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Gastbeitrag Mama kann auch Papa sein

Kinder brauchen Familie – die können ihnen auch Alleinerziehende bieten. Der Gastbeitrag in der FR.

Eltern-Kind-Bindung: So entsteht das Fundament fürs Leben
Für Kinder ist es gut, wenn sie mehr als eine Bezugsperson haben. Foto: dpa

Wir alle kennen das schöne nigerianische Sprichwort: „Ein Kind braucht zu seinem Gelingen ein ganzes Dorf.“ Eduard Spranger schrieb bereits 1920 in seiner „Psychologie des Jugendalters“: Kinder benötigen während ihres Aufwachsens verschiedene Rollen um sich herum, und zwar das Mütterliche, das Väterliche, das Großmütterliche, das Großväterliche, das Geschwisterliche, das Freundschaftliche und für dies und das den Fachmann. Er meinte das aber keineswegs wörtlich, denn das Mütterliche steht für wenigstens eine Person, die an der leiblichen und emotionalen Versorgung des Kindes, an seinem Schutz, orientiert ist, also für Gesundheit und Ernährung, das kann auch Papa sein. Mütter erkennt man oft daran, dass sie ihr Kind jünger behandeln, als es schon ist, während Väter umgekehrt ihr Kind oft älter nehmen, als es ist. Das Väterliche steht nämlich in dieser Rollenverteilung für das Hinausführen in die weite Welt und in die Zukunft des Kindes hinein; das kann jedoch auch Mama leisten.

Das Großmütterliche steht in Sprengers Analyse für Normen und Werte, für die Überlieferung von Sitten, Bräuchen und Ritualen, für Back- und Kochrezepte, oft auch für die religiöse Tradition der Familie, für das Erzählen von Märchen sowie das Vorlesen aus der Bibel.

Das Großväterliche steht für Taktik und Lebenserfahrung, für das Überliefern von handwerklichen Techniken, aber auch für Historisches in Form von Erzählungen aus anderen, vergangenen Zeiten, damals dem Krieg, oder dem Berufsleben.

Das Bedürfnis nach Geschwisterlichkeit meint, da Geschwister meist nicht gleichaltrig sind, das Austesten von Über- und Unterordnen, beispielsweise in Form von Rangeleien, aber auch von Lügen, Klauen und Bewahren von Geheimnissen.

Das Freundschaftliche meint das das Bedürfnis nach Gleichaltrigkeit für Spiel und Muße außerhalb der Familie.

Und den Fachmann oder die Fachfrau braucht das Kind beispielsweise als Lehrer, als Hockey- oder Fußballtrainer, als Musikerzieher oder als Experte für Chemie, Ornithologie, Mineralogie oder Archäologie, je nachdem wofür sich das Kind außerhalb der Familienbande gerade besonders interessiert.

Manche Mütter, die allein mit ihrem Kind leben, schaffen zu organisieren, was fehlt: Sie geben ihr Kind in die Kinderkrippe sowie in den Kindergarten, melden es früh bei einem Sportverein an, wo es Geschwisterlichkeit und Freundschaft zu erleben vermag, sie lassen es gelegentlich bei einem Freund oder einer Freundin übernachten, motivieren ihren neuen Lebensgefährten, auch väterlich zu ihrem Kind zu sein, und gewinnen einen Opa aus dem Seniorenheim zum Schularbeitenmachen oder zur Nachhilfe.

Etwa 1,8 Millionen Mütter und etwa 290 000 Väter erziehen ihre Kinder in Deutschland allein. Fast 2,5 Millionen Kinder leben in Ein-Eltern-Familien, die in 86 Prozent der Fälle von Müttern, in 14 Prozent von Vätern geführt werden. Etwa drei Millionen der 16,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben an der „Armutsgrenze“, etwa vier Millionen in äußerst beengten Wohnverhältnissen. Die Scheidungszahlen steigen. Ehen halten in Deutschland längst nicht mehr so lange wie noch vor 20 Jahren. Die herkömmliche Familie scheint ein „Auslaufmodell“ zu sein; immer häufiger ist sie nur noch eine Lebensform auf Zeit, und immer häufiger ist sie ausgesprochen klein. In den letzten 130 Jahren gibt es eine Entwicklung von der Großfamilie (bei der oft die Großeltern und Eltern, Herrschaft, Mägde und Knechte mit unter einem Dach wohnten) über die Kleinfamilie (beispielsweise Vater, Mutter, Sohn und Tochter) zur Kleinstfamilie, die nur noch aus der Mutter oder Vater und einem Kind besteht.

Mit dem Kleinerwerden der Familien und mit der Abnahme der verschiedenen Bezugspersonenrollen ist vor allem den Müttern eine bedeutsamere Rolle zugewachsen. Einige Mütter werden damit sehr gut fertig, andere sind jedoch zunehmend überfordert. Schließlich sind es sechs Mal mehr Frauen als Männer, die bei einer Scheidung das Sorgerecht bekommen beziehungsweise mit den Kindern zusammenwohnen und sie erziehen. Mit dem häufig mit der Scheidung einhergehenden Verschwinden der männlichen Rollenmodelle, also der Väter, Großväter und zudem oft auch der männlichen Lehrer, hat die „Feminisierung“ der Erziehungsstile zugenommen, die sich auf kleine Jungen verheerend auswirken kann. Sie müssen sich ihre Geschlechtsrollenorientierung dann dort abholen, wo sie sich ihnen dann noch bietet, nämlich bei Bildschirmhelden, den lautesten Rabauken auf dem Schulhof, Jugendbanden oder Hooligans in ihrer Nachbarschaft. Zuschlagen, Zerstören, Waffentragen, martialische Aufmachung, Bodybuilding, Kampfsport, Coolsein und Machogehabe, also brutale Männlichkeit statt liebevolle Väterlichkeit, gepaart mit der Angst davor, zu weich, zu emotional, zu feminin oder gar als schwul zu wirken, sind eine mögliche Folge. Die liebevolle Väterlichkeit setzt bei solchen Machos immer erst dann ein, wenn sie selbst Vater werden; leider mangelt es ihnen dann aber an den vielen Nuancen von liebevoller Väterlichkeit, denn die kamen in ihrem Leben so selten vor, dass sie dann ganz auf den Versuch verzichten, sie einzusetzen. Männlichkeits-Teufelskreise können dann über Generationen hinweg die Folge sein. Machos erziehen Machos, die selbst auch wieder Machos erziehen.

Mit der Lehre von den sinnvollen Größen in der Erziehung wissen wir, dass zwei Bezugspersonen immer besser sind als nur eine; das gilt für Klassenlehrer ebenso wie für Eltern. Rein statistisch haben es jedenfalls Kinder von Alleinerziehenden schwerer. Natürlich gilt das nur für große Populationen, denn umgekehrt sind auch zwei vorhandene Elternteile noch lange keine Garantie für eine problemfreie Kindheit und Jugend. Statistiken bestimmen jedenfalls nicht die Zukunft der Kinder Alleinerziehender, die können Mütter und Väter positiv gestalten, auch wenn sie sich getrennt haben.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist sein Werk „Das Erziehungsbuch erschienen.

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