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Gesellschaft „Die Welt ist von einer Angst-Epidemie befallen“

In der Beschleunigungsfalle: Zeitforscher Hartmut Rosa spricht im FR-Interview über Steigerungslogik, Demokratie und zunehmende Entfremdung.

Gesellschaft
Entfremdung als ästhetische Erfährung: Frau begeht die Installation „Passage“ des Künstlers Antony Gormley, 2016. Foto: rtr

Herr Rosa, es erscheint doch paradox, das sich unser aller Leben durch moderne Technologien so sehr beschleunigt und dennoch so viele Menschen über fehlende Zeit klagen. Was läuft da falsch?
Das ist das große Paradoxon unserer Zeit. Wir werden immer schneller, weil wir sehr erfolgreich im Einsparen von Zeitressourcen sind – und trotzdem haben wir nicht mehr Zeit. Das liegt daran, dass sich unsere To-do-Listen schneller anfüllen als die Zeitkontingente, die wir einsparen.

Was sind die schlimmsten Zeitfresser der Moderne?
Das Hauptproblem ist nicht, dass wir Zeit vertrödeln, sondern die Steigerungslogik der Moderne. Ohne Wachstum kann unsere Wirtschaft und unser Sozialstaat nicht existieren. Auch jeder Einzelne muss jedes Jahr etwas schneller laufen, um seinen Platz in der Gesellschaft zu erhalten. Darüber hinaus lassen wir uns durch ein Dauerbombardement an Informationen und Kommunikation ablenken. Die digitalen Medien lösen zunehmend den Fernseher ab, vor dem Menschen früher im Schnitt vier Stunden pro Tag verbrachten.

Was blüht uns in Zukunft, wenn wir weiterhin der Steigerungslogik folgen?
Dass wir an allen Ecken auf eine Krise zusteuern, liegt auf der Hand, denn wir sind nicht unendlich steigerungsfähig. Und wir haben nur einen Planeten. Demzufolge gibt es eine materielle und ökologische Grenze. Aber auch Bildungs- und Pflegeprozesse oder politische Entwicklungen haben eine rationale Zeitgrenze, jenseits derer dann Phänomene wie Trump oder der Brexit möglich werden. Auch die Psyche ist davon betroffen. Burn-out-Erkrankungen nehmen weltweit zu. Die Welt wird zunehmend freudloser, sie ist von einer kollektiven Angst-Epidemie befallen. Statt wie im Hamsterrad zu laufen, sollten wir uns überlegen, wie ein gelingendes Leben für den einzelnen und die Gesellschaft aussehen sollte.

Sie sehen in der Beschleunigung der Gesellschaft eine Bedrohung der Demokratie?
Demokratie lebt davon, dass jeder seine Stimme so einbringen kann, dass wir in einem Antwortverhältnis zur Welt stehen, die wir verändern können und die uns verändert. Dieses Resonanzverhältnis geht verloren und zwar nicht, weil Politiker nicht mehr zuhören, sondern weil sie im weltweiten ökonomischen Wettbewerb gezwungen sind, immer schneller zu handeln. Insbesondere Wutbürger vergessen, dass es nicht nur darum geht, sich selbst Gehör zu verschaffen, sondern im Resonanzprozess auch anderen zuzuhören und sich von ihren Argumenten berühren zu lassen. Das Vertrauen in diesen Prozess geht verloren, weil wir permanent so ein- und angespannt sind. Häufig reagieren wir dann mit Ablehnung oder Zynismus.

War das denn früher besser?
Jede Gesellschaft muss kritisch auf ihre Resonanzqualitäten hin befragt werden, aber aus meiner Perspektive haben sich die Ursachen für die politische Entfremdung geändert. So hatten früher Frauen beispielsweise gar kein Stimmrecht. Aber es gab schon Zeiten, etwa im Zuge der 68er-Bewegung oder unter Willy Brandt, von dem das berühmte Diktum ,Mehr Demokratie wagen‘ stammt, als die Menschen die Hoffnung hatten, ihre Zukunft politisch gestalten zu können.

Und Ihre These lautet, dass auch die Natur zu langsam ist.
Das ist eines der zentralen Desynchronisationsprobleme neben der Sphäre des Politischen und der Psyche. Die Natur kann nicht schnell genug Rohstoffe nachliefern und auch die Emissionen nicht schnell genug verarbeiten. Auch die Ökokrise ist daher eine Beschleunigungskrise. Wir brauchen die Natur aber auch, um uns in ihr spiegeln zu können, und wir verlieren sie als antwortendes Gegenüber, wenn wir sie nur als ausbeutbare Ressource betrachten.

Ist es überhaupt möglich, aus der Beschleunigungsmaschinerie auszubrechen? Es wäre doch ziemlich anachronistisch, aus Protest wieder mit dem Briefeschreiben anzufangen.
Meine Erkenntnis aus 15-jähriger Forschung zu dem Thema ist, dass wir es mit einem kollektiven und strukturellen Problem zu tun haben. Wir werden weniger von der Gier, als von der Angst getrieben, die reale Ursachen hat. Wenn wir uns nicht ständig optimieren, sind wir in Gefahr aus dem Hamsterrad herauszufallen. Deshalb lässt sich dieses Problem nicht individuell lösen. Aus diesem Grund bin ich auch überaus skeptisch, dass wir mit ausreichend Gelassenheit oder Achtsamkeit die Dinge in den Griff bekommen. Aber das heißt nicht, dass der Einzelne machtlos ist.

Gibt es eine Chance, das eigene Leben zu entschleunigen?
Die Steigerungslogik ist auch in uns drin. Daher sehe ich im Alltagshandeln durchaus Spielräume, mal darauf zu verzichten, die eigene Weltreichweite zu vergrößern. Beispielsweise bei der Frage, ob man einen neuen Job annimmt. Der eine Job bringt vielleicht mehr Geld und einen höheren Status, der andere aber mehr innere Befriedigung und Resonanz. Auch bei der Wahl des Urlaubsortes tendieren wir dazu, alles haben zu wollen: Wellnessangebote, Strand und Sehenswürdigkeiten um die Ecke sowie einen Breitbandanschluss. Dagegen steht die Idee, mal auf eine Berghütte zu gehen, wo man all diese Möglichkeiten nicht hat.

Die Libido treibt uns an, unsere Weltreichweite permanent zu vergrößern. Aber das Vermögen, das Erlebte zu genießen und wertzuschätzen, geht verloren. Wie hängt das miteinander zusammen?
Unser Streben zielt darauf, mehr Welt in Reichweite zu bringen, etwa durch ein neues Smartphone oder mehr Gehalt. Im Grunde kann ich meine Weltreichweite am Kontostand ablesen. Ist das Konto überzogen, liegt nicht mal ein Ausflug nach Berlin in Reichweite, geschweige denn einer nach New York. Darum übrigens erscheinen uns auch Streamingdienste so attraktiv. Weil wir auf einmal Millionen von Musiktiteln oder Filmen in Reichweite haben. Nur fühlen wir uns dadurch nicht lebendig. Unser Leben gelingt aber erst, wenn wir uns von Dingen, Natur oder Menschen berühren lassen und uns dadurch verwandeln.

Was können wir kollektiv tun?
Seit 20 Jahren wiederholen wir das Mantra, dass wir mehr Wettbewerb brauchen. Dabei sind wir nicht nur die Nutznießer, sondern vor allem auch diejenigen, die den Preis dafür bezahlen müssen. Denn mehr Wettbewerb bedeutet weniger Zeit und größere Steigerungszwänge. Es ist nicht sinnvoll, dass jede Schule, jedes Krankenhaus und jede Abteilung auch noch untereinander im Wettbewerb stehen. Wir müssen kollektiv die Angst aus dem Spiel nehmen, etwa durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens oder dadurch dass man kollektive Ruheräume wie den Sonntag und die Feiertage mit allen Mitteln verteidigt. Man könnte auch darüber nachdenken, einen kollektiven, e-mail-freien Tag in der Woche einzuführen.

Das Interview führte Franziska Schubert.

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