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Gesundheit Die Zukunft der Krankenhausmedizin

Die Mitarbeiter sowie die Qualität und der Schutz von Patientendaten müssen stärker in den Fokus rücken. Ein Gastbeitrag.

Dokumentation
Dokumentationen nehmen einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit von Angestellten in Krankenhäusern in Anspruch. Foto: istock

Die Medizin hat in den vergangenen 30 Jahren extreme Fortschritte gemacht. Das Krankenhauswesen konnte diesen Entwicklungen in keiner Weise standhalten. Die Schere geht immer weiter auseinander. In dieser Phase vollzieht sich die digitale Revolution. Nicht Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Blockchain-Technologie und Robotik sind für Krankenhäuser gefragt – lautstark gefordert werden mehr Arbeitskräfte. Der Ruf nach zusätzlichen Pflegekräften tönt durch alle Medien oder sollte man besser vom Kampf um Pflegekräfte sprechen? Wie anders ließe es sich erklären, dass von Krankenhäusern schon bis zu 25 000 Euro pro Pflegekraft aufgerufen werden – 10 000 Euro für die anwerbende und 15 000 Euro für die angeworbene Person.

Aber was passiert, wenn einige Pflegekräfte auf diese oder andere Weise zusätzlich eingestellt werden? Damit sind die ineffizienten Prozesse in keiner Weise verändert. Wer vermag es auszuschließen, ob die neue Pflegekraft nicht vielleicht noch mehr dokumentiert? Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, wir brauchen effizientere Prozesse, die mit den innovativen Technologien nachhaltig implementiert werden. Zudem müssen wir das Bewusstsein für den großen Wert unserer Mitarbeiter schärfen, für die sogenannten Human Resources. Hierunter versteht man die Ressourcen, die ein Unternehmen durch seine Mitarbeiter an Wissen, Fähigkeiten und Motivation hat.

Im Krankenhauswesen war dies jedoch nicht immer im vollen Bewusstsein, denn Pflegekräfte und Ärzteschaft engagierten sich seit jeher weit über das durchschnittliche Maß der meisten Berufstätigen. Physische Belastungsgrenzen, gesetzliche Vorgaben und veränderte Ansprüche von Arbeitnehmern ans Privatleben stehen der bisher tolerierten Mehrleistung entgegen, woraus eine natürliche Reduktion verfügbarer Arbeitsleistungen im Krankenhaus resultierte.

Diese Veränderung ging und geht einher mit immer höheren dokumentarischen, administrativen und logistischen Aufgaben in der Patientenversorgung. Nicht selten geraten die genannten patientenfernen Tätigkeiten sogar in den Mittelpunkt des Interesses von Direktionen, hängt daran die Einhaltung diverser auch rechtswirksamer Verpflichtungen. Aus diesem Dilemma resultiert also eine doppelte Minderung der Kontaktzeit am Patienten – infolge von Arbeitszeitreduktionen der Mitarbeiter und infolge eines inzwischen extrem hohen Dokumentationsaufwandes.

Neben dem thematischen Schwerpunkt „Mitarbeiter“ werden sich die Krankenhäuser künftig ebenso intensiv mit verschiedenen Aspekten rund um Patientendaten befassen müssen. Dem Datenschutz kommt dabei naturgemäß eine zentrale Rolle zu. Daneben erzeugen Daten immer wieder auch Begehrlichkeiten, weswegen manche vom Datenschatz sprechen. Datenschutz und Datenschatz haben extrem viel mit dem Vertrauen der Patienten zu tun. Die Essener Universitätsmedizin konzipiert aktuell ein Data Trust Center, in dem valide Daten der Patienten geschützt und klinischen wie auch wissenschaftlichen Untersuchungen zugänglich gemacht werden. Höchstes Augenmerk wird dabei der Datenqualität beigemessen – war es doch genau diese, an der bisher sogar große Unternehmen scheiterten.

Zwischenzeitlich gibt es eine Reihe institutionsübergreifender Systeme zur Datenverwaltung, zum Beispiel einen genossenschaftlichen Plattform-Ansatz der Schweizer „healthbank“, die aktuell nach Deutschland und in weitere Länder expandiert. Sie spricht davon, dass der Patient nicht Kunde, sondern Miteigentümer einer „patient-owned IT“ ist. Eine Idee ist dabei, dass der Patient Daten zum Beispiel mit Arzt, Krankenhaus oder Krankenkasse über die Plattform teilt oder Zugriff gewährt. Daneben soll der Patient die Daten für verschiedene Dienstleistungen nutzen können, woraus ein „Health Ecosystem“ resultieren werde. Gleichermaßen sollen die Patientendaten in anonymisierter Form akademischen Institutionen oder Pharma-Unternehmen für Forschungszwecke angeboten werden.

Ein zweites aktuelles Beispiel im Kontext von Patientendaten ist die Einführung der digitalen Münze Sakura Bloom (SKB), die für den Echtzeit-Handel auf der Währungsbörse CoinBene notiert ist. SKB soll vor allem im Gebiet der regenerativen Medizin einsetzbar sein, wo unter anderem das Senden und Empfangen von Daten mit SKB-Münzen bezahlt werden kann und Patienten, die eine bestimmte Menge an SKB-Münzen besitzen, Vorrang bei Behandlungen eingeräumt wird. Bei aller Innovationskraft von Initiativen wie „healthbank“ oder „SKB“ müssen jedoch noch eine ganze Reihe von Fragen gelöst werden.

Jochen Werner ist Professor für Humanmedizin und Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen.

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