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Burnout-Syndrom Ausgebrannt, leer, kaputt

Burnout ist eine Volkskrankheit – oder doch nicht? In Dresden versuchen Forscher mit der größten Untersuchung aller Zeiten erstmals, das Erschöpfungssyndrom medizinisch fassbar zu machen.

smoking candle
Detail of a smoking wax candle Foto: Istock

Freunde haben sie gewarnt. Sie sei doch wohl verrückt. Mit einem Journalisten darüber reden. Wozu denn? Wer weiß, was da nachher in der Zeitung über sie stehe? Ob sie sich das auch wirklich gut überlegt habe? Aber sie ist gekommen.

Ein Café, ein lauer Nachmittag, ein Tisch unter Platanen, eine Brause mit Limetten, ein Glas Weißwein. „Warum denn nicht?“, sagt die junge Frau. „Ich habe nichts verbrochen, ich habe nichts Schlimmes getan.“ Sie will ihre Geschichte erzählen, vielleicht nützt es ja jemandem. Sie ist 38 Jahre alt, Chirurgin. Sie wirkt sympathisch und vergnügt, lacht viel. Aber sie ist in Wahrheit ziemlich am Ende.

Sie hat in Norddeutschland Medizin studiert, dann Karriere gemacht, ist Oberärztin geworden. Seit elf Jahren arbeitet sie an einer namhaften Klinik. Sie fängt um 7.30 Uhr an, ab 8 steht sie im OP und operiert bis 18 Uhr. Ihr Arbeitswoche hat 50 bis 60 Stunden. Nebenbei kümmert sie sich ehrenamtlich um Kinder und Jugendliche in gestörten Familien. Nachts liegt das Handy neben dem Bett, wenn sie Bereitschaft hat.

Sie hat viel durchgearbeitet, mittags nichts Ordentliches gegessen, wenig auf sich geachtet. Der Gang in die Krankenhauskantine war ihr zu lang, er hätte zehn kostbare Minuten Arbeitszeit verbraucht. Sie fehlte nie, auch nicht, wenn sie krank war. Jeden dritten Samstag im Monat fiel sie ins Bett und schlief 24 Stunden auf Vorrat, wenn der Akku leer war. Die Wochenenden sind auf Monate hinaus mit Freunden, Besuchen, Kurzurlauben durchgeplant. Abends liest sie oft bis tief in die Nacht, bis halb zwei, halb drei. „Ich bin eine alleinstehende Nichtmutter“, sagt sie. Sie ist mehr für andere als für sich da. Ihren Beruf, das Operieren liebt sie aber: „Er ist sehr vielfältig“, sagt sie. Und sie ist eine gute Ärztin. Gibt es ein Problem, ruft man nach ihr. Sie ist die Lösung, ihr fällt immer etwas ein. Sie lässt nichts liegen, beantwortet sofort alle E-Mails und Anfragen. Sie schreibt umgehend die erforderlichen Arztberichte, sie arbeitet am Anschlag und ist anerkannt dafür, geachtet und respektiert. Sie sagt: „Eigentlich bin ich doch ein Glückspilz.“

Vor drei Jahren kam der Anfang vom Ende. Dienstpläne änderten sich, sie musste noch mehr ran. „Ich war immer verfügbar“, erzählt sie. „Mein bisschen Freizeit schrumpfte noch mehr, Schwimmen, Volleyball, die Freunde – alles fiel irgendwann weg. Ich arbeitete nur noch.“

Vor einem Jahr stand sie am OP-Tisch und klappte zusammen. „Ich wollte nur noch, dass ich tot bin“, sagt sie. Sie rappelte sich wieder auf und machte weiter. So leicht ist sie nicht unterzukriegen. Und Aufgeben, das steht nicht im Programm. In diesem Frühjahr, nach einem Unfall mit angeschlagenem Knie, stand sie schief am OP-Tisch, anstatt sich selbst operieren zu lassen. Es war nicht mehr zu übersehen, was mit ihr los war. Sie dachte öfter an Selbstmord, aber sie wusste nicht wie. Und sie wollte nicht, das andere danach „den Dreck“ wegmachen müssen.

Damals rief sie einen Psychologen an und bat um Hilfe. Die Diagnose war eindeutig: Burnout. Ausgebrannt, leer, kaputt, nichts geht mehr. So geht es nicht weiter. Ende.

Über Burnout scheiden sich die Geister. Mal ist es eine neue Volkskrankheit, mal Modeerscheinung, mal Medienhype, mal Depression. Burnout ist seit Jahren ein öffentliches Thema. Es gibt Prominente, die über ihr Ausgebranntsein berichteten: Ralf Rangnick, der Fußballtrainer. Sven Hannawald, der Skispringer, Tim Mälzer, der Fernsehkoch.

Es geistern Zahlen durchs Internet, wonach angeblich 13 Millionen Deutsche von Burnout bedroht seien, wonach jeder fünfte Arbeitnehmer Burnoutphasen durchleidet, jeder Dritte am Limit arbeitet und jedes Jahr 71 Milliarden Euro Produktionsausfallkosten durch Burnout entstehen.
Und dennoch: Wissenschaftlich gesehen ist Burnout immer noch ein Pudding, der an die Wand genagelt werden muss, auch wenn der Begriff schon mehr als 40 Jahre alt ist. Herbert Freudenberger, ein New Yorker Psychotherapeut, erfand ihn, nachdem er lange Zeit über seine Kräfte hinaus gearbeitet hatte und an einem Punkt angekommen war, wo nichts mehr ging. Er nannte es später Ausgebranntsein, und damit war das Wort in der Welt.

Clemens Kirschbaum will sich in den nächsten zwölf Jahren um den begrifflichen Pudding kümmern. Kirschbaum, Jahrgang 1960, ist Professor für Biopsychologe an der Technischen Universität Dresden und hat gerade das größte Forschungsprojekt über Burnout angeschoben, das es weltweit jemals gegeben hat. Es läuft über zwölf Jahre, 10 000 Menschen zwischen 18 und 68, Gesunde und Kranke, werden befragt und untersucht. Und am Ende, wenn Professor Kirschbaum in Pension geht, sollte etwas mehr Klarheit herrschen.

„Burnout ist noch vollkommen unerforscht“, sagt der Wissenschaftler, während sein kleines „Institutshündchen“ unterm Tisch in seinem Büro umherläuft. Mit zehn Mitarbeitern hat er das Riesenprojekt gerade begonnen, bisher haben sich auf die Aufrufe im Internet schon 3800 Personen gemeldet, die an der Studie teilnehmen und sich testen lassen wollen. Die restlichen 7000 oder 8000 dürften auch kein Problem sein, sagt er.

Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Kopfweh, chronische Müdigkeit, innere Leere, das Verschwinden von Emotionalität und Empathie, Nervosität, Entscheidungsunfähigkeit, Verdauungsprobleme: Die medizinische Fachliteratur listet weit über 100 seelische und körperliche Symptome für Burnout auf. Aber nichts davon ist spezifisch für Burnout und das macht die Angelegenheit schwierig. Das Erschöpfungssyndrom gilt nicht als eigene Krankheit, sondern als eine Art Vorstufe oder Bedingung für die Entstehung von Krankheiten. Es gibt einen von der Weltgesundheitsorganisation genau festgelegten Katalog, eine internationale Klassifikation von Erkrankungen und verwandten Gesundheitsproblemen (ICD), in der alles einsortiert ist. In dieser „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, Auflage 10 von 2012, die für deutsche Ärzte und ihre Abrechnungen mit Krankenkassen verbindlich ist, ist Burnout nicht als Krankheit definiert, sondern als „Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führt“. Burnout gilt als „Problem mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensführung“, nicht als eigene Krankheit. Im Leistungskatalog der Krankenkassen gibt es also keinen Burnout, was zur Folge hat, dass Ärzte, die einen Burnout-Patienten vor sich sitzen haben, gerne bei der Abrechnung auf „Depression“ ausweichen und „Burnout“ zusätzlich anmerken.

Es gibt sogar Wissenschaftler, die Burnout für eine Seifenblase halten. Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, meinte einmal zum Thema: „Es gibt keine klar definierte Diagnose Burnout und auch keine methodisch guten Studien zur Wirksamkeit von Behandlungen“. Die Idee einer „Volkskrankheit Burnout“, mit der Medien kokettierten, sei fehl am Platz. In Wirklichkeit verberge sich hinter dem Erschöpfungs-Syndrom in den meisten Fällen etwas anderes und Burnout sei „manchmal eine besser klingende Ausweichdiagnose für die schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung Depression, manchmal eine alltägliche Erschöpfung bei Überbelastung, die schlicht Erholung und keine ärztliche Behandlung erfordert“.

„Natürlich gibt es Burnout“, sagt der Dresdner Forscher Kirschbaum. „Selbstverständlich gibt es Leute, die ausgebrannt sind, die sich in ihrem Berufsleben für etwas ausgebrannt haben.“ Kirschbaum hält die Praxis, Patienten dann unter „Depression“ zu verbuchen für falsch. „Kein Neurologe würde Parkinson unter Depression verbuchen“, sagt er, „auch wenn Parkinsonpatienten manchmal sehr depressiv wirken können.“

Die Krankenkasse DAK Gesundheit hält Burnout nicht für eine Volkskrankheit. In ihrem Gesundheitsreport 2013 heißt es: „Es gibt offensichtlich kein Massenphänomen Burnout.“ Der Begriff sei auch durch die breite Berichterstattung in den Medien positiver besetzt und sozial akzeptierter als eine Depression. Das habe dazu beigetragen, dass Arbeitnehmer beim Arzt jetzt leichter über psychische Beschwerden sprechen.

Also mehr und lieber Burnout, weil es schlicht besser klingt als Depression?

Kirschbaum ist ein Grundlagenforscher. Er hat in Münster, Trier, Düsseldorf, an der Universität Rochester in den USA gelehrt und gearbeitet, seit einem Jahr ist er nun in Dresden. „Wir wollen erstmals die biologischen Ursachen einer bisher unverstandenen Erkrankung finden“, beschreibt er sein Projekt. „Solange wir nicht wissen, was Burnout eigentlich ist, wissen wir auch nicht, ob wir es richtig oder falsch behandeln.“ Blutwerte, Hormonbilanzen, Erkrankungen, Haaranalysen – alles wird erfasst. Neue Verfahren sollen entwickelt werden, die Burnout erkennbar und messbar machen. Ein riesiger Haufen Arbeit türmt sich auf, Hunderttausende Daten, die durchsiebt und verstanden werden müssen, um etwas Nützliches und Brauchbares daraus zu machen.

Am Ende, sagt Kirschbaum, und das wäre sein Wunschergebnis so im Jahr 2027, sollte eine Art Werkzeugkasten stehen, mit dem sich beantworten und erkennen lässt, wem Burnout droht, wem eher nicht, was dazu beiträgt und was vorher getan werden kann, um ihn zu verhindern.

Die junge Ärztin will gehen. Der Abend ist noch zu schön. Es ist genug geredet. Sie steigt auf ihr Rad. „Ich weiß gar nicht, wie ich es hätte verhindern sollen“, beschreibt sie ihren langsamen Absturz. Jetzt ist sie ein Stück weiter. „Man muss atmen, man muss essen“, sagt sie. Ein einfacher und selbstverständlicher Satz – aber etwas, das ihr verloren gegangen ist.

Sie arbeitet wieder, aber sie macht pünktlich um vier Uhr Schluss. Sie ist immer noch ein Pflichtmensch, aber nicht mehr so sehr Mutter Theresa. Sie sagt öfters Nein. Sie fühlt sich nicht schlecht dabei. „Lieber 30 Jahre lang mit 80 Prozent, als drei Jahre mit 120 Prozent“, sagt sie. Und dass man auch mal ruhig dasitzen, nichts tun und nur in die Luft gucken darf.

Der Psychologe scheint zu helfen.

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