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Herztransplantation Der Arzt, das Mädchenherz und die Schlagzeilen

Dem Herzchirurg Christiaan Barnard gelang 1967 eine Sensation. Die erste Herztransplantation vor 50 Jahren wurde in den Medien gefeiert.

Christiaan Barnard
Ein Arzt als Held: Berichterstattung über Christiaan Barnard 1967. Foto: afp

Die Sensation hat eine Vorgeschichte, ebenfalls eine Sensation. Geschehen zu Frankfurt am 9. September 1896. Im Mittelpunkt der Chirurg Ludwig Rehn und sein Patient Wilhelm Justus, ein Gärtner. Der gerät nach einem Ebbelwoi in eine Messerstecherei. Schwer verletzt wird er ins Städtische Krankenhaus eingeliefert. Die Zeit drängt. Rehn, Chef der Chirurgie, sieht, dass ein Messer in Justus’ Herz eingedrungen ist.

Da öffnet Rehn den Brustraum, erkennt eine deutliche Wunde an einer Herzkammer, nimmt eine Nadel und näht die Wunde. Der Patient überlebt. Die erste Operation am offenen Herzen ist geglückt! Dabei hatte der Chirurg Theodor Billroth, berühmt durch viele Pioniereingriffe, 1880 gesagt: „Der Chirurg, der es wagen sollte, eine Herzwunde zu nähen, müsste den Respekt seiner Kollegen verlieren.“ Die Überraschung war entsprechend groß, die Sache kursierte, und so ist – ohne weitere Details – der volle Name des Patienten erhalten. Das ist selten.

Herzchirurg Barnard gelingt eine Sensation

Und dann diese Sensation am 3. Dezember 1967: In Kapstadt überträgt der südafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard zum ersten Mal ein Herz von einem Menschen auf einen anderen. Es war der kurz zuvor tödlich verunglückten Denise Darvall, 25 Jahre alt, entnommen worden. Empfänger ist der 55-jährige, schwer herzkranke Louis Washkansky.

Ein Herz verpflanzt – dazu das einer jungen Frau einem viel älteren Mann. Das stand für einen Durchbruch der Medizin, eine späte Weiterführung der Operation Rehns. Das alles durch einen nicht weiter bekannten Arzt in Südafrika. Doch Barnard hatte sich gründlich vorbereitet – auch in den USA.

Die völlig überraschten Medien werfen sich auf das große Thema. Die „Frankfurter Rundschau“ spricht von einer „geglückten und erfolgreichen Transplantation“, die „Frankfurter Allgemeine“ von einer „aufsehenerregenden Operation“, die „Süddeutsche Zeitung“ sieht ein ,,wagemutiges Abenteuer“. Der „Rheinische Merkur“ schreibt, dass ,,Barnard einen Markstein in der Chirurgie gesetzt“ habe, der „Spiegel“ diagnostiziert „den Beginn einer neuen Medizin-Epoche“. Und das dank eines Herzens, Symbol für Leben, seit alters mit Mythen verwoben, Stoff vieler Märchen. Für Aristoteles war es die Akropolis des Leibes, die Verbindung mit der Seele. Ein neues Herz – könnte das den Traum vom ewigen Leben erfüllen?

Im Mittelpunkt stehen der Chefchirurg Barnard, für den „Spiegel“ der „Mann mit dem Kennedy-Lächeln“, und der Empfänger Washkansky. Ein Nobody, in Litauen geboren, schon seit 1921 in Südafrika lebend, Diabetiker und Herzpatient wie Millionen andere, ohne Chance auf eine Zeitungsnotiz. Doch nach dem 3. Dezember bemächtigen sich die Medien seiner. Für sie wird er ,,der mutigste Mann“, der „prominenteste Patient der Welt“. Die Presse zeigt ihn ohne Scheu in Bildern, zitiert ihn ständig. Das gab es zu Rehns und Justus’ Zeiten nicht.

So kommt es hier zur publizistischen und journalistischen Entdeckung des Patienten, eines konkreten Menschen. Die Anonymität ist abgeschafft. Dabei weiß niemand, ob alles stimmt, was über die Spenderin und noch mehr über Washkansky kolportiert wird. Vieles liest sich so, als sei er nun etwas anderes als ein Mensch, und es klingt wie ein Wunder, dass er mit dem neuen Herzen nicht nur leben, sondern auch etwas meinen kann.

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