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Gastbeitrag Macht der Bildschirm dumm?

Ist das digitale Lernen ein Fluch oder ein Segen? In Wahrheit ist es ein Balanceakt.

Digitalisierungs-Pläne
Kein Medium hat unsere Kommunikation, unsere Psyche und unser Lernen so verändert wie der Bildschirm mitsamt dem Display. Foto: dpa

Neulich hörte ich im Deutschlandfunk ein Interview mit dem Leiter des Zentrums für Neurowissenschaften der Universität Ulm, Manfred Spitzer. Wie in seinem Bestseller „Digitale Demenz“ behauptete er mit Hinweisen auf etliche Studien, der Bildschirm mache dick, dumm und gewalttätig, eine Behauptung, die schon vor Jahren viele Hirnforscher erzürnte. Die Drähte beim Deutschlandfunk glühten danach, so dass sich der Sender veranlasst sah, am Nachmittag Interviews mit anderen Neurowissenschaftlern nachzureichen. Sie wurden mit den Aussagen Spitzers konfrontiert und erwiderten etwa zur Hälfte, so etwas wie ein neunprozentiger Verlust an Lernfähigkeit von Kindern, die viel mit Smartphone, iPad und Internet unterwegs seien, ließe sich überhaupt nicht messen, und zur anderen Hälfte, die zitierten Ergebnisse seien so nicht richtig.

„Haben wir unsere jungen Menschen an das Digitale verloren?“ wird zunehmend gefragt, und „Die Welt geht vor die Hunde“ wird in der Folge befürchtet. Mit dem Einzug der Smartphones, des Chattens, der Computerspiele und der sozialen Netzwerke wird zunehmend getwittert, gestreamt, gepostet und gelikt, alles Begriffe, die mittlerweile schon im Duden zu finden sind.

Noch nicht im Duden steht ein Wort-Ungetüm wie „Fomo-Nomophobie-POPC-geplagte Digital Natives“. Die Duden-Kommission kann gar nicht so schnell neue Auflagen herausbringen, wie neue Begriffe in Umlauf geraten. „POPC“ bedeutet „Permanently Online, Permanently Connected“, „Nomophobie“ steht für die Angst, ohne Handy zu sein, und „Digital Natives“ steht für Kids, die von klein auf online sind und deshalb gut mit dem Smartphone umzugehen vermögen, bevor sie richtig laufen und sprechen können. Alles zusammen meint dann die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren mitsamt der Unfähigkeit, Nichtstun zu ertragen, so etwas wie Pseudo-AD(H)S, verknüpft mit einer totalen Mußeunfähigkeit.

Kein Medium hat unsere Kommunikation, unsere Psyche und unser Lernen so verändert wie der Bildschirm mitsamt dem Display. Nicht mal bei der Einführung des Massenphänomens Buch war es so. Auch damals dachten viele wie schon nach den ersten Lokomotiven, nun ginge die Welt langsam unter, und man verwies auf die vielen abgebrannten Häuser, weil Kinder nachts heimlich unter der Bettdecke mit einer Kerze „Schundliteratur“ lasen. Heute wären wir dankbar, wenn Kinder wieder mehr Bücher lesen würden, allerdings ohne eine Kerze unter der Bettdecke.

Mittlerweile verbringen 95 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis zu fünf Stunden täglich mit dem Smartphone, und im Schnitt müssen sie sich alle sieben Minuten vergewissern, ob es etwas Neues aus den sozialen Netzwerken gibt; Computerspiele sowie über Netflix heruntergeladene Filme kommen noch dazu.

Die US-Forscherin Jean Twenge behauptet daher, dass nach 1995 Geborene einer großen Gesundheitskrise entgegensteuern. Sie haben später Sex, sind einsamer und depressiver denn je, suizidgefährdet und durchweg falsch ernährt, sie verlassen seltener das Haus, leiden unter den Folgen von Bewegungsmangel, kennen sich in der virtuellen Welt wesentlich besser aus in der realen, und sie kommunizieren mit ihren Freunden mehr über die sozialen Medien als direkt.

Das alles kumuliere dann in dem Phänomen „Fomo“, also in der Angst, etwas zu verpassen, und das betrifft laut der Pisa-Kommission in Paris bereits 45 Prozent unserer Grundschüler, die sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen können, so wie Loriot sich ein Leben ohne Möpse nicht mehr vorstellen konnte.

Fachwelt ist gespalten

Im Moment ist die Fachwelt noch gespalten, wenn es um die Frage geht, ob das digitale Lernen Einzug in unsere Schulen halten sollte: Sie besteht einerseits aus alarmierten Skeptikern wie Manfred Spitzer, die der Auffassung sind, man müsste in den Schulen nun erst recht das Gegenteil fördern, also Bewegung, direkte Kommunikation, Lesen und Schreiben von Texten, die Schreibschrift, Zuhören sowie Singen und Musizieren. Andererseits gibt es Zukunftsoptimisten wie Medienforscher Christoph Klimmt, die darauf vertrauen, dass mit der erhöhten Motivation der Kids gegenüber neuen Medien gewaltige Chancen erwachsen sind, dass sie auf andere Weise als bislang wesentlich mehr zu lernen vermögen, so wie die Niederländer mit ihren Digitalis-Schulen nachgewiesen haben wollen. Zudem sollen Vor- und Grundschüler mit iPads über viele kleine fünf- bis zehnminütige Portionen Lesen, Schreiben, Rechnen und auch Englisch doppelt so erfolgreich lernen (also die doppelte Menge bleibt doppelt so lange im Hirn hängen) wie mit herkömmlichen schulischen Methoden.

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