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Depression im Alter Das unentdeckte Altersleiden

Depressionen sind die zweithäufigste psychische Erkrankung bei älteren Menschen. Ein Modellprojekt will die Behandlung depressiver Störungen bei Pflegeheim-Bewohnern verbessern.

Menschen im Altenheim
Bethi Aron (Mitte) begleitet die Heimbewohner durch den Alltag. Jeden Tag gibt es ein Programm: Heute kommen Kürbisse auf den Tisch. Foto: Christoph Boeckheler

Von welcher Wichtigkeit das Forschungsprojekt Davos ist, machten die Verantwortlichen schnell deutlich. „Depression ist die zweithäufigste psychiatrische Erkrankung bei älteren Menschen“, sagte Valentina Tesky vom Arbeitsbereich Altersmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt, der das Projekt in Kooperation mit dem Hessischen Institut für Pflegeforschung der Frankfurt University of Applied Sciences durchführt. Die Krankheitshäufigkeit ist in Altenpflegeheimen dabei fast doppelt so hoch wie in der älteren Allgemeinbevölkerung. Bei genau diesem Problem setzt das Projekt an.

Davos steht für „Depression im Altenpflegeheim – Verbesserung der Behandlung durch ein gestuftes kollaboratives Versorgungsmodell“. Was kompliziert klingt, zielt auf die Behandlung an Depression erkrankter Menschen in Altenheimen. Bis zu 30 Prozent der Bewohner seien von Depression betroffen, so die Projektverantwortlichen. Besonders fatal ist, dass der überwiegende Anteil der Erkrankungen nicht erkannt wird und jene Fälle, die diagnostiziert werden, nur unzureichend behandelt werden. Es fehle an pharmazeutischer Behandlung, aber vor allem an Psychotherapien – ein eklatantes Versorgungsdefizit, so Tesky. Mit einer Depression steige auch immer das Suizidrisiko. „Ein Problem ist, dass eine Richtlinie den Psychotherapeuten vorschreibt, dass die Behandlung in den Praxisräumen stattfinden muss“, sagte Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Uni. Dadurch würden Behandlungen von Pflegeheim-Bewohnern erschwert. Davos möchte zeigen, dass die Behandlung in den Einrichtungen funktioniert, und somit vielleicht eine Änderung der Richtlinie bewirken. 

Modellprojekt vorerst nur in Frankfurt 

„Es ist das erste Projekt dieser Art in Deutschland“, hob Valentina Tesky hervor. Da eine wissenschaftliche Evaluierung stattfinde, könnte das Pilotprojekt nach erfolgreichem Abschluss auch auf die nationale Ebene ausgerollt werden. Bis es so weit ist, bleibt Davos ausschließlich in Frankfurt verortet. Zehn Pflegeeinrichtungen der beiden Träger Frankfurter Verband und Agaplesion sind Teil des Projekts.

Probanden sind dabei alle Bewohner über 60 Jahre, die sich freiwillig für den Versuch melden. „Depression ist dabei keine Voraussetzung“, sagte Arthur Schall, ebenfalls vom Arbeitsbereich Altersmedizin der Goethe-Universität. Gesunde Teilnehmer brauche man wegen der Vergleichbarkeit, aber auch, weil Depressionen ein schleichender und eben oft unerkannter Zustand seien. Einige Probanden könnten also ein Risiko zur Erkrankung haben, und das Projekt erfülle damit auch eine präventive Funktion.

Im Dezember beginnen die individuellen Befragungen aller Teilnehmer. Zudem soll in allen Pflegeeinrichtungen eine Aktivierungsgruppe etabliert werden, bei der jeder mitmachen kann. Dadurch soll die soziale Teilhabe gesteigert werden. Bei Probanden, die eine Depression aufweisen, werden schließlich psychotherapeutische Einzelgespräche durchgeführt und es werden psychotherapeutische Depressionsgruppen gebildet.

Angelegt ist das Projekt zunächst bis Mitte 2020. Insgesamt stehen den Projektverantwortlichen 1,4 Millionen Euro zur Verfügung. Gefördert wird Davos vom Innovationsausschuss des Bundes.

Als Ziel setzen sich die Verantwortlichen zunächst, die Lebensqualität und soziale Partizipation der betroffenen Teilnehmer zu steigern. Auch die Pflegekräfte sollen sensibilisiert werden, um Symptome besser zu erkennen. Außerdem soll das Projekt zu einer Entlastung führen und Schulungsmodelle schaffen.

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