Lade Inhalte...

Gedächtnis Warum Kinder bei Memory spitze sind

Das episodische Gedächtnis ändert sich im Laufe des Lebens in komplexer Weise. Yee Lee Shing erforscht, warum Kinder beim Memory-Spiel so viel besser sind als Ältere.

08.05.2012 18:45
Torsten Harmsen
Kinder sind besonders gut im Memory-Spiel, weil sie sich vor allem an Details erinnern. Ältere haben sehr oft Probleme damit. Foto: Imago/Joachim Schulz

Das episodische Gedächtnis ändert sich im Laufe des Lebens in komplexer Weise. Yee Lee Shing erforscht, warum Kinder beim Memory-Spiel so viel besser sind als Ältere.

Yee Lee Shing blickt aus dem Fenster ihres kleinen Büros auf grüne blühende Gärten. Hier draußen, am Rande des Wissenschaftsparks Dahlem, könnte man sich in Träumen verlieren. Vor fast acht Jahren hatte die junge Frau, die 1980 in Malaysia geboren wurde, während ihres Masterstudiums in den USA eine Online-Anzeige entdeckt: Doktorandenstelle in Berlin zu vergeben. Sie bewarb sich und zog in jenes leicht verschlafen wirkende Haus im Südwesten der Stadt, mit seinen aufgefalteten dunklen Dachflächen, aus denen ein heller Turm emporragt – das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Das war im Sommer 2004.

Die junge Forscherin hat die Zeit seitdem gut genutzt. So gut, dass sie am 23. Mai als eine von sechs Nachwuchswissenschaftlern bundesweit den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis verliehen bekommt. Der Preis ist dotiert mit 16.000 Euro. Diese will Yee Lee Shing in ihr aktuelles Projekt stecken: die Erforschung des episodischen Gedächtnisses, von der Kindheit bis ins Alter.

Wie Denkfähigkeit entsteht

„Ich war schon immer fasziniert davon, wie Menschen sich über die Zeit zu dem entwickeln, was sie sind“, sagt Yee Lee Shing mit ruhiger, angenehm warmer Stimme. Schon in der High School in Kuala Lumpur interessierte sie sich dafür „wie Denkfähigkeit grundsätzlich entsteht – und wie es dazu kommt, dass sie sich zwischen Personen unterscheidet“.

Mit 19 Jahren ging sie zum Psychologiestudium nach Nebraska, USA, schloss später einen Master in Georgia an. Damals hatte Yee Lee Shing bereits eine Professorin kennengelernt, die sie für die Entwicklungspsychologie über die Lebensspanne begeisterte – eine Richtung, die am besten zu ihrem Interesse für die Veränderung des Menschen zu passen schien.

„Die traditionelle Entwicklungspsychologie schaut auf sehr spezifische Zeiträume, die Kindheit, das Alter“, sagt Yee Lee Shing. „Sie blickt nicht auf das ganze Leben als Einheit.“ Anders die Richtung, für die sie sich nun begeisterte. Eines ihrer Zentren ist Berlin. Hier begründete der Psychologe Paul B. Baltes Anfang der 80er-Jahre das Center for Lifespan Psychology. Er initiierte auch die Graduate School „Life“ für Nachwuchsforscher. An ihr begann Yee Lee Shing als Doktorandin, mit eigenem Projekt.

Sie habe einen „gewichtigen Beitrag zur Gedächtnisforschung“ geleistet, heißt es in der Begründung der Preis-Jury. Im Vergleich von Kindern und Erwachsenen habe sie erstmalig nachweisen können, dass sich Komponenten des episodischen Gedächtnisses im Lebenslauf unterschiedlich entwickeln.

Jeder Mensch erinnert sich an unzählige Ereignisse. Wie das geschieht, wird von zwei Komponenten beeinflusst. Die assoziative Komponente bildet den „Leim“ der Erinnerung, erklärt Yee Lee Shing. Zu einem Ereignis, einer Episode gehören verschiedene Aspekte: der Ort, die Zeit, beteiligte Personen. Der „Leim“ fügt alles zu zusammen. „Zum Beispiel erinnert man sich an das freundliche Gesicht einer neu kennengelernten Person über ihren Namen – oder umgekehrt“, sagt die junge Wissenschaftlerin.

Die strategische Komponente wiederum übt die kognitive Kontrolle aus: Auf welche Art wird die Episode verarbeitet? Ordnet sie sich einfach ins Erinnerungssystem ein oder soll etwas vergessen werden? Beide Komponenten interagieren in einem Netzwerk, an dem bestimmte Hirnregionen beteiligt sind, zum Beispiel der präfrontale Cortex und der mediale Temporallappen mit dem Hippocampus.

Dies ist alles nicht neu. Aber Yee Lee Shing griff das Modell auf, um zu erforschen, wie es im Verlaufe des Lebens wirkt. Angeregt wurde sie dazu unter anderem von ihrem Mentor Ulman Lindenberger, Direktor des Forschungsbereichs Entwicklungspsychologie am Institut.

„Sehr alte Gedächtnisse haben viele Wandlungen hinter sich“, sagt Yee Lee Shing. „Sie erinnern sich, modifizieren es ein bisschen, erinnern sich, modifizieren es ein bisschen – über das ganze Leben.“ Die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen, sich lernend zu entwickeln, nennt man Plastizität.

Um der Art des Erinnerns in verschiedenen Altersgruppen auf die Spur zu kommen, entwickelte das kleine Team um Yee Lee Shing Labor-Studien, die im Max-Planck-Institut und der Charité durchgeführt werden. Beteiligt sind Gruppen von Freiwilligen – Kinder, junge und ältere Erwachsene. Sie lernen unter anderem lange Listen von Wortpaaren auswendig. Danach wird getestet, wie gut sie sich erinnern können und was passiert, wenn Paare neu kombiniert werden. Im Kernspintomografen kann man sehen, wie die Hirnregionen beim Erinnern zusammenarbeiten.

Yee Lee Shing konnte bereits wichtige Schlüsse ziehen. „Das episodische Gedächtnis ändert sich im Laufe des Lebens, und zwar in komplexer Weise“, sagt sie. Kinder erinnern sich vor allem an Details, was man beim Memory-Spiel beobachten kann. Dafür können sie noch nicht so gut auf abstrakter Ebene denken. „Kinder sind genauer, aber sie vergessen viel.“ Das liegt an der langsamen Reifung des präfrontalen Kortex. Das semantische Netzwerk muss sich erst aufbauen.

„Die älteren Erwachsenen wiederum bilden fast einen Gegenpol dazu“, sagt Yee Lee Shing. „Ihr Gedächtnis neigt dazu, kein Erinnern an spezifische Details zu sein, sondern sich mehr auf der abstrakten Ebene abzuspielen“. Der Grund: Der „Leim“ des Systems lässt nach. Ebenso die strategische Kontrolle. Es kommt öfter zum „Fehlalarm“, wie es die Forscherin nennt. „Dieses hier sieht vertraut aus. Das ist es, was ich gesehen habe“, sagen die Probanden etwa, wenn sie ein Wortpaar vorgelegt bekommen. Sie merken nicht, dass sie es in einer anderen Kombination gelernt hatten.

Ältere sind weniger aufmerksam für Details, sogar, wenn man sie immer wieder bittet, genau hinzusehen, hat Yee Lee Shing festgestellt. Sie bemerkte, dass eine bestimmte Hirnregion im Hippocampus, der Gyrus dentatus, bei falschen Erinnerungen besonders beteiligt ist. Dieser spielt auch eine wichtige Rolle bei der Neurogenese, dem Prozess, in dem bei Erwachsenen neue Neuronen erzeugt werden.

Was haben diese Erkenntnisse für einen praktischen Nutzen? „Zuerst geht es um das Verstehen“, sagt Yee Lee Shing. Für jeden, der mit Kindern arbeite, sei es wichtig zu wissen, unter welchen Voraussetzungen Kinder neue Informationen am besten aufnehmen. „Und wenn man begreift, was sich bei älteren Leuten ändert, lässt sich fragen: Wie kann ich ihnen helfen?“

Yee Lee Shing weiß, dass Tests unter Laborbedingungen nicht das vielfältige Leben abbilden können. Aber viele Probleme, die sie feststelle, fänden sich sicher auch im Alltag, sagt sie. Mit bestimmten Methoden, etwa bildhaften Strategien, wie sie auch Gedächtnis-Weltmeister verwenden, trainiert sie die Erinnerung ihrer Probanden. Der Lernprozess wird durch Kernspin-Untersuchungen an der Charité begleitet. Die Teilnehmer sollen dabei zum Beispiel Wortpaare über ein gemeinsames Bild fest verknüpfen.

Hilfe durch erlernte Strategien

Das Ergebnis: Kinder profitieren von solchen „mnemonischen Strategien“ besonders gut. Ihr Gedächtnis wird im Verlauf der Studie mehr dem junger Erwachsener ähneln, lautet die Prognose Yee Lee Shings. Ältere Probanden wiederum werden auf diesem Weg das Nachlassen des „Leims“ zumindest ein wenig ausgleichen können. „Wir empfehlen unseren älteren Probanden, das auch in ihrem Alltag zu verwenden.“

Längst sind die Forschungen am Max-Planck-Institut zum Lebensinhalt der Forscherin aus Malaysia geworden. Berlin sieht sie als wichtigste Station an. Auch privat. Sie wohnt in Steglitz, hat im März 2011 ihr erstes Kind bekommen: Luis Salvador. Auf fünf Jahre ist ihre Stelle befristet. Aber sie hofft darauf, neue Förderwege zu finden. „Es ist schön, in Deutschland zu sein, weil die Entwicklungspsychologie über die Lebensspanne hier sehr unterstützt wird“, sagt sie. Fragen hat sie genügend. So interessiert sie sich dafür, welche Hirnregionen bei Demenz betroffen sind. Dies könne hilfreich sein, um Voraussagen für möglicherweise Betroffene zu treffen.

„Mein Plan für die Zukunft ist offen“, sagt Yee Lee Shing und blickt hinaus auf das Grün vor ihrem Fenster. „Das Projekt in meinem Kopf endet irgendwie nie.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen