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Forschungsprojekt Sonnengruß unter dem Hakenkreuz

Zum ersten Mal beschäftigt sich ein Forschungsprojekt mit dem Yoga im Nationalsozialismus. Es zeigt, dass sich sogar die SS aus alten Quellen bediente und damit Verbrechen rechtfertigte.

18.02.2012 19:40
Torsten Harmsen
Trug die Bhagavad Gita bei sich: Heinrich Himmler. Foto: dapd

Zum ersten Mal beschäftigt sich ein Forschungsprojekt mit dem Yoga im Nationalsozialismus. Es zeigt, dass sich sogar die SS aus alten Quellen bediente und damit Verbrechen rechtfertigte.

Wer an Yoga denkt, sieht Menschen vor sich, die den Lotussitz oder den Sonnengruß üben, um dem Stress des Alltags etwas entgegenzusetzen. Er assoziiert seelisches Gleichmaß, Suche nach Weisheit und innerem Frieden. Nicht Gewalt oder Verfolgung. Und dennoch gibt es auch diese Seite in der Geschichte des Yoga.

„Yoga im Nationalsozialismus“ heißt eine 220-seitige Publikation des Yoga-Experten Mathias Tietke. Den Impuls für dieses Projekt gab ihm nach eigenen Aussagen der Stuttgarter Religionswissenschaftler Christian Fuchs. Zugleich ließ sich Tietke von seinen eigenen Erfahrungen mit der Yogaszene bewegen. Denn die Zeit des Nationalsozialismus spiele in der Literatur über Yoga-Geschichte keine Rolle, sagt er. Sie werde einfach ausgeklammert. Lediglich eine Autorin, die Berliner Yogalehrerin Anna Trökes, habe in zwei ihrer Veröffentlichungen die NS-Zeit erwähnt. Sie behaupte, Hitler habe Yoga verboten, und die Nazis hätten die Verbreitung unterbunden, weil Yoga „den Geist des Menschen frei und unabhängig macht“.

Von einer Verfolgung des Yoga durch das NS-Regime könne keine Rede sein, behauptet Mathias Tietke nach langem Quellenstudium. Im Gegenteil. Tietke zeigt in seiner sorgfältig gegliederten Studie, dass Yoga im Dritten Reich intensiv betrieben wurde. 1937 entstand in Berlin sogar ein Yogazentrum, aus dem sich eine Yogaschule entwickelte – die erste Institution dieser Art in Deutschland, für die es Belege und Zeitzeugen gibt.

Ihr Gründer, der Exilrusse Boris Sacharow, unterrichtete dort mitten im Krieg Yoga und „indische Körperertüchtigung“, bis er 1943 ausgebombt wurde. Und noch bis 1945 verschickte er Lehrbriefe in 50 deutsche Städte. An Sacharow kann man auch sehen, wie sich Yoga an die Nazi-Ideologie anpasste. Sacharow sah in der aus Indien kommenden Lehre eine „urarische Weisheit im Dienste unserer Zeit“. Yoga bot ihm „Wege zum kommenden Großraum-Menschen“.

Himmler trug Schriften des Hinduismus mit sich

Ist das alles nur ein großes Missverständnis? Hat man Yoga missbraucht, falsch verstanden? Zum Teil ja, wie Tietke in seiner Studie zeigt. Andererseits boten die jahrtausendealten indischen Quellen, aus denen sich Yoga speiste, durchaus Ansätze, um sogar Verbrechen bis hin zum Völkermord zu rechtfertigen.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS, habe, wie sein Physiotherapeut Felix Kersten aussagte, ständig ein Exemplar der Bhagavad Gita mit sich geführt. Himmler sah darin den „hohen arischen Gesang“. Die mehr als 2?200 Jahre alte Bhagavad Gita, 1802 zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, gilt als eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Lehrgedichts. Krishna, die achte Inkarnation des Gottes Vishnu, belehrt darin den am Sinn des Krieges zweifelnden Krieger Arjuna über seine Pflichten.

Heinrich Himmler nutzte das Wort „Karma“ im Sinne von „Schicksal“ oder „Vorsehung“. Er identifizierte sich und die SS mit der alten indischen Kshatriya-Kaste und ihrer propagierten Haltung des skrupellosen Tötens für einen „höheren“ Zweck. „Doch kann mein Werk mich nimmermehr beflecken“, heißt es etwa in einem Vers der Bhagavad Gita.

Tietke zeigt, dass sich deren Prinzipien bis in die berüchtigte Rede niederschlugen, die Himmler 1943 in Posen vor hohen SS-Führern hielt. Himmler nehme dort „für sich in Anspruch, für höhere Werte zu morden: kühl, nüchtern und innerlich unbeteiligt, so wie es Krishna verlangt“. Dies alles, ohne sich an die Folgen des eigenen Handelns gebunden zu sehen. Ghandi habe dies „Yoga des Desinteresses“ genannt.

Himmler interessierte sich auch für andere frühe religiöse Schriften Indiens, unter anderem die „Rigveden“. Diese feierten den Rassismus der aus Zentralasien nach Indien einwandernden „Arier“, das Töten und Vertreiben der als minderwertig bezeichneten sesshaften Gegner.

Yoga wirkte tief in den Nationalsozialismus

Tietke betont aber zugleich, dass in der SS kaum jemand Himmlers Literaturvorlieben geteilt habe. Auch fänden sich in keiner anderen Schrift des Yoga Textstellen, in denen Gewalt gerechtfertigt werde. Die Maxime des „klassischen, nicht-religiösen Yoga“ heiße Gewaltlosigkeit.

Dafür, dass Hitler selbst mit Yoga in Berührung kam, gebe es laut Tietke keine Belege. Selbst die Vermutungen, dass Eva Braun – die auf vielen Fotos gymnastische Übungen vollführt – Yoga praktizierte, gehöre „in den Bereich des Spekulativen“. Und die Glück und Heil bringende „Swastika“, das Hakenkreuz, sei seit 6?000 Jahren in vielen Formen auf vier Kontinenten nachweisbar. Hitler „bezog sich explizit auf das Symbol der völkischen Bewegung und der Ariosophen, die es als ,germanische Rune’ und im antisemitischen Sinn verwendeten“.

Dennoch wirkte Yoga bis tief in den Nationalsozialismus hinein. Tietke arbeitet systematisch die Geschichte der deutschen Yoga-Rezeption auf. Er beginnt bei der „romantischen Indienbegeisterung“ seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, die die größten Dichter und Philosophen gepackt hatte, von Herder, über Schopenhauer bis Nietzsche. Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling schlug als Übersetzung für Yoga das Wort „Innigkeit“ vor.

Doch erst die 1875 in New York gegründete Theosophen-Gesellschaft machte die Yogatexte und Yoga populär. Sie vermengte buddhistische, hinduistische Einflüsse mit Esoterik und Okkultismus. Sie konzentrierte sich auf den Rajja Yoga als stufenweise Entwicklung und Beherrschung des Geistes und lehnte den heute verbreiteten körperbetonten Hatha Yoga ab. Vor allem aber vertraten herausragende Theosophen, wie die zeitweise in Deutschland lebende Helena Blavatsky, einen radikalen Antisemitismus. Die Juden, so die Auffassung Blavatskys, seien ein „Bastard-Volk, das unrein und verachtet außerhalb der Kastenordung der Arier steht“.

Yogaboom in den 20er und 30er Jahren

Rassismus und Antisemitismus finden sich immer wieder, als Teil der speziell westlichen Adaption des Yoga. Wie alles andere war auch Yoga geprägt von den Strömungen der Zeit. Den großen deutschen Yogaboom sieht Tietke in den 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. In jener Zeit habe es mehr als fünfzig Yoga-Bücher gegeben. Die meisten seien frei von jeglicher Nazi-Ideologie gewesen. Sie vermittelten Yoga im Stil der Zeit.

In Hagenbecks Völkerschau oder im Zirkus traten „geheimnisvolle Joghi“ mit effektvollen Posen auf. Vorführungen beschäftigten sich mit Übungen aus dem Hatha Yoga, mit Körperhaltungen, Atemtechniken, Reinigungsübungen und Meditation. Hellseherei, Trance und Autosuggestion hatten ihre Blütezeit. Nicht zuletzt gehörte zu den Schülern des Yoga-Pioniers Sacharow der spätere Erfinder des Autogenen Trainings, der Berliner Psychiater Johannes Heinrich Schultz.

Es gab sogar umtriebige Yoga-Gegner in der völkischen Szene, wie den alten Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff und seine Frau, die Ärztin Mathilde Ludendorff. Diese sah im Yoga ein Beispiel für „induziertes Irresein“ und den Versuch, ein „rassisch erwachendes nordisches Volk“ über krankmachenden Aberglauben und Selbsthypnose zu schwächen.

Das ändert nichts daran, dass Yoga für die Nazis hoffähig gemacht wurde. Einer der wichtigsten Vertreter dabei ist der Tübinger Indologe und Yoga-Experte Jakob Wilhelm Hauer, der laut Tietke das Verständnis von Yoga-Geschichte und -Philosophie über Generationen in Deutschland prägte. Der spätere SS-Hauptsturmführer propagierte in seinen Schriften den „indoarischen Weg“ und vertrat einen „Yoga der Tat“, der „den Einzelnen innerlich wappnet für die bevorstehenden Kämpfe“. Hauer war es auch, der schon früh das Morden nationalsozialistischer „Krieger“ zur Heldentat erhöhte. Er schrieb sich unter anderem mit Himmler und beeinflusste ihn offenbar stark.

Es gab aber auch Autoren, die sich auf die Ideologie der Nazis nicht einließen, sondern aus der Yoga-Philosophie heraus für „innere Freiheit“ und gegen Gewalt argumentierten. So unter anderem Heinrich Jürgens 1940 mit dem Buch „Sei Du selbst“.

In der Yoga-Szene stößt die Studie von Mathias Tietke auf keine besonders große Gegenliebe. „Gerade in Yogakreisen möchte man nur nette Dinge hören“, sagt der Autor. Dabei gebe es auch heute seltsame Auffassungen in Teilen der religiösen Yogaszene – unter anderem die, dass es angesichts von Kriegen und Leid das Beste sei, zu meditieren und sich von Beurteilungen frei zu machen. Es brauchte – so sagte eine Yogalehrerin – auch heute einen wie Krishna, der den Menschen erkläre, wofür Kriege gut seien und weshalb sie auch im Falle eines Krieges ihre Pflicht zu erfüllen hätten.

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