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Frauenquote Die unerreichbare Spitze

Weibliche Chefs sind in der Forschung selten. Eine Tagung zur Frauenquote in Heidelberg beschäftigt sich mit dieser Tatsache.

Je hierarchisch höher Jobs in der Medizin und Forschung angesiedelt sind, desto niedriger ist der Frauenanteil. Foto: Reuters

Das Delta ist groß: Stellen Frauen unter den Studierenden und auch Promovierenden in Medizin und Biologie noch die Mehrheit dar, so wird ihre Zahl immer kleiner, je weiter es nach oben in der Karriereleiter geht. So liegt der Anteil der leitenden Ärztinnen in deutschen Krankenhäusern bei nur 18 Prozent, sagt Gabriele Kaczmarczyk, selbst Professorin für Medizin und langjährige Ärztin an der Charité Berlin, wo sie auch als Frauenbeauftragte tätig war. Mit ihrem Verein „ProQuote“ will sie es erreichen, Frauen in der Forschung über eine Quote an die Spitze zu bringen. Diese solle „die Vorteile, die Männer bei der Vergabe solcher Stellen haben, ausgleichen“, erklärt die Medizinerin.

Denn ganz oben in der Hierarchie finden sich Wissenschaftlerinnen trotz des stetig steigenden Frauenanteils unter den Studierenden immer noch selten. Krankenhäuser haben meist ärztliche Direktoren und keine Direktorinnen, bei universitären und außer-hochschulischen Forschungseinrichtungen verhält es sich kaum anders. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven oder das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum in Köln, die beide weibliche Vorstandvorsitzende haben, stellen da eine große Ausnahme dar. Als typischer für die Verteilung kann eine der renommiertesten biomedizinischen Forschungseinrichtungen des Landes gelten: Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) sind zwei Drittel der insgesamt 3000-köpfigen Belegschaft weiblich. Doch je höher es in der Hierarchie geht, desto dominanter werden die Männer: „Lediglich sechs von 65 Abteilungen werden von einer Frau geleitet“, sagt Stefanie Seltmann, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, „im Vorstand entspricht ihr Anteil null Prozent“.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum war am Donnerstag und Freitag Veranstaltungsort einer Tagung zu diesem Thema, organisiert hatte sie der Arbeitskreis Frauen in Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft. Unter dem Titel „Quote, Quark(s) und Qualität“ ging es vor allem darum, ob das Einführen einer Frauenquote in der Forschung – wie es sie unter anderem in den USA und Norwegen bereits gibt – ein sinnvoller Schritt hin zu mehr weiblichem Führungspersonal darstellen kann. Internationale Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft stellten dazu dem fast ausschließlich weiblichem Publikum ihre Sichtweisen vor.

Die Rolle des Provokateurs nahm der Soziologe Stefan Hirschauer von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ein, ein Spezialist für Gender Studies, also der Forschung zur Geschlechterdifferenzierung. Von einer Quote hält er nicht viel – sie sei eine „Verzweiflungstat der wissenschaftlichen Frauenförderung“ mit der Gefahr „von sexistischen Nebenwirkungen“, denn nichts anderes als sexistisch sei es, wenn die Vergabe eines Jobs durch das Geschlecht bestimmt werde.

Eine Diskriminierung von Frauen bei der Besetzung hoch dotierter und weit oben in der Karriereleiter angesiedelter Stellen kann Stefan Hirschauer in der Forschung zudem nicht erkennen: Dort gebe es „keine undurchsichtigen Seilschaften“ wie häufig in Wirtschaft und Politik, die Auswahlkriterien seien „ungleich härter“ – weil an „herausragenden Leistungen“ orientiert. Frauen würden dabei keineswegs benachteiligt, im Gegenteil: „Jede 18. Frau, die sich bewirbt, erhält eine Professur im Bereich der Naturwissenschaften, aber nur jeder 23. Mann.“ Somit seien die Chancen für Frauen sogar eher höher, sie würden in der Wissenschaft sogar „hofiert“; für den Soziologen eine „Übersteuerung“..

Warum aber kommen dann in der Forschung nur so wenige der vielen hochqualifizierten Frauen oben an? Stefan Hirschauer sieht die Gründe eher im Privaten: „Frauen wählen meist bildungsgleiche, aber ältere Partner, die häufig ebenfalls Wissenschaftler sind.“ Aufgrund des „Vorsprungs“ an Jahren seien die Männer oft auch weiter in der Karriere, weshalb dann eher die Frau zurückstecke. Vielleicht seien Frauen aber auch einfach nur „klüger im Umgang mit der Work-Life-Balance“ und weniger ehrgeizig in Bezug auf Posten als Männer. Aber der Soziologe räumt auch ein, dass Karriere und Familie für Wissenschaftlerinnen oft schwer zu vereinbaren seien. „Vollzeit-Kita-Plätze“ und „familienfreundlichere Arbeitsverträge“ seien Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen.

Irene Schneider-Böttcher, Präsidentin der Dresden International University, wunderte sich nicht über Hirschhausens Skepsis gegenüber der Frauenquote: Umfragen hätten ergeben, dass Männer deren Wirksamkeit mehrheitlich bezweifelten, während die meisten Frauen eine solche Regelung überwiegend positiv bewerteten. Auch Irene Schneider-Böttcher selbst befürwortet dieses Instrument, um mehr Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen zu bringen. Sie sieht ganz andere Gründe als der Mainzer Soziologe, warum Frauen auf dem Weg dorthin auf der Strecke bleiben: Frauen forschten häufiger in neuen, unbekannten Themen, „die weniger beachtet werden“: Sie seien schlechter in der „Selbstvermarktung“, veröffentlichten weniger Studien als Männer, würden seltener in Fachartikeln zitiert. Das wiederum habe auch viel mit den berüchtigten Männernetzwerken zu tun. Gabriele Kaczmarczyk bestätigt diese Einschätzung: „Bei den Fachzeitschriften geben sich die Männer die Klinke in die Hand.“

Die Quote müsse schnell umgesetzt werden, fordert Irene Schneider-Böttcher, die auch politische Erfahrung unter anderem als Oberbürgermeisterin von Neustadt bei Coburg hat: Und sie müsse vor allem „Verbindlichkeit bringen“, Nicht-Beachtung müsse „Sanktionen“ zur Folge haben.

Tatsächlich aber würden von einer Quote auch die Forschungseinrichtungen selbst profitieren, ist sich Gabriele Kaczmarczyk sicher. Studien hätten ergeben: „Gemischte Teams aus Männer und Frauen arbeiten am besten.“

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