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FR-Interview „Mathe hat viel mit Spielen zu tun“

Jürg Kramer, Sprecher der Berlin Mathematical School, beklagt im FR-Interview die mangelhafte Kreativität vieler Studienanfänger und dramatische Mängel in der Beherrschung der Grundrechenarten.

08.03.2011 17:40
Zumindest elementare Grundrechenarten sollten drin sein, findet Mathe-Experte Jürg Kramer. Foto: dpa

Jürg Kramer, Sprecher der Berlin Mathematical School, beklagt im FR-Interview die mangelhafte Kreativität vieler Studienanfänger und dramatische Mängel in der Beherrschung der Grundrechenarten.

Herr Professor Kramer, ist es im Zeitalter des Taschenrechners noch sinnvoll, in der Schule zwei- oder dreistellig schriftlich teilen zu lernen?

Grundsätzlich sollte man den Schülerinnen und Schülern schon die Möglichkeit geben, schriftlich addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren zu können. Es ist dann nur die Frage, wie weit man geht. Dass man es einige Male exemplarisch übt mit zwei- oder dreistelligen Zahlen, finde ich wichtig. Aber man sollte es nicht exzessiv trainieren und zehn, zwanzig Aufgaben dieses Typs drillen; dafür gibt es ja den Taschenrechner.

Viele Schüler stellen das Kopfrechnen aber ein, sobald der Taschenrechner ins Spiel kommt.

Ja, das ist ein Riesenproblem. Wir beobachten das vor allem bei den Lehramtsstudierenden. Sie wählen Mathematik vielfach nur aus strategischen Gründen, weil sie ein zweites Fach brauchen. Bei ihnen sehe ich in der Tat dramatische Mängel in der Beherrschung der Grundrechenarten, beim Bruchrechnen und dergleichen. Man verlässt sich dann zu schnell auf den Rechner und schätzt nicht mal mehr, was das Ergebnis so in etwa sein könnte. Schätzen ist aber ein wichtiges Element in der Mathematik! Der Rechner erfordert eine sinnhafte Anwendung. Ich finde es erschreckend, wenn für die Rechnung 1+2+3+4 der Taschenrechner benutzt wird. So etwas erlebt man! Wir wollen keine virtuosen Kopfrechner produzieren, aber wir wollen, dass die jungen Leute elementare Grundrechenarten wie auch elementare Algebra aus dem Kopf heraus ausführen. Das Eintippen ist ja nicht mal ein Zeitgewinn, wenn man es im Kopf ebenso schnell ausrechnen kann.

Ist es eher Faulheit oder die Lust am Nichtdenken, der man frönt?

Das ist vor allem eine Frage, wie der Mathematiklehrer auf dieses Problem reagiert und die Schüler dafür sensibilisiert.

Könnte es auch an den Lehrbüchern liegen, deren Anforderungen Thilo Sarrazin zufolge kontinuierlich gesunken sind? Sogar Fachdidaktiker behaupten das ja.

In der Tendenz ist das nicht falsch. Aber das klingt nach dem Motto: Als wir noch jung waren, war alles besser. Da muss man aufpassen, denn die jungen Menschen haben dafür neue Talente entwickelt, die wir noch nicht hatten. Da die Kapazitäten beschränkt sind, muss eben für sie an anderer Stelle Platz gemacht werden.

Sie sprechen jetzt so ähnlich wie Ihr Landsmann, der Schweizer Kinderarzt Remo Largo.

Wo ich allerdings ein Problem sehe, das sind ganz verschiedene Faktoren, die mit Mathematik nichts zu tun haben. Den jungen Leuten mangelt es oft an Konzentrationsfähigkeit, Selbstorganisation und realistischer Selbsteinschätzung. Sie haben keine Ahnung, wie gut oder schlecht sie sind. Sie haben kein Gefühl, ob sie etwas verstanden haben oder nicht. Sie versäumen, sich bei der Prüfung anzumelden, organisieren sich nicht richtig für eine Vorlesung. Viele wollen sich auch gar keine Notizen mehr machen, sie verlassen sich nur noch aufs Skript-Abheften. Um effektiv zu lernen, muss man aber einen Arbeitsstil entwickeln.

Wo sehen Sie die Gründe für diese Defizite?

Eltern nehmen heute zum Teil ihre Pflichten nicht so wahr, wie man sich das vorstellt, und Lehrer haben Sorge, sich mit den Eltern anzulegen, wenn sie sie an diese Pflichten erinnern. Es ist schrecklich, bei diesen fundamentalen, nicht-mathematischen Dingen derartige Defizite festzustellen. Vielfach hätten die jungen Leute zwar die Kapazitäten, aber sie haben nicht die Anleitung bekommen, sie zum Tragen zu bringen.

Liegt es auch an den vielen Ablenkungen, die man heutzutage hat? Stichwort Internet?

Ja, klar. Wenn es an der einen Stelle nicht klappt, dann hab ich sofort zehn andere Dinge, die ich tun kann. Auch gibt es die Haltung: Wenn ich eine Aufgabe in fünf Minuten nicht gelöst habe, dann ist sie für mich unlösbar. Problematisch ist auch, dass viele in der Schule vermittelt bekommen: Wenn ich weiß, welchen Knopf, welche Formel ich einsetze, dann muss das und das dabei rauskommen. Man sollte Mathematik aber wie ein Spielen betrachten. Man muss mit Formeln spielerisch umgehen und etwas ausprobieren.

Der Frankfurter Fachdidaktiker Götz Krummheuer hat soeben in einer Studie mit 128 Vor- und Grundschulkindern belegt, dass Vorschulkinder mathematische Lösungen variantenreicher begründen als Grundschulkinder. Ist die Schule ein Kreativitätsblocker?

Das sind auch unsere Beobachtungen, es setzt sich dann ja bis an die Uni fort. Für mich ist es deshalb viel spannender, mit Schülern, beispielsweise in Sommerschulen, etwas zu thematisieren, weil sie noch nicht ihre Antworten nach dem Duktus der Vorlesungen richten. Schüler gehen da völlig frei heran, sie können ganz quere Fragen stellen. Manchmal kommen Fragen zustande, an die man selbst gar nicht gedacht hätte, die aber absolut sinnvoll sind, und die man zum Teil gar nicht so leicht beantworten kann. Solche quer gedachten Fragen kriegt man von Studierenden nur ganz selten. Und genauso ist es eine Stufe tiefer in der Grundschule dann auch wieder: Das Spielerische wird dort durch das Päckchenrechnen abtrainiert.

Was läuft in der Schule falsch?

Das ist eine delikate Sache. Lehrer sind zum einen sehr stark belastet durch eine hohe Stundenzahl. Dann haben Lehrer mit disziplinarischen Problemen zu kämpfen. Was das Fachliche betrifft, so können Lehrer mit traditionellen Methoden, die viel Wert auf Üben legen, im Rahmen des Möglichen gute Erfolge erzielen. Es gibt natürlich auch Lehrer, die das ad absurdum treiben und den Kindern dadurch völlig die Freude an der Mathematik rauben. Wenn man mehr Gruppenarbeit und Kommunikation durchführt und quasi das Kreative in den Mittelpunkt stellt, dann kann das gut, aber auch schief gehen, wenn der rote Faden verloren geht. Es erfordert große Kompetenz, trotz der Freiheit in der Gruppe dafür zu sorgen, dass quasi alle alles mitbekommen. Das Ganze muss sehr gut moderiert werden. Bei dieser Lehrmethode ist eine höhere Lehrerkompetenz erforderlich, weil dabei quer gedachte Fragen auftauchen, auf die der Lehrer situationsgerecht eingehen können muss. Fehlt ihm die fachliche Kompetenz, sind die Schüler frustriert. Man kann als Lehrer einmal sagen „Das weiß ich nicht“, aber in 90 Prozent der Fälle sollte schon eine überzeugende Antwort kommen.

Das klingt so, als ob Sie sich für mehr Fachkompetenz stark machen. Hat man sie in den vergangenen Jahren zugunsten der Didaktik vernachlässigt?

Denken wir an die Grundschulen: Dort wird ein Großteil des Mathematikunterrichts fachfremd unterrichtet, in Berlin sind es etwa 80 Prozent. Das hat die Teds-Studie (Teacher Education and Development Study in Mathematics) im vergangenen Jahr gezeigt. Viele Lehrer vermitteln ihren Schülern damit bewusst oder unbewusst ihre eigenen Ängste vor der Mathematik, und das ist ein großes Problem. Was ich hierzulande aber auch so schlimm finde, ist, dass bei jedem Politikwechsel in Bund oder Land Bildung an erste Stelle geschrieben wird. Jeder meint, er müsse ihr seinen Stempel aufdrücken und wieder eine Sau durchs Land jagen. Die Lehrer werden dadurch von einem Extrem zum anderen geschubst und bekommen nie die Kontinuität, um beispielsweise die Bildungsstandards erst mal zu studieren und einzuführen. Sie müssen durch Fortbildung daran gewöhnt werden. Es bleibt aber gar keine Zeit, das zu verinnerlichen, schon kommt wieder das Nächste.

Der größte Feind der Schüler ist also die permanente Reformeritis?

Ja, absolut.

Interview: Birgitta vom Lehn

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