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Geräuschpegel im Klassenzimmer Lärm oder Lernen?

Realität in der Schule: Studien zufolge herrscht im Unterricht oft ein Lärmpegel, bei dem ungestörtes Kommunizieren und konzentriertes Arbeiten kaum möglich sind.

26.04.2011 20:58
Christian Wolf
Leise lernt es sich am besten. Foto: Rolf Oeser

Die Hörampel schaltet auf Rot in der Grundschulklasse 3a der Dernbachschule in Herborn-Seelbach. Es ist viel zu laut. Die Klassenlehrerin Barbara Boedicker wundert das nicht. Ihr aktueller Unterrichtsraum hallt sehr stark nach. Die Schule wird gerade saniert, deshalb unterrichtet sie derzeit in einem Ausweichraum, erklärt die Grundschullehrerin. Anders als der alte verfügt der aktuelle Unterrichtsraum über keine Schallschutzdecke.

„Wir verhalten uns genauso wie früher und dennoch herrscht nun wegen des Halls ein höherer Geräuschpegel“, sagt Boedicker. Die Hörampel, ein Lautstärkenanzeiger nach Ampelprinzip, sei nun viel öfter im Einsatz. „Sie hilft dabei, den allgemeinen Geräuschpegel in der Klasse niedrig zu halten und unterstützt mich dabei, nicht zu laut zu sprechen.“

Lernumwelten stellen oftmals eher „Lärmumwelten“ dar. Das Thema Lärm in Bildungseinrichtungen diskutiert die Öffentlichkeit häufig nur unter dem Gesichtspunkt der Lehrergesundheit. Doch eine bestimmte Geräuschkulisse kann auch das sprachliche Verstehen und Lernen der Kinder stark beeinträchtigen.

Bauliche Eigenschaften bestimmen, wie laut ein Raum ist. Ein entscheidender Faktor ist hier die Nachhallzeit. Sie gibt an, wie lange ein Schallereignis nachklingt. Der DIN-Norm zufolge sollte die Nachhallzeit in einem durchschnittlich großen Unterrichtsraum etwa 0,6 Sekunden betragen. Durch die Installation von schallabsorbierenden Wand- und Deckenverkleidungen könnte diese Richtlinie in fast jedem Klassenraum eingehalten werden.

Geistige Tätigkeiten werden durch Lärm beeinträchtigt

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Studien zufolge herrscht im Unterricht oft ein Lärmpegel, bei dem ungestörtes Kommunizieren und konzentriertes Arbeiten kaum möglich sind.

„In einem stark hallenden Raum verbleiben alle Geräusche, die während des Unterrichts zwangsläufig entstehen, länger im Raum, der Geräuschpegel steigt an“, erklärt die Psychologin Maria Klatte von der TU Kaiserslautern. „Die Schüler und die Lehrer sprechen in der Folge lauter, so schaukelt sich die Geräuschkulisse noch weiter hoch.“

Die Lernenden haben dann mehr „Hörarbeit“ zu leisten. Sie müssten unter anderem die Störgeräusche von Gesagtem trennen, so Klatte. Das stelle hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeitskontrolle. „Außerdem müssen die Schüler unvollständige Informationen kontinuierlich ergänzen. Die hierfür erforderlichen auditiven und sprachlichen Fähigkeiten entwickeln sich aber bis ins Jugendalter hinein fort.“ Gerade bei den ganz Kleinen sind diese Fertigkeiten noch nicht ausgereift.

2010 belegte Maria Klatte zusammen mit Kollegen die unmittelbare Wirkung von langen Nachhallzeiten in einem Experiment, das sie im Fachblatt „Noise and Health“ beschrieb. In einem speziellen Seminarraum ließen die Forscher Grundschulkinder und Erwachsene Aufgaben zum Sprachverstehen absolvieren. Mit Hilfe einer Akustikanlage konnten sie quasi per Knopfdruck die Nachhallzeiten unterschiedlicher Räume realitätsgetreu simulieren.

Im akustisch günstigen Raum hatten Störgeräusche, die die Forscher einspielten, nur eine geringen Einfluss auf das Hörverstehen. Dieselben Geräusche führten aber im stark hallenden Raum zu dramatischen Leistungsverschlechterungen. „Insbesondere die Kinder hatten große Schwierigkeiten, Wörter zu identifizieren, wenn Hintergrundgeräusche und Nachhall zusammenwirkten“, sagt Maria Klatte. „Extrem schlecht war die Verstehensleistung der Kinder, die im stark hallenden Raum auf den hinteren Sitzplätzen saßen.“

Auch auf lange Sicht haben laute Unterrichtsräume negative Folgen. In einer Feldstudie untersuchte Maria Klatte mit Kollegen, wie sich Nachhall und Lärm längerfristig auf die Leistungsfähigkeit von Zweitklässlern auswirken. Die Wissenschaftler teilten die Kinder in drei Gruppen ein, je nachdem wie lange die Nachhallzeit in ihren normalen Unterrichtsräumen betrug. Die Tests selbst fanden in akustisch ähnlichen Klassenräumen mit kurzen Nachhallzeiten statt.

„Die Schüler aus den Klassenzimmern mit einer Nachhallzeit von mehr als einer Sekunde waren am schlechtesten darin, vorgesprochene Wörter nach An- und Endlauten zu klassifizieren“, erzählt Klatte. „Die durch diese Aufgabe erfasste phonologische Bewusstheit ist aber gerade eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb der Schriftsprache.“

Selbst geistige Tätigkeiten, bei denen es nicht ums Hören geht, können durch Lärm beeinträchtigt werden. Bestimmte Hintergrundschalle stören schon bei geringen bis mittleren Lautstärken das Kurzzeitgedächtnis. Hintergrundschalle, die sich durch schnelle Veränderungen auszeichnen, hätten einen schlechten Einfluss, so der Psychologe Jürgen Hellbrück von der Uni Eichstätt-Ingolstadt. „Ein typisches Beispiel ist Hintergrundsprechen.“

Kurzzeitgedächtnis benötigt ruhige Lernumgebung

Auch bei Schulkindern ließen sich nachteilige Wirkungen von Schall auf Kurzzeitgedächtnisprozesse nachweisen, sagt Hellbrück. „Kinder sind eher noch anfälliger als Erwachsene, da sie noch über kein ausgereiftes Kurzzeitgedächtnis verfügen und ferner ablenkende Reize weniger gut unterdrücken können.“

Doch gerade das sprachliche Kurzzeitgedächtnis sei für die Entwicklung der Laut- und Schriftsprache von Grundschülern maßgeblich, betont Maria Klatte. „Beim buchstabierenden Lesen beispielsweise müssen die einzelnen Buchstaben in Laute übersetzt und im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden, um sie schließlich zu einem Wort zusammenziehen zu können.“ Bei Aufgaben, die das Kurzzeitgedächtnis beanspruchen, sollte daher ganz besonders auf eine ruhige Lernumgebung geachtet werden.

Die Grundschullehrerin Barbara Boedicker hat allen Grund, sich auf das Ende der Sanierungsarbeiten zu freuen. „In den neu sanierten Klassenräumen wird der Schall Gott sei Dank mitbedacht“, sagt sie. Langes Nachhallen gehört dann wohl der Vergangenheit an.

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