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Ernährung Wenn Essen uns erlösen soll

Den so genannten Superfoods eilt ein guter Ruf voraus. Doch Ernährungsexperten kritisieren das Heilsversprechen exotischer Lebensmittel.

Superfoods
Ohne Gojibeeren, Quinoa, Matcha und Co. geht in mancher modernen Küche gar nichts. Foto: iStock

Die ewige Jugend? Ist zum Greifen nah – glaubt man der Werbeindustrie. Und der Aufwand ist auch noch relativ gering. Es kommt nur auf die richtige Ernährung an. Sogenannte Superfoods stehen seit einiger Zeit in Biomärkten und Drogerien im Regal und werden zusätzlich im Internet als Wundermittel vermarktet. Doch was bringen Gojibeeren, Algen, Matcha und Chiasamen wirklich?

Lebensmittelchemiker Udo Pollmer sieht die „Super-Lebensmittel“ kritisch: „Allein die Idee eines Superfoods, also nicht einer besonders schmackhaften, sondern einer gesundmachenden Speise, die irgendwoher aus der weiten Ferne kommt, um uns zu heilen, das ist an sich schon eine Marotte. Es gibt keine ‚gesunden‘ Lebensmittel, sondern es gibt Lebensmittel, die schmecken, die satt machen, die nähren, und es gibt Lebensmittel, die gesundheitlich nicht schaden.“

Das sieht eine breite Mehrheit anders. 100 Gramm Gojibeeren für 5,99 Euro, Spirulina-Algen in Tabletten- oder Pulverform für schlappe zehn Euro pro 100 Gramm. Verkauft sich, und zwar sehr gut. Ernährungspsychologe Johann Christoph Klotter von der Hochschule Fulda hat dafür eine Erklärung: „Das Essen muss heute Erlösung gewährleisten. Das ist kein wissenschaftliches sondern magisches Denken.“ Gleichzeitig nehme die Zahl der qualitätsbewussten Esser in Deutschland zu. Positiv daran sei die Einstellung dahinter, sagt Klotter: „Ich kümmere mich um mich, ich schätze mich genug, damit ich versuche, mein Wohlbefinden durchs Essen zu steigern. Nur die Erwartungen, die damit verknüpft sind, die sollte man reflektieren.“

Die Käufer schielen derweil auf die angepriesenen und vermeintlich vor Krebs schützenden Antioxidantien, die besonders zahlreich in Superfoods wie Chiasamen oder Algen enthalten sein sollen. Lebensmittelchemiker Pollmer rät zur Vorsicht: „Antioxidantien sind nur wirksam, wenn das richtige Antioxidans in der richtigen Dosis und unter geeigneten Bedingungen eingesetzt wird. Die Dosis muss möglichst gering sein.

In Überdosierung oder in Gegenwart von Eisen – zum Beispiel im Blut – werden Antioxidantien zu Radikalproduzenten, sind also Krebspromotoren. In Lebensmitteln haben Sie übrigens die wirksamsten Antioxidantien in Kaugummi.“ Auf Algen verzichte man als gesundheitsbewusster Mensch am besten ganz: „Da können Gifte jeglicher Art drin sein und es gibt regelmäßig Beanstandungen. Das passiert häufiger, als dass irgendwo ein dubioses Mittelchen in den Eiern drin ist“, sagt der Lebensmittelchemiker.

Weiterer Minuspunkt der Super-Lebensmittel ist die Tatsache, dass die Produkte weite Wege zurücklegen: Quinoa aus den Anden, Chiasamen aus Mittelamerika, Gojibeeren aus China. Das ist nicht nur ökologisch bedenklich, teilweise sind die Folgen für die Erzeugerländer fatal. Der Quinoa-Boom etwa hat dazu geführt, dass das Pseudogetreide nicht nur in Peru, sondern inzwischen auch in Indien, Europa und den USA angebaut wird. Die Folge ist ein Preisverfall, der Perus Bauern in finanzielle Nöte bringt.

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