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Gastbeitrag Die Schule von morgen

Vorbeugen ist besser als heilen – besonders in der Pädagogik.

Mädchen in Schulklasse
Oft wird übersehen, dass die Beziehung zum Lernenden ein wesentlicher Bestandteil des Unterrichtes ist. Foto: dpa

Die Ergebnisse der früheren und aktuellen Bildungsstudien (Pisa, IQB-Bildungsstudie, Iglu-Studie) waren für deutsche Schüler wenig ermutigend. Kritik entzündete sich vor allem am Desinteresse bildungsferner Elternhäuser, und Schulen wird unterstellt, sie würden immer noch Kinder aus benachteiligten Familien zu wenig fördern und unterstützen. Folgt man einer alten Volksweisheit, dann ist vorbeugen immer besser als heilen, vor allem in der Pädagogik.

Bei uns im Lande existiert zwar ein riesiger außerschulischer Bildungsmarkt, doch wird dabei übersehen, dass es naheliegend ist, ein beginnendes Lernversagen im Lesen, Schreiben und Rechnen dort zu behandeln, wo sich die Schüler zunehmend länger aufhalten – in der Schule. Mit den bestehenden Ressourcen in Form von zwei Wochen-Förderstunden geht das natürlich nur im Ausnahmefall. Im Regelfall müht sich auch die beste Lehrkraft mit großem pädagogischen Ethos vergebens. Es ist absehbar, wie die nächste Bildungsstudie ausgehen wird, wenn nicht gegensteuert wird. 

Sinn aller schulischen Erziehung ist es, den Genius im Menschen zu wecken. Wählt man statt Genius den Begriff Schulerfolg, so wird man nach Durchsicht der zahlreichen Meta-Studien zum Schulerfolg feststellen, dass zwar die Unterrichtsmethode, die Klassengröße oder die Zusammensetzung der Klasse mitentscheidend sind, in der Hauptsache aber die Lehrerpersönlichkeit. Die Auswahl der künftigen Lehrkräfte, die Inhalte der universitären Ausbildung sowie die Bezahlung gehören auf den Prüfstand, aber auch das pädagogische Ethos. 

Neben der reinen Wissensvermittlung erinnert sich die aktuelle Pädagogik zu wenig daran, dass die Beziehung zum Lernenden ein wesentlicher Bestandteil des Unterrichtes ist. Sich um Kinder zu kümmern, sie zu ermutigen, zu fördern und fordern, geht oft im schwieriger gewordenen Schulalltag unter, obwohl jede engagierte Lehrkraft bereit dazu ist. Für diese Kernaufgabe fehlt vielen Pädagogen die Zeit.

Diese Zeit dafür wäre allerdings im pädagogischen Ganztag einer Schule vorhanden. Sehr viele Grundschulen haben sich bereits dem Konzept der offenen Ganztagsschule (OGS) von 8 bis 16 Uhr angeschlossen. Da ist es doch nur ein kleiner Schritt zum pädagogischen Ganztag mit integrierter hinreichender Förderung bei Lernversagen. 

Der Gesetzgeber sieht vor, dass es genuine Aufgabe einer jeden Schule ist, allen Kindern die notwendigen Grundlagen in den Kulturtechniken zu vermitteln. Warum beschweren sich betroffene Eltern nicht öffentlich, wenn ihre Grundschule diese gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllt? Man nimmt es hin, weil der Fehler beim eigenen Kind verortet wird. Sicher, Gründe für unzureichenden Unterricht sind sehr zahlreich: Klassengröße, Migrationshintergrund, Entwicklungsdefizite bei den Erstklässlern, zu viele Wochenunterrichtsstunden und, und, und. Diese anzugehen, ist die eine Seite des Problems, die andere ist, sich damit abzufinden und auf den außerschulischen Bildungsmarkt zu verweisen, der es schon richten wird. 

Wenn Eltern diese finanziellen Aufwendungen außerhalb von Schule nicht erbringen wollen oder können, um Defizite in den Kulturtechniken zu beheben, bedarf es eines langwierigen und teuren Diagnoseprozess im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (§ 35a KJHG). Wird eine (drohende) seelische Behinderung festgestellt und eine Förderung genehmigt, wird diese mit Steuergeldern finanziert. Abgesehen davon, dass die Kosten für einen solchen Diagnoseprozess höher sind als die nachfolgende Arbeit mit Kind und Eltern, wäre doch die Überlegung angebracht, ob nicht die Schule selbst die Förderung übernehmen oder unter ihrer Regie stattfinden lassen könnte. Lese-Rechtschreib- und Rechenstörungen sind ureigene Phänomene in der Pädagogik und gehören gewiss nur in den seltensten Fällen unter die Kuratel von Psychiatrie und Psychologie.

Die Pädagogik hat auf der ganzen Linie diesbezüglich resigniert und nimmt das Lernversagen schicksalhaft hin. Die Schuld dafür wird desinteressierten Elternhäusern und deren Kindern angelastet oder der Schulbürokratie, die zusätzlich auch noch die Inklusion einfordert. Ausreden existieren zur Genüge. Aber, Schule muss sich damit nicht abfinden, sondern sie ist imstande, die Behebung des Lernversagens selber anzugehen und, wenn das nicht ausreicht, Fachkräfte in die Schule zu holen. Die Pädagogik sollte sich hier neu aufstellen.

Lerndefizite lassen sich auch als Versagen des Systems Schule verstehen. Pisa-Vorzeigeländer in Skandinavien sehen das so. Im Falle des sich andeutenden Schulversagens setzen sich alle Beteiligten, also Schulleitung, Lehrkräfte, Schulpsychologie und Sozialpädagogik, rechtzeitig zusammen. Sie fragen sich, wie die Lernentwicklung dieses Kindes verbessert werden kann und stellen die notwendigen Ressourcen bereit – und zwar in der Schule und nicht irgendwo in einem Nachhilfe- oder außerschulischen Lerninstitut. 

Auch hierzulande gibt es vereinzelt entsprechende Bemühungen, so etwa in der Werkrealschule in Salem. Seit nunmehr sechs Jahren haben die Schüler die Möglichkeit, in Einzelförderung an einer Lerntherapie, die parallel zum Vormittagsunterricht stattfindet, teilzunehmen. Die wöchentlich stattfindende 60-minütige Lerntherapie wird von professionellen Lerntherapeuten an der Schule durchgeführt. In jedem Schuljahr nehmen zwischen 50 und 55 Schüler diese Möglichkeit wahr. Insgesamt beschäftigt die Schule fünf Lerntherapeuten. Diese sind seit der Einführung des Modells kontinuierlich für die WRS Salem tätig und mit dem Kollegium sehr gut verbunden. Die Vernetzung ermöglicht Synergieeffekte zum Wohle aller Schüler.

Da erhebt sich allerdings die Frage, wie die zusätzlichen Kosten einer schulinternen Förderung zu rechtfertigen sind. Eine wirtschaftliche Betrachtung des Schulversagens hilft dabei ungemein. Das Lernversagen in Form von Sitzenbleiben oder fehlendem Schulabschluss macht sich finanziell zunächst nur dann bemerkbar, wenn sich die Schullaufbahn eines Kindes deswegen verlängert. Das Statistische Bundesamt teilt diese Meinung: „Klassenwiederholungen können die Motivation von Schülerinnen und Schülern positiv, aber auch negativ beeinflussen. Ungeachtet dessen führen Klassenwiederholungen zu erheblichen Mehraufwendungen im Bildungsbereich. Die Kosten, die vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Klassenwiederholungen verursachen, gelten als wesentlich niedriger als die, die dadurch entstehen, dass Schülerinnen und Schüler ein weiteres Jahr zur Schule gehen.“

Frühzeitige Interventionen bei Lernversagen würden sich rechnen. Man muss es nur wollen. Eine wirtschaftlich fundierte Kostenrechnung wird belegen, dass die Finanzierung der Folgekosten von Lernversagen (Sitzenbleiben, spätere Jugendarbeitslosigkeit etc.) wesentlich teurer ist als eine rechtzeitige Förderung in der Schule. Das ist in der Wissenschaft Konsens und erinnert an die Volksweisheit: vorbeugen ist besser als heilen. 

Die offene Ganztagsschule hat in Grundschulen zu einer willkommenen Innovation geführt. Dabei sollte es nicht bleiben. Anzustreben ist ein pädagogischer Ganztag mit einem multiprofessionellen Kollegium, zu dem stundenweise auch externe Kräfte gehören (Schulpsychologie, Lerntherapie, Sozialpädagogik und Sozialarbeit, Elementarpädagogik, etc.). 

Die Schule übernimmt die volle Verantwortung für den Lernvorgang und gewinnt dadurch die Anerkennung ihrer pädagogischen Fachlichkeit. Dann würde die Schule endlich die gesetzliche Vorgabe erfüllen können, allen Kindern die Kernkompetenzen in den Kulturtechniken zu vermitteln. 

Josef Hanel, Diplompsychologe und Pädagoge, ist Vorsitzender im Verein für Schulpsychologie Detmold.

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