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Gastbeitrag Traum oder Alptraum?

Der Brexit darf nicht dazu führen, dass wir England aus Europa ausschließen. Ein Gastbeitrag.

12.04.2017 13:49
Jan Wörner
ISS
Die Internationale Raumstation ISS ist ein Paradebeispiel für globale Zusammenarbeit. Foto: ESA/NASA

Sicherlich hat die Stimmung über Europa schon bessere Zeiten erlebt. Und natürlich kennt jeder Stammtischteilnehmer eine Aktion in Brüssel, die er ablehnt, ob es das Glühbirnenverbot ist oder die Diskussion über die Frage, ob das Stöffche weiterhin Apfelwein genannt werden darf. Die Kritik ist schnell formuliert, der „Übeltäter“ anonym in Brüssel ausgemacht und die Einigkeit fühlt sich gut an. Ob im Einzelfall die Aktivität in Brüssel erfunden oder durch Mitgliedsstaaten der Europäischen Union angestoßen wurde, ist für die „Lufthoheit“ am Stammtisch dann nicht mehr wirklich wichtig.

Tatsächlich gibt es aber Dinge, die uns in der derzeitigen Situation Sorgen machen können und müssen: Terroranschläge, Migration und Klimawandel sind Entwicklungen, die uns belasten und für die wir noch nicht die richtigen Antworten gefunden haben. Dazu kommen zunehmend national ausgerichtete Interessensvertretungen gepaart mit individuellem Verhalten in einer digitalen Schnäppchengesellschaft.

Mit letzterem ist die gesellschaftsweite Suche nach Schnäppchen gemeint, die jenseits aller Vernunft nach Tiefstpreisangeboten hechelt und den Erfolg eines Kaufes unterhalb der Kosten als besonders „intelligent“ bezeichnet. Auch Steuersparmodelle sind immer beliebt, obwohl jeder eigentlich wissen sollte, dass unsere gesamte Gesellschaft auf einem Minimum von Solidarität und damit unter anderem auf Steuern und allgemeinen Abgaben fußt.

Dieses Dilemma lastet nun auch auf dem europäischen Gedanken. Alles positiv Erreichte der vergangenen 60 Jahre seit den Römischen Verträgen wird als selbstverständlich angesehen, jede noch so kleine „Belastung“ wird als unzumutbar bezeichnet und der europäischen Idee angelastet. Allein die Tatsache, dass wir uns an die Grenzübergänge ohne Warteschlangen, die Möglichkeit der Beschäftigung im europäischen Ausland und den sehr einfachen Zahlungsverkehr – nicht nur in den Ländern mit Eurowährung – gewöhnt haben, sollte uns bewusst sein. Ich empfand es schon als Rückschritt, dass man nun bei vielen innereuropäischen Flugreisen wieder eine Passkontrolle eingeführt hat.

Eine Abkehr von Europa, wie aktuell durch den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union offiziell angekündigt, ist nicht eine rein finanztechnische, administrative Aktivität für die Verwaltung, es trifft die Idee „Europa“ im Kern. Viele dieser Konsequenzen sind heute in ihrem gesamten Umfang für die breite Öffentlichkeit noch gar nicht erkennbar und selbst die Experten sehen Tag für Tag zusätzliche Probleme.

Brexit und die Trennung Großbritanniens durch den Ärmelkanal dürfen nicht dazu führen, dass wir England aus Europa ausschließen und uns insgesamt wieder in Richtung der Zeit vor den Römischen Verträgen bewegen. Gerade jetzt gilt es, die Grundlage für eine gute Zukunft zu schaffen und zu erhalten. Das ist nicht nur eine Frage der Politik in den Mitgliedsstaaten, sondern ganz zentral eine Aufgabe aller Bürgerinnen und Bürger, die letztlich die Zukunft beeinflussen können. Gerade weil es uns insgesamt relativ gut geht, ist Solidarität nicht nur ein generisches Wort mit Aufforderung an andere, sondern eine Eigenschaft, die wir ganz gezielt unterstützen sollten. Eine Position, dass jede Aktivität einen kurzfristigen „Return of Investment“ haben muss, verkennt die langfristigen Wirkungen solidarischer Handlungen.

Nachdem ich – bedingt durch meine Position als Generaldirektor der Esa – auch sehr viel in den Ländern Europas unterwegs bin und mit vielen jungen Leuten in den Hochschulen Kontakt habe, erlebe ich immer etwas ganz Ähnliches: Erstens sind die jungen Leute sehr europafreundlich und zweitens fordern sie mich regelmäßig auf, auch die Grenzen Europas nicht als starre Beschränkungen zu verstehen, sondern die globale Perspektive zu berücksichtigen. Tatsächlich habe ich das besondere Privileg ein Thema bearbeiten zu dürfen, das sich von Natur aus nicht an irdischen Grenzen fest macht: die Raumfahrt. Aber auch hier gilt, dass die Forderung nach unmittelbarem finanziellen Rückfluss getätigter Ausgaben zu kurz greift.

Viele Raumfahrtaktivitäten sind längst täglich nutzbare Infrastrukturen geworden, wie Navigation und Telekommunikation. Die Begeisterung die besondere Missionen, wie der Flug von Rosetta zu einem Kometen oder die Astronauten auf der Raumstation, auf die Bevölkerung, namentlich die Jugend ausübt, führt über Inspiration zu der Motivation, Träume zu haben und umzusetzen. Dieser positive Geist ist es, der den durchaus begründeten Sorgen des Alltags etwas entgegensetzt und so die Zukunft insgesamt und die Europas im besonderen positiv entwickeln kann.

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