Lade Inhalte...

Gesundheit Der geförderte Schlafmangel

Alle sind rund um die Uhr erreichbar, viele Menschen arbeiten freiwillig weiter, wenn sie eigentlich längst Feierabend haben. Unsere Gesellschaft macht eine erholsame Nachtruhe schwierig, kritisiert der Schlafforscher Hans-Günter Weeß in seinem Buch.

Bei knapp sechs Prozent aller Deutschen geht nachts das Licht nicht aus. Sie leiden an Schlafstörungen. Foto: istock

Mit blassen Gesichtern und müden Augen treten die Politiker in den frühen Morgenstunden vor die Kameras. Endlich, nach stundenlangem nächtlichem Verhandlungsmarathon haben sie eine Einigung erzielt… Wenn schwierige Entscheidungen anstehen, sind solche Szenen im Fernsehen Alltag. Mit wenig Schlaf auszukommen, scheint eine typische Eigenschaft der Regierungskaste zu sein, bereits von Napoleon ist überliefert, dass ihm drei Stunden pro Nacht gereicht haben sollen. Hans-Günter Weeß, Leiter des Schlafzentrums am Pfalzklinikum und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, bereiten Bilder von übermüdeten Ministern oder auf den Fluren schlafenden Konferenzteilnehmern wie jüngst beim Klimagipfel in Paris eher Sorge, als dass sie ihm Respekt abnötigen. „Da werden weitreichende Entscheidungen getroffen – aber Schlafmangel hat gravierende Konsequenzen für die Entscheidungsfähigkeit.“ So wirkten sich 17 Stunden ohne Schlaf auf das Reaktionsvermögen wie ein Alkoholpegel von 0,5 Promille aus, 22 Stunden ohne Schlaf entsprächen dann bereits 1,0 Promille.

Und das sei nicht der einzige Effekt: „Man weiß heute: Je schläfriger jemand wird, desto eher ist er bereit, ethisch-moralische Grundsätze zu vernachlässigen“, erklärt der Somnologe, wie der Fachbegriff für Schlafforscher lautet. Außerdem setzten sich nach langen Nachtsitzungen meist die fittesten Teilnehmer durch: „Die anderen stimmen zu, weil sie nicht mehr können und unbewusst nur noch ins Bett wollen.“ Die Schläfrigkeit sei dann so übermächtig, „dass alles andere egal wird“: „So fallen Entscheidungen, so funktioniert unsere Gesellschaft.“

Hans-Günter Weeß hat über „Die schlaflose Gesellschaft: Wege zu erholsamem Schlaf und mehr Leistungsvermögen“ ein Buch geschrieben, das am 18. Februar auf den Markt kommt. Durchwachte Nächte seien nicht alleine ein Phänomen in der Politik, sondern weit verbreitet, nachdem Edison 1879 die Glühbirne erfunden hatte und es möglich wurde, „die Nacht zum Tage zu machen“, sagt der Psychologe und Psychotherapeut: „Die Schwachstelle dabei bleibt aber der Mensch.“ Die Möglichkeit, die Nacht produktiv nutzen zu können, brachte die Schichtarbeit mit sich; heute weiß man, dass das Leben entgegen der inneren Uhr eine wichtige Ursache für Schlafstörungen ist; möglicherweise erhöhe es über eine Störung des Melatonin-Haushalts auch das Krebsrisiko, sagt Hans-Günter Weeß; Melatonin ist ein Hormon, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert und für das eine anti-karzinogene Wirkung diskutiert wird.

Viele Menschen arbeiten aber auch noch freiwillig weiter, wenn sie eigentlich längst Feierabend haben: „Inzwischen sind wir rund um die Uhr erreichbar, lesen Mails auf dem Handy sogar noch im Bett. Wir drängen den Schlaf immer weiter zurück“, sagt der Somnologe und zitiert Studien, wonach mehr als die Hälfte aller Führungskräfte weniger als sechs Stunden und 21 Prozent sogar nicht mehr als fünf Stunden pro Nacht schlafen. Für die meisten Menschen sei das aber zu wenig, erklärt Hans-Günter Weeß. Eine allgemeingültige Aussage, wieviel Schlaf optimal sei, lasse sich zwar nicht treffen. Aber: „Sieben Stunden Schlaf sollte ein Mensch in der Regel mindestens haben.“

Die Regeln und Anforderungen unserer Gesellschaft machen erholsamen und ausreichenden Schlaf indes schwierig. Das fange bereits in der Kindheit an und ziehe sich dann meist durch das gesamte Berufsleben, sagt der Wissenschaftler: „In Deutschland beginnen die Schule und die Arbeit zu früh.“ Tatsächlich seien nur die wenigsten Menschen „Lerchen“: „Fünfsechstel würden von ihrer Chronobiologie her erst nach 23.30 Uhr ins Bett gehen und morgens am liebsten zwischen 8.30 und 10 Uhr aufstehen.“ Insbesondere Jugendliche seien meist „ausgeprägte Eulen“: „Diese Spättypen müssen dann in der mitten in ihrer gefühlten Nacht um 7.45 Uhr Mathematikklausuren schreiben. Solche Arbeiten sollten erst ab 10 oder 11 Uhr stattfinden, um Chancengleichheit herzustellen“, sagt Weeß. In England werde aus diesem Grund in einer Modellregion ein Schulbeginn um 13 Uhr für die Oberstufe getestet; eine Auswertung stehe aber noch aus.

Auch für die meisten Erwachsenen bleibe der Start in den Arbeitstag um 7 oder 8 Uhr viel zu früh, sie bauten deshalb unter der Woche einen Schlafmangel auf, der am Wochenende dann mit langem Ausschlafen kompensiert werde – mit der Folge, dass es in der Nacht zum Montag zu einem Mini-Jetlag kommt. Für die Gesellschaft und allgemeine Gesundheit würde es daher Sinn machen, Schule und Arbeit „nach hinten zu verlagern“.

Denn Schlafstörungen können schwere Folgen haben. In Deutschland leiden etwa, 4,8 Millionen Menschen, sechs Prozent der Bevölkerung, an einer behandlungsbedürftigen Ein- und Durchschlafstörung; Menschen mit gelegentlichen Schlafproblemen sind dabei nicht eingeschlossen. Zum Arzt sollte gehen, wer mindestens dreimal pro Woche schlecht einschläft oder nicht durchschläft und sich dadurch am Tag beeinträchtigt fühlt – und das über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen, sagt Hans-Günter Weeß. Halten die Probleme länger als drei Monate an, spricht man bereits von einer chronischen Schlafstörung.

Der Schlafforscher rät, solche Probleme nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: „Schlafstörungen sind keine Bagatelle. Unbehandelt können sie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen erhöhen.“ Befunde aus neueren Studien deuteten außerdem darauf hin, dass bei chronischem Schlafmangel die Wahrscheinlichkeit steige, an Demenz zu erkranken. Weeß erklärt den möglichen Zusammenhang: „Während des Wachseins werden bestimmte Eiweiße im Gehirn abgelagert, während des Tiefschlafs werden sie dann quasi ausgespült. Ist die Tiefschlafphase gestört, dann findet diese Reinigung nicht mehr statt, Abbauprozesse setzen sich als Plaque ab.“ Ein eindeutiger Beweis dafür fehle aber noch. Zudem existiere auch der umgekehrte Effekt: „Je mehr Plaque, desto schlechter der Schlaf.“ Die Frage, „was zuerst da war“, müsse in weiteren Studien noch genauer untersucht werden

Auch Schlaftabletten scheinen eine „demenzfördernde Wirkung“ zu haben, sagt Hans-Günter Weeß. Auch wenn der Zusammenhang noch nicht feststeht, so rät der Schlafmediziner doch eindrücklich vom Gebrauch der primären Schlafmittel ab. „Zur Langzeitbehandlung sind sie nicht geeignet.“ Sie machten sehr schnell abhängig und stünden im Verdacht, auch das Krebsrisiko zu fördern: „Bereits eine Einnahme von 18 Tabletten im Jahr kann die Lebenserwartung verkürzen.“

Neben den primären Schlafmitteln gibt es auch noch die sekundären Schlafmittel, Medikamente Antidepressiva, leichtere Neuroleptika oder Antihistaminika (Mittel gegen Allergien), die eigentlich andere Indikationen haben, aber ebenso gegen Schlafstörungen helfen können. Alle diese Mittel helfen allerdings nicht gegen die Ursachen von Schlafstörungen. Diese sollten lieber mit einer Verhaltenstherapie angegangen werden, sagt Weeß – sofern nicht körperliche Erkrankungen wie etwa Atemstillstand-Episoden durch eine Apnoe oder Schmerzen für die fehlende Nachtruhe verantwortlich sind.

Zugrunde liegt einer psychisch bedingten Schlafstörung fast immer die Unfähigkeit, die Anspannung des Tages loszuwerden. In der Verhaltenstherapie sollen die Patienten Methoden lernen, genau das zu schaffen. Dabei gelte es auch, einen Mechanismus zu durchbrechen, der fast alle Schlafgestörten prägt, erklärt der Experte: „Schlafgestörte beschäftigen sich viel mit dem Schlaf. Sie gehen ins Bett und sagen sich: Ich muss schlafen, sie strengen sich an. Doch wer schlafen will, schläft eben nicht.“ Der Wissenschaftler veranschaulicht noch einen anderen, damit zusammenhängenden Effekt: „Viele Menschen schlafen vor dem Fernsehen gerade deshalb ein, weil sie es dort nicht wollen. Sie kommen in einen Entspannungszustand.“

Allerdings könne sich dieses Einnicken vor dem Bildschirm fatal auswirken: „Damit wird Schlafdruck abgebaut, wenn sie dann nach 20 Minuten wieder aufwachen, sind sie hellwach und können im Bett keinen Schlaf mehr finden.“

Hinderlich für einen guten Schlaf sei auch abendliches Sitzen vor dem Computer oder ständiges Schauen ins Smartphone – und das aus zweierlei Gründen: Das blaue Licht unterdrücke die Bildung des Schlafhormons Melatonin. Doch noch negativer wirke sich die Beschäftigung an sich aus: „Das macht wach.“

Andere häufig gegebene Ratschläge wie der Verzicht auf Mahlzeiten, anstrengenden Sport oder Kaffee zu später Stunde sowie Tipps zur optimalen Temperatur im Schlafzimmer könnten zwar sinnvoll sein – Hans-Günter Weeß wertet sie aber letztlich als „nicht entscheidend“: „Die Hauptsache ist die Fähigkeit, gut abschalten zu können.“

Hans-Günter Weeß. Die schlaflose Gesellschaft – Wege zu erholsamem Schlaf und mehr Leistungsvermögen. 256 Seiten, Schattauer Verlag, 24,99 Euro; ISBN 978-3-7945-3126-4

 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen