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Gehen „Jeder Schritt ist ein Probieren und Lernen“

Physiotherapeut Thomas Rogall über die Kunst des Gehens, warum wiegende Hüften für unsere Füße nicht gesund sind und was Knieprobleme mit dem Po zu tun haben.

Fußabdrücke
In den Füßen spiegelt sich unsere gesamte Körperkoordination. Foto: rtr

Herr Rogall, wie läuft man richtig?
Kein Mensch kann im technischen Sinn richtig gehen. Wir können unseren Gang günstig oder auch sinnvoll gestalten. Menschen sind asymmetrisch, wir besitzen verschieden große Füße, unterschiedliche Beinlängen, einen Beckenschiefstand und Verdrehungen der Wirbelsäule. Wir bestehen zu zwei Dritteln aus Flüssigkeit und lebendigen schwingenden Zellen. Wir sind ein Versuch der Evolution.

Das heißt, von Natur aus machen wir es nicht optimal?
Jeder Schritt ist für unser Nervensystem ein Probieren und Lernen. Wir besitzen natürlich nach vielen Jahren Automatismen. Entscheidend ist bei einer der größten biomechanischen Belastungen des Körpers aber eine möglichst gute Qualität.

Und mit dem Lernen geht es schon im Kindesalter los?
Ja. Wichtig ist, dass Kinder sich auf vielfältigem unebenen Untergrund bewegen können. Ein großes Problem liegt in der Versiegelung, Glättung und Härtung unserer Böden. Wenn wir über eine unebene natürliche und schwingende Fläche gehen, sind wir viel bewusster und vorsichtiger. Auch durch das Tragen von Schuhen neigen wir zu einem zu festen Auftritt. Man könnte sagen, wir trampeln bei hoher Gehgeschwindigkeit zu oft, anstatt geschmeidig zu gehen.

Was heißt trampeln? Und worauf muss ich achten, um günstig gehen zu können?
Wenn Sie bei einem Schritt mit dem Fuß auf dem Boden landen, wirken Schwerkraft, Bodenreaktionskraft und eine hohe Bremskraft. Wenn Sie mit dem Kopf gegen ein Hindernis stoßen, spüren Sie, wie groß die einwirkenden Kräfte beim Abbremsen eines beschleunigten Körpers sind. Der Fuß und das Bein sind mit ihrer hohen Flexibilität natürlich besser geeignet als der Kopf. Sie können ein kleines Experiment machen: Halten Sie sich beim Gehen mit zwei Fingern die Ohren zu. Sie hören, wie schnell eine starke Stoßwelle vom Fuß bis zur Schädeldecke wandert – abhängig davon, wie Sie das Auftreten gestalten. Durch die Schwingungsfähigkeit unseres Körpers richten wir uns im Idealfall auf. Wir sind ähnlich wie ein Gummiball – wenn der Ball den Boden berührt, springt er wieder hoch und nach demselben Prinzip gehen wir. Aber natürlich können Sie den Gummiball so fest auf den Boden prellen, dass der Ball langfristig Schaden nimmt. Oder umgekehrt – bei zu viel Dämpfung springt der Ball zu wenig. Um einen hohen Wirkungsgrad zu erreichen, versuchen wir beim Gehen möglichst wenig Muskelkraft aufzuwenden. Für Muskelkraft wird Glukose benötigt, wir bekommen Hunger. Marathonläufer haben deshalb an den Beinen lange schmale Muskelbäuche und besitzen eine hohe Geschmeidigkeit. Ein Arnold Schwarzenegger kann im Vergleich dazu mit seinen Muskelbergen nicht gut ausdauernd laufen. Elastizität ist das A und O und wie ich meinen Fuß aufsetze. 

Wieso gehen so viele Menschen falsch?
Ungünstig, nicht falsch. Entscheidend ist der Landepunkt. Wenn ich sehr weit hinten auf der Ferse lande, lande ich auf hartem Knochen. Wenn ich flächig auf der Ferse lande, dämpft ein bis zu einem Zentimeter dickes Fettpolster den Aufprall. Die größte Stoßdämpfung erfolgt dann über das Kniegelenk, das sich bei einer flächigen Landung in einer leichten günstigen Beugestellung befindet. Wenn ich zu weit hinten lande, ist das Knie gestreckt. Außerdem gibt das Gewölbe des Fußes bei vollem Bodenkontakt nach, der Fuß wird länger und breiter. Nach dem Landepunkt ist die Balancefähigkeit entscheidend. Sie nimmt, wenn wir sie nicht trainieren, mit dem Alter ab. Ohne Balancetraining sind wir zunehmend sturzgefährdet.

Was wäre eine geeignete Übung?
Zum Beispiel der Einbeinstand. Das Ziel ist, ruhig auf dem Fuß zu stehen. Die Ferse steht aufgerichtet, die Zehen liegen in der Länge ausgestreckt und entspannt auf dem Boden. Das Becken sollte auf der angehobenen Beinseite ebenfalls angehoben werden. Das Steißbein ist ein wenig zum Bauchnabel gezogen, der untere Rücken ist lang. Breiten Sie dabei die Arme wie bei einer Umarmung nach vorne aus. 

Es gibt auch eine steigende Zahl derer, die den Ballengang verfechten, mit dem sich angeblich die Naturvölker fortbewegen. Was halten Sie davon?
Wenn wir barfuß gehen, wechseln wir den Landepunkt je nach Bodenbeschaffenheit. Sobald der Boden unangenehm wird, landen wir auf dem Ballen. Wenn Sie auf einem spitzen Stein auf der Ferse landen, ist das sehr schmerzhaft. Sobald der Boden es erlaubt, wechseln wir aber wieder zur Ferse, weil unser Energieverbrauch geringer ist. In dem Moment, in dem Sie den Stoß über den Ballen, der viel elastischer als die Ferse gebaut ist, abdämpfen, muss Ihre Wadenmuskulatur vermehrt arbeiten. Sie verlieren Schwung für Fortbewegung und Aufrichtung. 

Welche Schuhe sind sinnvoll? Gesundheitsschuhe wie Birkenstocks?
Jeder Schuh, vom festen Bergschuh über Birkenstocks bis hin zu Schuhen mit Einlagen, hat Vor- und Nachteile. Nachdem wir die Variabilität der Böden verloren haben, sollten wir öfters die Schuhe wechseln. Und der Schuh ist nur in Kombination mit dem Menschen zu sehen. Es reicht nicht, einen Schuh zu bewerben und zu sagen, der ist gesund, wenn der Träger nichts über die Vor- und Nachteile weiß. 

Das heißt, ich kann einen Tag lang Absatzschuhe tragen und den nächsten was Bequemes, Flaches?
Es ist günstig mehrmals am Tag zu wechseln. Grundsätzlich gilt: Die Ferse sollte in jeder Schrittphase aufgerichtet und stabil stehen. Bei einem höheren Absatz entsteht mehr Druck auf den feingliedrigen Vorfußballen mit seinen kleinen Gelenkflächen und den Zehen. Das ist ähnlich wie Handstand auf den Fingerkuppen. Man kann die sinnvolle Belastung der Hand bei einem Handstand oder beim Gehen auf den Händen mit der sinnvollen Belastung des Fußes sehr gut vergleichen, da wird vieles deutlich.

Welche Auswirkungen hat das ungünstige Gehen auf die Füße?
In unserem Fuß entsteht ein Abdruck der Bewegung des ganzen Körpers. In ihm spiegelt sich unsere gesamte Körperkoordination. Der Körper sollte sich so über den Fuß bewegen, dass die Ferse als „Steuerruder“ für eine gleichmäßige Lastverteilung auf unsere fünf Fußstrahlen sorgt. Wenn sie nach innen oder außen kippt oder während der Belastung wackelt, wird der Fuß nicht im Sinne der Gewölbekonstruktion belastet. Die kleine feinmotorische Muskulatur des Fußes hat bei den hohen Druckkräften, die bei einer ungünstigen Körperkoordination entstehen, keine Chance, Halt zu bieten. Wenn man bedenkt, wie viele Schritte wir jeden Tag gehen, können dann über Jahre hinweg schmerzhafte Probleme und Gesundheitsschäden entstehen. Am Anfang verformen sich Füße. Meistens fängt es mit der kleinen Zehe an. Sie bewegt sich zur vierten Zehe. Es entstehen weiter Fehlstellungen wie Hohlfuß, Knick – Senk – Spreizfuß, Hallux valgus, Krallen- oder Hammerzehen mit daraus folgenden schmerzhaften Symptomen.

Und wirkt sich das auch auf den ganzen Körper aus?
Da wir zwei Füße haben und sich unter der Körpermitte kein Fuß befindet, müssen wir den Körper über dem Fuß balancieren. Das Becken sollte dabei als Drehpendel Bremskräfte in Schwung für die andere Seite wandeln. Der Oberkörper mit den Armen dreht entgegengesetzt. Durch die gegensinnige Verwindung des Rumpfes wird unser Körper über den Füßen stabil und in der Folge auch unsere Füße. Die Stoßwelle des abbremsenden Fußes läuft dabei in hoher Geschwindigkeit als erstes Richtung Knie. Hier sollte eine Dämpfung erfolgen. Erfolgt diese Dämpfung nicht, wird sie oft durch ein nach außen pendelndes Becken im Hüftgelenk ersetzt und Fuß und Kniegelenk verlieren ihre Ausrichtung in Gehrichtung. Das hin- und herpendelnde Becken führt zu hin- und her kippenden Füßen. Das ist häufiger bei Frauen der Fall und gilt leider als ein „sexy“ Gang. Die Entstehung eines Spreizfußes, eines Hallux valgus’ oder auch von Wirbelsäulenbeschwerden sind dann programmiert. Bei Männern schwingt oft der ganzen Körper in einer Art Matrosengang über den Fuß. Bei besonders starken Männern sieht man dann, dass die Füße und Beine nach außen anstatt in Gehrichtung zeigen und das Becken sehr steif und unbeweglich wirkt, weil der kräftigste Muskel des Menschen, unser Po, bei ihnen oft sehr stark angespannt ist. Sie können den Po nicht mehr lockerlassen. Damit machen sie sich steif, wanken zur Seite und der Fuß wird beim Abdruck zu stark über die große Zehe belastet. Verformungen sieht man allerdings häufiger bei Frauen, weil das Bindegewebe weicher ist. Bei Männern entstehen durch die hohe Körperspannung langfristig Probleme an Gelenken, besonders am Knie.

Mit einem günstigen Gang kann ich also vieles verbessern.
Ja, deshalb schule ich das Bewusstsein und die Achtsamkeit für das Gehen, da aufgrund der hohen Kräfte ansonsten keine langfristige Verbesserung des Wohlbefindens im Bewegungssystem zu erzielen ist.

Sie können also schon wenn der Patient eine kurze Strecke vor Ihnen läuft, erkennen, wo vermutlich Probleme auftreten. 
Ja. Entscheidend ist, dass ich mit dem Patienten daran arbeite, dass beim Gehen im Körper alle Bereiche schwingen und die Stoßwelle des landenden Fußes durch eine sinnvolle Körperkoordination für die Aufrichtung und Fortbewegung genutzt werden kann. Bei Verspannungen und einer ungünstigen Koordination des Körpers treten extrem hohe Belastungsspitzen auf. Dort werden früher oder später auch Symptome und nachfolgende Schäden entstehen.

Welche Übungen kann man vorbeugend täglich machen?
Den erwähnten Einbeinstand. Massieren Sie außerdem Ihren Fuß mit einem festen Igel- oder Noppenball um die Füße geschmeidig zu erhalten und den Stoffwechsel zu steigern. Stellen Sie sich dazu auf den Ball. Bearbeiten Sie die ganze Fußsohle, vor allem im Bereich des Gewölbes.

Wie viele Sitzungen brauche ich, um ein falsches Bewegungsmuster zu durchbrechen? Geht das überhaupt?
Ja! Sie können durch kleine Hinweise sofort die Art und Weise zu gehen verändern. Je nachdem, ob Sie wütend, traurig oder fröhlich sind, werden Sie unterschiedlich gehen – morgens gehen Sie anders als abends. Das Problem ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Gewohnheit. Wollen Sie wirklich Ihren Gang verändern, Ihre Kunst des Gehens entwickeln? Wenn Sie motiviert sind, kann schon eine Stunde in der Fuß-Schule viel bewirken. Wenn Sie zum Beispiel gerne Tango auf hohen Schuhen tanzen, kann das sehr bereichernd sein und Sie werden die Schrittfolgen lernen. Die Frage ist, wie gehen Sie den Rest Ihrer Zeit und welche Schuhe verwenden sie dafür.

Interview: Julia Hildebrandt

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