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Gen-Schere Der Mensch ist eben kein Gott

Mit der Änderung des Erbguts von Babys hat der Forscher He Jiankui eine Tür aufgestoßen, die schnell geschlossen werden muss. Eine Analyse von Torsten Harmsen.

China
Die zwei Gesichter des selbsternannten Pioniers: Der chinesische Forscher He Jiankui will die DNA zweier Mädchen verändert haben. Foto: dpa

Man sollte nicht „auf sämtliche Knöpfe drücken, die eine schrankenlose Technik zur Verfügung stellt“, sagte einst der große Loriot in einer Immatrikulationsrede vor Berliner Studenten. An diese Rede muss ich immer wieder denken, wenn ich Nachrichten höre, die zeigen, dass Forschung generell dazu neigt, alles zu probieren, was machbar ist. Und dass man ihr ethische Schranken setzen muss.

In dieser Woche hat der chinesische Forscher He Jiankui die Geburt von Babys verkündet, deren Erbgut er manipuliert habe, um sie immun gegen das HI-Virus zu machen. Bisher gibt es zwar keine unabhängige Bestätigung dessen. Aber wenn es wirklich stimmen sollte, dann wurde hier eine Tür aufgestoßen, die schnellstens wieder geschlossen werden sollte. China hat richtig reagiert, indem es dem Forscher jede weitere Aktivität untersagte. Dem muss nun eine weltweite ethische Diskussion folgen, die in klare Regeln mündet. Vorbild könnte dabei die 2005 verabschiedete Uno-Resolution zum Verbot des Klonens von Menschen sein. 

Die gegenwärtige Entwicklung ist zweischneidig. Einerseits bestehen heute medizinisch so gute Chancen wie nie zuvor, über Eingriffe in die Gene schwere Erbkrankheiten zu verhindern, zum Beispiel monogen bedingte Leiden wie Mukoviszidose, Sichelzellanämie, Chorea Huntington oder Muskeldystrophie. Andererseits muss verhindert werden, dass Forschung Fakten schafft, die unumkehrbar sind.

Bisher greift der Mensch lediglich in die Gene einzelner Individuen ein. So ist es bei der künstlichen Befruchtung bereits möglich, das Erbgut von Embryos zu untersuchen, bevor man diese in die Gebärmutter einpflanzt. Menschen, die unter Erbkrankheiten leiden, können auf diese Weise gesunde Kinder zur Welt bringen. Auch können Schwangere ihr Ungeborenes auf bestimmte Krankheiten hin testen lassen – und in bestimmten Fällen die Schwangerschaft abbrechen. In der somatischen Gentherapie werden Erkrankten gezielt Gene eingefügt oder fehlerhafte Gene ausgeschaltet, um das Leiden zu lindern. Die Techniken haben sich in den letzten Jahren weit entwickelt. Stichwort: Genschere Crispr-Cas. 

Auch wenn es bereits über die bisherigen Anwendungen heftige ethische Debatten gab und gibt – und das zu Recht –, ist mit der Nachricht aus China eine neue Situation eingetreten. Erstmals wurde hier nämlich die sogenannte Keimbahntherapie angewandt. Dies ist eine Methode, künstlich Embryos zu zeugen, bei denen bereits in den Keimzellen – den Eizellen und Spermien – Gene verändert wurden. 

Hier betreffen die Genveränderungen nicht mehr nur einzelne Individuen, sondern sie werden an Kinder und Kindeskinder vererbt. Und das, obwohl heute noch niemand weiß, was Eingriffe in die Genstruktur bei den Betroffenen für Folgen haben können. Der Mensch ist eben kein Gott.

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