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FR-Serie: Werte (1) "Es geht nicht darum, lieb zu sein"

Verständigung aber gibt es nur, wenn sich Menschen auf Augenhöhe begegnen, so der Respektforscher im ersten Teil der neuen FR-Serie "Werte - was zählt".

19.12.2008 00:12
Was ist Respektlosigkeit? Wenn Schüler der in die Schlagzeilen geratenen Rütli-Schule für Fotografen posieren? Foto: ddp

Herr van Quaquebeke, was ist Respekt?

Generell sollte man zwei Arten unterscheiden: Auf der einen Seite gibt es den vertikalen Respekt, der sich durch Differenzierung auszeichnet. Will heißen, ich respektiere Menschen mehr oder weniger, je nachdem, wie viel Meisterschaft ich in ihnen erkenne. Auf der anderen Seite spricht die Wissenschaft vom horizontalen Respekt. Hier geht es mehr um Gleichwertigkeit. Anders ausgedrückt geht es darum, dass wir alle Menschen, und damit auch alle mit den gleichen Rechten ausgestattet sind.

Hat denn jeder Mensch Respekt als Wert verinnerlicht?

Im Kern ja - wenn auch manchmal tief verborgen. Wir alle tragen ein gewisses Anschlussmotiv in uns; wir wollen uns sozial vernetzen und eigentlich gut miteinander auskommen. Das ist auch evolutionsbiologisch so vorgesehen. Daneben gibt es allerdings auch das Machtmotiv, bei dem es um Einflussnahme geht. Diese beiden Motive können, müssen aber nicht im Widerspruch zueinander stehen. Problematisch wird es bei einem personalisierten Machtmotiv. Hier geht es Menschen um die Macht - allein um der Macht willen. Bei dem sozialisierten Machtmotiv zielen Menschen auf Macht um der Gemeinschaft willen. Unternehmen mit einem Geschäftsführer, der ein sozialisiertes Machtmotiv hat, schlagen sich im Wettbewerb übrigens besser. Warum liegt auf der Hand: Menschen mit personalisiertem Machtmotiv sind unter Umständen nur Fremdenlegionäre, die sich mit dem nächst besseren Gehalt und der Aussicht auf noch größeren Einfluss wieder abwerben lassen.

Seit wann gibt es den Begriff Respekt in seiner heutigen Bedeutung?

Vorreiter ist sicher der Philosoph Immanuel Kant, vor allem, wenn es um horizontalen Respekt geht. Nur hat er damals von Achtung gesprochen. Unter dem Einfluss von Kriegen wurden Begriffe wie Respekt und Autorität lange vermischt. Wenn ich älteren Mitbürgern erzähle, über welches Thema wir forschen, sind sie zunächst entsetzt, da sie häufig denken, es ginge in unserer Arbeit um Gehorsam.

Warum ist das Interesse an diesem Thema eigentlich so groß?

In der Wirtschaft sieht man gerade: Die Art, wie Hierarchien geregelt sind, ist für Organisationen nicht unbedingt förderlich. Im ungünstigsten Fall werden Führungskräfte auf dem Golfplatz rekrutiert und erst dann mit Mitarbeitern konfrontiert. Von diesen aber werden sie dann nicht respektiert. Heute fragt man sich verstärkt: Wie kommen wir am besten durch eine Krise, und wem würden Mitarbeiter in einer solchen Situation ganz natürlich folgen? Das ist eine Frage des vertikalen Respekts. Zudem nimmt die Individualisierung der Gesellschaft zu: Man glaubt weniger an das große Ganze und engagiert sich eher in Familie und Freundeskreis. Nur leben wir alle ja in größeren Systemen, etwa als Teile von Nationalstaaten oder einer internationalen Gemeinschaft. Wir erleben Kriege und Terroranschläge und fragen uns, ob es anstelle eines harten Konfliktkurses nicht einen anderen Weg geben könnte. Das ist eine Frage des horizontalen Respekts.

Bleiben wir mal in unserer Gesellschaft. Zwei Jugendliche in München schlagen einen Rentner zusammen und lösen damit auch eine Debatte über den Werteverfall unserer Jugend aus. Sie sagen dagegen, Jugendliche seien keineswegs respektloser als früher.

In Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen merke ich immer wieder, dass Respekt für sie ein großes Thema ist. Ich sehe aber auch, dass sich bestimmte Gruppen nicht integriert, sondern vernachlässigt fühlen. Es geht also auch darum, wie wir ihnen begegnen. Respekt ist da kein Patentrezept, er legt aber die Grundlage für einen Diskurs. Eine prekäre Frage ist dabei: Wie begegnen wir Leuten nach einer Tat? Wie viel Respekt verdienen sie dann noch? Wenn Menschen in einer Vorbildfunktion, etwa Politiker, ihren Respekt solchen Jugendlichen gegenüber über Bord werfen, finden das auch andere Gesellschaftsgruppen legitim. Und es kommt zu einer Erosion auf breiter Ebene.

Sie haben in einer Studie untersucht, was Kinder und Jugendliche unter Respekt verstehen. Was haben Sie herausgefunden?

Dass die Bedeutung des Respekts stark an das Alter gekoppelt ist. Den Kleineren geht es vor allem um die physische Unversehrtheit. Darum, dass die Lehrerin ein Pflaster gibt, wenn man hingefallen ist und heult. Und darum, dass sie eingreift, wenn man gemobbt oder von anderen Kindern geschlagen wird. Später geht es mehr um die Sozialeinbettung. Ein Mädchen hat uns vom Streit mit ihrer besten Freundin erzählt. Die Lehrerin vermittelte und hat so die Freundschaft gerettet. Später verdienen sich Lehrer Respekt, wenn Fragen nach dem Berufsweg und Schulabschluss wichtig werden und sie ihre Schüler entsprechend qualifizieren, ehrliche Gespräche mit ihnen führen. Lehrer können also besonders in Bereichen Respekt erwerben, in denen Kinder und Jugendliche erleben, selbst keine Kontrolle zu haben.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat schon während seiner Arbeit als Student mit obdachlosen Jugendlichen beobachtet, dass ihnen Sozialarbeiter und Pädagogen helfen wollten, sie aber nicht respektierten. Auch heute zeigen Lehrer oft keinen Respekt. Warum?

Einige machen sich zu wenig Gedanken darüber, wie sie den Spagat zwischen fachlicher Kompetenzdifferenz und menschlicher Augenhöhe gegenüber den Jugendlichen meistern sollen. Das betrifft aber nicht nur Lehrer: Sehr viele Menschen, die eine höhere Bildung genießen, halten sich für überlegen. Auf der Grundebene aber muss man jedem anderen als gleichwertigem Menschen begegnen, sonst fühlt er sich nicht für voll genommen. Schüler spüren die mangelnde Wertschätzung ihrer Lehrer. Dann können jene fachlich so gut sein wie sie wollen - sie werden zu den Jugendlichen nicht durchdringen.

Aber wie viel Respekt kann man von Lehrern erwarten, die sich täglich dumme Sprüche anhören dürfen oder gar mit Gewalt konfrontiert werden?

Um das klar zu stellen: Respekt bedeutet nicht, lieb zu sein, auch nicht höflich. Lehrer müssen Grenzen aufzeigen, um ein Lernklima herzustellen. Dabei können aber Methoden wie etwa der Klassenrat helfen. Denn vielfach wird gerade in Klassen mit toughen Jungs unterschätzt, wie sinnvoll es ist, wenn Schüler sich gegenseitig ihre Innenwelt spiegeln: Was geht in ihnen vor, wenn sie so oder so genannt oder behandelt werden? Oft empfinden unterschiedliche Leute das Gleiche. Und sie verstehen: Wir sind gar nicht so anders.

Interview: Yvonne Globert

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