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Gesundheit Sport macht glücklich

Der Ulmer Sportmediziner Jürgen Steinacker über Bewegung als Therapie und die Krux unseres Gesundheitssystems.

03.10.2012 16:35
Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß – im Dienste der Gesundheit. Foto: Getty Images

Sport ist Mord, heißt es zwar im Volksmund. Eigentlich aber weiß schon jedes Kind, dass es gut und wichtig ist, sich regelmäßig körperlich zu betätigen. Dennoch sind die Deutschen viel zu träge, beklagen Sportmediziner im Vorfeld ihrer Jahrestagung in Berlin, die vom Donnerstag bis zum Sonnabend stattfindet. Der Ulmer Sportmediziner Jürgen Steinacker und seine Kollegen setzen sich nun verstärkt dafür ein, dass Sport nicht nur als Freizeitspaß verstanden wird, sondern als Therapie und wichtiges Instrument zur Vorbeugung von Krankheiten.

Herr Professor Steinacker, sind Sie als Sportmediziner ein gutes Vorbild und treiben selbst Sport?
Dreimal in der Woche gehe ich entweder Rudern oder Joggen. Und ich bemühe mich, auch in den Alltag viel Bewegung zu integrieren. So nehme ich zum Beispiel nie den Fahrstuhl, sondern laufe die Treppe.

Bewegen sich die übrigen Deutschen zu wenig?
Unsere Bewegungsfreude ist leider nicht gerade groß. Im europäischen Maßstab sind wir weit hinter Nationen wie den Niederlanden, Schweden und Finnland, aber immerhin noch vor den Mittelmeerländern. Also unteres Mittelmaß.

Was ist die Folge?
Der Bewegungsmangel trägt mit dazu bei, dass Übergewicht und Typ-2-Diabetes sehr häufig sind bei uns. Das ist auf Dauer eine große Last für die Betroffenen – und für das Gesundheitssystem.

Die Initiative „Sport ist Medizin“ will nun die Menschen in Bewegung bringen. Aber wie?
Unsere europäische Initiative, die mit dem Sportmedizin-Kongress in Berlin startet, richtet sich an Ärzte und an Patienten. Gerade Ärzte können Patienten einen wichtigen Anstoß dazu geben, Sport als Medizin zu betrachten. Dieser Anstoß erfolgt aber noch viel zu selten. Wir wollen den Menschen bewusst machen, dass Sport ein Mittel ist, um die Gesundheit und das Wohlbefinden zu steigern. Wir planen zum Beispiel Aktionen, in denen wir an Hausärzte appellieren, ihre Patienten nach regelmäßiger Bewegung zu fragen. Und wir möchten Patienten vermitteln, dass gute Ärzte immer auch Bewegung als Therapieoption im Blick haben sollten. Es geht darum, umzudenken.

Was läuft denn falsch?
Medizin ist aus Sicht der Sportmediziner nicht nur zur Bekämpfung von Krankheiten da, sondern auch zur Förderung von Gesundheit. Unser Gesundheitssystem ist aber nur auf die Optimierung von Prozessen ausgerichtet und sehr kostenorientiert. In keinem Land der Welt werden so viele Herzkatheter-Untersuchungen vorgenommen wie in Deutschland. Auch beim Einsetzen von künstlichen Hüftgelenken und Knie-OPs sind wir weit vorne. Ausreichend Bewegung könnte viele dieser Eingriffe überflüssig machen.

Immerhin gibt es inzwischen beim Arzt ein eigenes Rezept für Bewegung.
Das ist eine gute Sache. Anfang des Jahres hat die Bundesärztekammer zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin ein bundesweit einheitliches Rezept für Bewegung eingeführt. Mit dem Rezept empfiehlt der behandelnde Arzt eine Sportart und in welchem Maß sie betrieben werden sollte. Auf der Website „Sport pro Gesundheit“ finden die Patienten entsprechende Kurse mit Qualitätssiegel. Viele Krankenkassen fördern diese Kurse finanziell.

Was sind die wichtigsten gesundheitsfördernden Effekte?
Man lebt länger und glücklicher. Wer täglich anderthalb Stunden Sport treibt, verlängert sein – gesundes! – Leben um zwei bis drei Jahre. Noch wichtiger ist aber der Effekt auf die Lebensqualität: Sport steigert das Wohlbefinden, er macht zufriedener, ausgeglichener und hebt die Stimmung.

Für welche Krankheiten ist der Nutzen von Sport zweifelsfrei erwiesen?
Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beispielsweise lässt sich durch Sport um etwa 40 Prozent senken, auch das Diabetes-Risiko sinkt deutlich. Beides ist vor allem durch die Muskeltätigkeit zu erklären: Die Muskulatur nimmt besser Zucker auf und verbrennt auch mehr davon – das ist gut für den Zuckerstoffwechsel. Durch die Bewegung ist die Muskulatur außerdem besser durchblutet. Das hat zur Folge, dass der Blutdruck und die Herzfrequenz sinken und die Organe gut arbeiten. Mit der Durchblutung hat es vermutlich auch zu tun, dass regelmäßige Bewegung das Risiko, eine Demenz zu entwickeln, um 30 Prozent senkt. In diesem Ausmaß beugt Bewegung auch Depressionen vor.

Immer wieder hört man, dass Sport gegen Krebs hilft. Ist das wahr?
Das stimmt. Studien haben gezeigt, dass Sport das Risiko für Darm- und Brustkrebs sogar halbiert. Und selbst wenn man bereits erkrankt ist, hilft Bewegung sehr dabei, zu verhindern, dass der Krebs wiederkehrt. In dieser Hinsicht ist Sport mitunter wirksamer als eine Chemotherapie.

Sport kann also tatsächlich Medikamente ersetzen?
Bei Typ-2-Diabetikern ist es oft so, dass sie gar keine Antidiabetika mehr einnehmen müssen, wenn sie Sport treiben. Zumindest aber hilft er, die Dosis zu reduzieren. So ist es auch bei Arzneien gegen Bluthochdruck und bei Lipidsenkern.

Sport ist demnach für alle gut, nur nicht für die Pharmaindustrie.
Eigentlich müsste sogar die Pharmaindustrie ein großes Interesse daran haben, Bewegung als Prävention zu fördern. Denn Medikamente, die von 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung eingenommen werden müssen, sind auf Dauer nicht tragbar für die Gesellschaft. Wenn keiner sie mehr bezahlen kann, macht die Industrie auch keine Gewinne mehr. Mit dieser Argumentation wollen wir nun auch die Arzneimittelhersteller für unsere Initiative „Sport ist Medizin“ gewinnen. Mal sehen, ob es klappt.

Kann man in jedem Alter mit Sport anfangen, auch mit 80 Jahren?
Es ist nie zu spät, mit dem Training zu beginnen. Auch mit 80 ist das noch möglich. Es müssen dann ja nicht gleich zwei bis drei Stunden schweißtreibende Bewegung sein, wie ich sie Jüngeren empfehlen würde. In höherem Alter kann man sich zum Beispiel vornehmen, jeden Tag zweimal 30 Minuten flott spazieren zu gehen oder Nordic Walking zu betreiben. Unsere Senioren haben übrigens mehr Bewegung bitter nötig. Eine Studie hat gezeigt, dass nur noch 15 Prozent der 70-Jährigen sportlich aktiv sind. Heutzutage sollte man sich im Ruhestand nicht zur Ruhe setzen, sondern aktiv werden!

Wie ist die Lage bei den Kindern?
Auch nicht rosig. In Baden-Württemberg etwa bewegt sich nur die Hälfte der Sieben- bis Achtjährigen so viel wie sie sollte, nämlich eine Stunde am Tag.

Woran hakt es?
Ein Problem ist das Schulsystem, das nicht mehr kompatibel ist mit dem bisherigen Konzept, Sport in Vereinen zu betreiben. Vielen Kindern fehlt nachmittags dafür die Zeit. Auf Dauer wäre es wohl besser, Breiten- und Leistungssportangebote für Kinder in die Schulen zu verlagern.

Das Gespräch führte Anne Brüning.

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