Lade Inhalte...

FR-Interview mit Schulpsychologen „In unsicheren Zeiten neigen Menschen eher zum Vertrauten“

Der Schulpsychologe Stefan Drewes erklärt im FR-Interview das geringe Interesse an schulischen Veränderungen. Drewes rät: Erst die Lehrer überzeugen.

21.10.2010 22:49
Stefan Drewes vertritt die Schulpsychologen im Berufsverband deutscher Psychologen und Psychologinnen. Der 50-Jährige arbeitet in Düsseldorf. Foto: privat

Herr Drewes, viele Länder wollen die Schulen reformieren, stoßen aber sofort auf großen Widerstand von Eltern und Lehrern. Warum ist das Bildungssystem wie ein schwerfälliger Tanker, der sich kaum wenden lässt?

Zunächst einmal sind unglaublich viele Menschen betroffen. Eltern, Lehrer und auch Verwandte von Schulkindern wollen über das beste System mitentscheiden. Und gleichzeitig verstehen sich alle als Experten, weil jeder mal zur Schule ging. Zwar haben die meisten vor allem negative Erinnerungen an die eigene Jugend, aber Menschen neigen in unsicheren Situationen zu dem Vertrauten und haben Angst vor dem Neuen. Eltern muss aber klar sein: Die Schüler von heute sind in einer ganz anderen Situation als sie selbst damals, das ist nicht zu vergleichen.

Gleichzeitig kritisieren aber alle das bestehende System. Die NRW-Landesregierung ist angetreten, das Schulsystem grundlegend zu verändern. Auch dafür wurde sie gewählt.

Ja, aber vieles, was möglicherweise kommt, schafft Unsicherheit. Im gewohnten System weiß jeder, womit man es zu tun hat. Die Eltern wissen, wie sie ihr Kind in dieser Organisation am besten positionieren, um im Konkurrenzkampf mithalten zu können. Die meisten Eltern gucken nur auf ihr eigenes Kind und auf das, was dafür das Beste ist. Daraus leiten sie irrtümlich ein Systemideal ab. Dabei gibt es längst gutes und empirisches Wissen darüber, was eine gute Schule ausmacht. Aber das ist in den Köpfen noch nicht angekommen.

Das klingt so, als sollten Eltern besser nicht über die Bildung entscheiden.

Doch. Zu der Mitbestimmung der Eltern gibt es keine Alternative. Dass von oben erlassene Reformen keine Zukunft haben, haben Stuttgart 21 und auch der Hamburger Bürgerentscheid über eine längere gemeinsame Grundschule eindrucksvoll bewiesen. Die Eltern müssen aufgeklärt werden, sie sind von längst widerlegten Meinungen überzeugt. Es hält sich zum Beispiel hartnäckig die Fehlannahme, kleinere Klassen würden bessere Leistungen bringen. Dem würden sicherlich 99 Prozent aller Eltern zustimmen. Trotzdem ist es falsch. Es gibt keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Klassengröße nachweisen könnte. Aber das Ansehen dieser Statistiken ist gering.

Wie können denn erfolgreiche Reformen aussehen, wie können besorgte Eltern mitgenommen werden?

Für die Akzeptanz einer Reform ist es existenziell, zuallererst die Lehrer zu überzeugen. Sie sind die ersten Ansprechpartner der Eltern und prägen die Meinung. Die Einführung der Ganztagsschule etwa ist dort ein großer Erfolg, wo die Rahmenbedingungen stimmten und die Pädagogen auch davon überzeugt waren. Und sie waren es, weil sie nicht fürchten mussten, überlastet zu werden. Sie haben vielerorts zusätzliche Hilfe bekommen, haben die notwendige Ausstattung erhalten. Wenn die Lehrer das vor Ort vorleben, ziehen die Eltern mit. Aber Lehrer müssen natürlich auch grundsätzlich offen sein für Veränderungen.

Die neue NRW-Landesregierung vertritt aber nun völlig andere Überzeugungen als die schwarz-gelbe Vorgängerregierung. Da fällt die Überzeugung sicherlich schwer.

Das ist ein großes Manko in Deutschland. Wie wollen Sie Eltern erklären, dass es in jedem Bundesland ein anderes Schulsystem gibt und dass die Parteien selbst nicht eindeutig für oder gegen ein bestimmtes Vorhaben sind, je nachdem wo die Politiker wohnen? Da gibt es jene, die eine Gemeinschaftsschule befürworten, weil in ihrem Wahlkreis die Hauptschule stirbt und die Schülerzahlen sinken. In der Großstadt wiederum spricht sich ein anderer Politiker derselben Partei für das Gegenteil aus. Natürlich stiftet das Verwirrung. Und dann greifen Eltern wieder auf ihre eigenen Überzeugungen zurück.

Wie reformfreudig sind eigentlich die Hauptbetroffenen – die Schüler?

Es gibt keine empirischen Studien darüber, aber ich erlebe sie als viel flexibler und offener für Veränderungen.

Interview: Annika Joeres

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum