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Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung Zweifel an Diagnosen

Schätzungen zufolge sollen bis zu sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren in Deutschland an ADHS leiden. Das bedeutet 600.000 Patienten. Aber nicht jeder unruhige Schüler ist gleich krank

24.02.2011 18:30
Kerstin Krupp
Ritalin kam in den 50er Jahren als Aufputschmittel auf den Markt. Foto: dpa

Die Diagnose ist für die Familie gelinde gesagt eine Erleichterung. Die Ursache von Timms rastlosem Wesen, die ihn im Unterricht kaum stillsitzen und andere ständig stören lässt, hat einen Namen: Aufmerksamkeitsdefizit verbunden mit einer Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS. Das aus der Norm fallende Verhalten des Neunjährigen ist Folge einer neurobiologischen Störung und nicht Folge verfehlter Erziehung. Schätzungen zufolge sollen bis zu sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren in Deutschland an ADHS leiden. Das bedeutet 600.000 Patienten.

Man geht davon aus, dass im Hirn der Betroffenen die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nicht ausreichend vorhanden sind. Diese Neurotransmitter leiten regulierende Impulse von einer Nervenzelle zur anderen. Fehlen sie, können Kinder wie Erwachsene ihre Intelligenz und Fähigkeiten nicht einsetzen, weil sie zu schnell reagieren. Abhilfe soll der Wirkstoff Methylphenidat schaffen, am häufigsten unter dem Namen Ritalin verkauft.

Zahlreiche Nebenwirkungen

Erstmals kam das Mittel in den 50er Jahren als Aufputschmittel auf den Markt, bis man entdeckte, dass es unruhigen Kinder zur Konzentration verhilft. Allerdings haben die drastisch angestiegenen Verschreibungen der Pillen in den vergangenen zwanzig Jahren kritische Nachfragen ausgelöst. Immerhin hat der dem Betäubungsmittelgesetz unterliegende Wirkstoff zahlreiche Nebenwirkungen. Diese reichen von Appetit- und Schlaflosigkeit bis zu Depression und Nervosität.

Der Sozialpsychologe Rolf Haubl, Leiter des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, sieht dies sehr kritisch. Wenn Kinder zappelig oder unruhig seien, müsse das nicht gleich eine Störung sein. Übermäßiger Fernseh- und Computerkonsum, wenig Bewegung oder Schlafmangel – all das wirke sich negativ auf die Konzentrationsfähigkeit aus.

Auch hat eine Studie des Centre for Health Equity Studies in Stockholm ergeben, dass Kinder aus bildungsfernen Familien häufiger medikamentös behandelt werden als solche aus gebildeten Familien.

Solche Erkenntnisse lassen mitunter Zweifel an den Diagnosen aufkommen. „Unter dem Druck von Schulen und Eltern steigt die Bereitschaft der Ärzte, die strengen Vorgaben zur Diagnose laxer zu sehen“, sagt Haubl. Möglicherweise seien manche Kinder- und Jugendärzte auch überfordert von der aufwendigen Diagnostik.

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