Homöopathie? Haben Sie sie schon jemals einem Patienten verordnet?
Nein, noch nie. Ich halte nichts von Homöopathie. Die Kügelchen haben keinerlei materielles Substrat, und es existiert auch kein einziger nachvollziehbarer Wirkungsnachweis. Wissenschaftlich ist an der Homöopathie nichts dran. Aber – und darum ging es in meiner Kolumne: Die Schulmedizin hat so viel Unheil gestiftet, mit schädlichen Medikamenten, mit unnötigen Operationen, dass ich glaube, dass sie der gefährlichere Teil der Heilkunde ist, und ich ihr deshalb die Berechtigung abspreche, die Homöopathie niederzumachen. Das heißt aber nicht, dass ich ein Anhänger der Homöopathie bin. 

Auf diese Kolumne haben Sie außergewöhnlich viele und heftige Reaktionen bekommen …
Ich schreibe seit zehn Jahren Kolumnen, aber das habe ich noch nicht erlebt. Ich kriege mal drei, mal fünf Kommentare, aber dieses Mal kamen Hunderte, auf Facebook, auf Twitter, auf der Internetseite der FR. Da habe ich gestaunt. Nach dem vierten oder fünften Eintrag war aber gar nicht mehr mein Text das Thema. Man ging nur noch aufeinander los. Ich war plötzlich Objekt eines Glaubenskrieges. Mein Eindruck war, dass viele meinen Text gar nicht sorgfältig gelesen hatten.

Was haben die Kommentatoren Ihnen vorgeworfen? 
Die einen haben herausgelesen, ich sei gegen die Schulmedizin. Das ist natürlich Unsinn, ich bin begeisterter Chirurg, seit vierzig Jahren. Von dieser Seite hieß es aber, wie ich nur so einen unwissenschaftlichen Quatsch schreiben könnte. Andere sind auf mich losgegangen, weil sie – zu Recht – dachten, ich hielte nichts von Homöopathie und stellten teilweise mit vielen Worten deren großartige Erfolge dar. Mir ist irgendwann klar geworden, dass es gar nicht um mich und meinen Text ging, sondern um etwas völlig anderes.

Und um was ging es Ihrer Ansicht nach?
Wenn es um Krankheit und Gesundheit, um Leben und Tod geht, dann kochen die Emotionen schnell hoch. Und dann kommt eben zum Vorschein, dass viele Menschen von der Schulmedizin bitter enttäuscht sind, sich abgefertigt und abgewiesen fühlen, dass die Kommunikation eine Katastrophe ist. Wobei ich ausdrücklich sagen möchte: Das ist nicht das Versagen von Ärztinnen oder Ärzten, von Schwestern oder Pflegern. Sie alle geben ihr Bestes, jeden Tag. Das ist vielmehr das Ergebnis der inzwischen katastrophalen Arbeitsbedingungen. Medizin ist eigentlich etwas Wunderbares, doch der mögliche Segen ist bald zerstört. Diese Erfahrung machen auch die Patienten – und das ist das erste Feld, auf dem homöopathisch tätige Ärztinnen und Ärzte punkten. Wenn Sie dort das erste Mal hinkommen, beschäftigt man sich eine Stunde mit Ihnen. Sie können alles sagen, was Sie möchten. Sie bekommen Fragen gestellt und haben hinterher das Gefühl, jetzt hat mir endlich einmal jemand zugehört und mich ernst genommen. Und das ist in der Heilkunde das Wichtigste überhaupt.

Über diesen Weg entfaltet die Homöopathie dann auch ihre Wirkung?
Die Zuwendung ist der erste wichtige Punkt. Der zweite Punkt ist das etwas andere Menschenbild der homöopathisch tätigen Ärztinnen und Ärzte, das mir ganz sympathisch ist – auch wenn es mir die Homöopathie selbst trotzdem nicht sympathisch macht. 

Worin liegen denn die Unterschiede zum Menschenbild der Schulmedizin?
In der Schulmedizin funktioniert ein Lebewesen wie eine Maschine. Da gibt es eine Ursache und eine Wirkung. Auf die gleiche Ursache folgt bei einer Maschine immer die gleiche Wirkung. Nehmen Sie einen Lichtschalter. Einmal schalten, Licht an, nochmal schalten, Licht wieder aus, immer gleich. Doch Lebewesen sind vollkommen anders. Sie sind keine Ursache-Wirkungs-Maschinen. Sie sind nur als Individuen zu verstehen. Zwei Diabetiker haben nichts miteinander gemeinsam, außer dass ihr Blutzucker außer Kontrolle gerät, wenn sie nicht gegensteuern. Bei Lebewesen gibt es etwas zwischen Ursache und Wirkung, das nenne ich Bedeutungserteilung. Diese entscheidet über alles, was geschieht.

Was habe ich mir darunter vorzustellen?
Sie sind hungrig, sehen in einem Schaufenster einen Hamburger. Das Wasser wird ihnen im Mund zusammenlaufen. Wenn Sie jedoch gerade ein dreigängiges Menü gegessen haben, nehmen Sie den Hamburger vielleicht nicht einmal wahr, obwohl es das gleiche Zeichen ist. Genauso ist es in der Medizin, Sie geben allem, was geschieht, eine Bedeutung, individuell, immer anders. Und wenn es einem Arzt gelingt, mit dieser Bedeutungserteilung zu arbeiten, dann entsteht Wirkung – egal, ob er nun homöopathisch tätig ist oder nicht.

Hat das etwas auch mit dem Placebo-Effekt zu tun?
Von der Homöopathie wird ja behauptet, sie habe nur eine Placebo-Wirkung. Ich halte das nicht für richtig, ich finde den ganzen Begriff Placebo daneben, auch in der Schulmedizin. Wenn die Bedeutungserteilung nicht stimmt, dann kann ich einen Patienten mit Medikamenten vollpumpen – die erwünschte Wirkung wird ausbleiben. Bei Lebewesen spielt es eine eminent wichtige Rolle, was etwas bedeutet. Genau das ist der Zauber der Homöopathie, denn sie nimmt das Lebewesen als Individuum ernst. 

Da könnte also die Schulmedizin von der Homöopathie lernen?
Ja natürlich. Denn das Maschinenmodell der Schulmedizin ist eine Katastrophe. Patienten erleben ständig, dass beim Arzt vor allem Technik angeworfen wird, EKG, Röntgen, CT, Kernspintomographie… Sie kommen gar nicht dazu, ihre Geschichte zu erzählen, schon liegen sie in der Röhre, überspitzt gesagt. Das kann es doch nicht sein! Deshalb suchen die Menschen nach etwas anderem. Wenn sie dann jemanden gefunden haben, der da ist, präsent, der zuhört und sich Zeit nimmt, dann ist das schon etwas ganz Tolles.

Das Ideal einer menschenfreundlichen Medizin besteht also in Zuwendung und Verständnis. Das Gegenteil von Zugewandtheit ist in der Diskussion um die Homöopathie zu erleben, aber auch bei anderen medizinischen Themen wie dem Impfen. Warum wird so verbissen und verletzend gestritten, ohne den Hauch einer Toleranz für eine andere Sicht? 
Erst einmal habe ich den Eindruck, dass es schon fast normal ist, in Blogs oder auf Facebook und Twitter hemmungslos, also auch unter der Gürtellinie aufeinander loszugehen. Dann glaube ich, dass ganz viel mit der tiefen Enttäuschung zusammenhängt, die die Schulmedizin jeden Tag produziert. Wenn es um Krankheit geht, schlagen die Wellen so hoch wie bei keinem anderen Thema. Daher rührt auch der Hass, der ja bei Homöopathie-Anhängern genauso zu finden ist wie bei Homöopathie-Gegnern. Es werden Befunde und Diagnosen maßlos übertrieben und auch nicht erklärt, um dann lukrative Therapien wie Operationen anschließen zu können. Es herrscht Misstrauen. Es sind ja besonders die Wohlhabenden, die Gebildeten, übrigens überwiegend Frauen, die auf die Homöopathie schwören oder auch Impfungen ablehnen. Ein Beispiel: Eine Mutter geht mit ihrer Tochter, die unter Ohrenproblemen leidet, zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Der spricht von Eiter hinter dem Trommelfell, es müsse operiert werden. Die Mutter ist skeptisch, wieso Eiter? Da empfehlen Freundinnen ihr einen Homöopathen. Der gibt dem Kind die berühmten Kügelchen. Die Beschwerden sind bald verschwunden. Die Mutter singt überall das Hohelied der Homöopathie. Widerspruch oder gar der Hinweis auf Selbstheilungskräfte ist zwecklos. In dieser Hinsicht schmückt sich die Homöopathie mit fremden Federn, nämlich mit den Federn der Selbstheilung. 

Dass der Körper über Selbstheilungskräfte verfügt, ist nicht unbekannt. Warum raten Schulmediziner nicht häufiger dazu, darauf zu vertrauen und erst einmal abzuwarten?
Wenn man wissen will, was in der Schulmedizin falsch läuft, muss man der Spur des Geldes folgen. Das Nichtstun, das Abwarten, generiert niemandem ein Einkommen, damit verdient man kein Geld, im Gegenteil. Trotzdem gibt es eine – wenn auch noch schwache – Bewegung, die aus den USA kommt und „Watchful Waiting“ heißt. Aufmerksames, beobachtendes Abwarten, das finde ich großartig. Die Erfahrung jeden Arztes ist es doch, dass sich viele Beschwerden, viele Dinge von selbst regeln. Wenn man das als Arzt offen praktiziert, werden viele Patienten allerdings unruhig, weil sie es lieber haben, wenn etwas passiert. Die Auskunft: „Warten wir erst einmal ab, haben Sie etwas Geduld“ kommt deutlich weniger gut an als das Aufrufen eines großen Repertoires an Therapien.

Ist die Homöopathie als Gegenentwurf zur Schulmedizin vor allem in westlichen Industrienationen erfolgreich?
Nein. Sie hat überall auf der Welt Erfolg. In Deutschland ist es nur seltsamerweise so, dass sie sogar universitäre Reputation genießt als Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit – eine grandiose Irreführung. Krankenkassen, die eine homöopathische Behandlung bezahlen, tun das ausschließlich, um Mitglieder zu locken und zu halten. Das hat sonst keinen anderen Grund. Schon gar keinen medizinischen. 

Was wäre der Ausweg, damit Patientinnen und Patienten bei allen Ärztinnen und Ärzten das Gehör finden, das sie sich wünschen?
Meine Hoffnung ist, dass in der Medizin der Widerstand gegen die Industrialisierung des Gesundheitswesens wächst. Widerstand dagegen, aus einem Sozialsystem einen Wirtschaftszweig zu machen. Widerstand dagegen, dass Krankenhäuser schwarze Zahlen schreiben, Profit abwerfen müssen, denn das ist der Anfang vom Ende. Widerstand dagegen, dass ärztliche Arbeit zu einem Rädchen in einer Renditemaschine verkommt. Pekuniäre Interessen aus der Arzt-Patient-Beziehung herauszuhalten, das wäre der wichtigste Ansatz, um wieder Vertrauen aufzubauen. Und wenn dann Ärztinnen und Ärzte morgens wieder frohgemut zur Arbeit gehen könnten, um kranken Menschen beizustehen, zu helfen und zu heilen, dann wären Homöopathie und Alternativmedizin überflüssig.

Interview: Pamela Dörhöfer

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