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Gastbeitrag Feuerlöscher gesucht

Statt zu streiten könnten die Bildungsdebattierenden zielgerichtet helfen - und zwar dort, wo es derzeit brennt: bei der Chancengleichheit an den Schulen; sozial, statt elitär. Jagoda Marinic plädiert für eine bessere Ausgangssituation der Grundschulkinder.

18.07.2010 21:46
Von Jagoda Marinic
Hilfe in der Grundschule würde Migrantenkindern nutzen. Foto: dpa

Gerade als die Hamburger in die heiße Phase des Volksentscheids wider die Verlängerung der Grundschulzeit traten, legte die Bundesregierung den jüngsten Integrationsbericht vor. Demnach verlassen 13,3 Prozent der Migrantenkinder die Schule ohne Abschluss. Ein Drittel mehr als in den Vorjahren. Tendenz steigend.

Fakten wie diese werden die Bildungsdebattierenden nicht wirklich behelligt haben, noch werden sie das in Zukunft tun. Schließlich kommen sie aus der Realität, oft der Realität jener, die kein Wahlrecht besitzen. Während man mit den eigenen Kindern um keinen Preis experimentieren möchte, wird das Schicksal dieser Jugendlichen Jahr um Jahr hinten eingereiht. Deutschland muss sich wohl erst ideologisch über seine Bildungseinrichtungen einigen, bevor eingegriffen werden kann.

Wäre es den theoriegeladenen Streithähnen möglich, mehr zu handeln als zu reden, böte sich die Gelegenheit für zielgerichtete Hilfe, und zwar dort, wo es derzeit brennt. Das eben verabschiedete „Nationale Stipendienprogramm“ von Union und FDP befasst sich nicht mit der Struktur, sondern fördert Begabte, damit sie bald schon einer Gesellschaft, die sie dringend braucht, motiviert zur Verfügung stehen.

Statt nun prinzipiell gegen Elitenförderung zu wettern, sollte man ein analoges „Nationales Feuerlöschprogramm“ an den Anfang der Bildungskette setzen. Geld zugunsten der Chancengleichheit an Schulen, sozial statt elitär. Ein gezielter Eingriff in die etablierten Strukturen, der sofortige Wirkung zeigen würde. Im Idealfall kämen später auch die einst geförderten Kinder in den Genuss der Elite-Stipendien ? weil sie gut sind, und nicht weil sie aus einer bestimmten Schicht stammen.

Dieses verhärtete wie etablierte Entweder-Oder-Denken hat sich zum größten Hindernis des Bildungssektors entwickelt. But where have all the Cowboys gone? Oder zu Deutsch: Wo sind die Pragmatiker geblieben? Wer derzeit für Chancengleichheit kämpft, tut dies meist, indem er sich gegen die bestehenden Strukturen wendet. Unter Umständen ein Kampf gegen Windmühlen, in dem viel Energie verloren geht. Das Tragische daran ist, dass auch sechs Jahre gemeinsamen Lernens kein Wundermittel gegen Selektion und Benachteiligung sind.

Die Wurzeln derselben reichen erwiesenermaßen zurück in die erste Klasse, in der viele Migrantenkinder noch weit schlechter Deutsch sprechen als ihre Mitschüler und bei den Hausaufgaben nicht mit der Hilfe ihrer Eltern rechnen können. Selbiges gilt für sogenannte bildungsferne Schichten ohne Migrationshintergrund. Im derzeitigen Schulsystem wirken sich diese Startbedingungen zwar härter aus, doch bestehen bleibt die Chancenungleichheit auch bei längerem gemeinsamem Lernen. Ein Blick nach Berlin müsste genügen, um sich jeglicher andersgearteter Hoffnung zu entledigen.

Probleme nicht ideologisch anzugehen, könnte derzeit Folgendes bedeuten: Hilfslehrer an die Schulen! Um die Defizite, von denen wir wissen, dass sie ursächlich sind, auszugleichen. In den ersten beiden Grundschuljahren muss die Ausgangssituation der Kinder verbessert werden. Zusätzlicher Deutschunterricht in Kleingruppen ist unabdingbar, verpflichtende Hausaufgabenbetreuung ebenso. Spätestens bis zur dritten Klasse müssten die Schüler sprachlich gleichauf sein. Selbst Gegner dieses Programms könnten einem Feierabend ohne die Hausaufgaben ihrer Kinder vielleicht einiges abgewinnen.

Zudem sollten Migrantenkinder weiterhin flächendeckend muttersprachlichen Unterricht erhalten. Nicht, weil wir hierzulande so tolerant sind, sondern aus pragmatischen Gründen: Der Erfolg beim Erlernen einer Zweitsprache hängt wesentlich davon ab, wie gut Kinder ihre Muttersprache beherrschen.

Es kann in Deutschland noch jahrelang über das Gymnasium und die Bedingungen für Chancengleichheit diskutiert werden. Doch die Strukturdebatte mit der Diskussion über Chancengleichheit zu verbinden, ergibt kein Paket, das abzuschicken wäre und in naher Zukunft jene Kinder erreicht, die es betrifft.

Jagoda Marinic, 1977 in Waiblingen geboren, ist Tochter kroatische Einwanderer. Sie ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien bei Nagel & Kimche der Roman „Die Namenlose“.

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