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Forschung Zwillinge im Fokus der Wissenschaft

Die Zwillingsforschung liefert neue Erkenntnisse zu der alten Frage: Was prägt den Menschen mehr – seine Gene oder die Umwelt?

Zwillinge
Eineiige Zwillinge ähneln sich nicht nur äußerlich extrem, sondern häufig auch in ihren Eigenschaften und Vorlieben. Foto: rtr

Nach 46 Jahren trafen sie sich wieder: Jack Yufe und Oskar Stöhr, zwei Männer, die 1933 in der britischen Kolonie Trinidad als eineiige Zwillinge geboren, jedoch im Alter von sechs Monaten getrennt und in völlig unterschiedlichen Verhältnissen groß wurden. Jack wuchs bei seinem jüdisch-orthodoxen Vater in Trinidad auf, Oskar bei seiner katholischen Mutter im damals nationalsozialistischen Deutschland.

Beide nahmen an einer Zwillingsstudie des US-amerikanischen Psychologen Thomas Bouchard von der Universität in Minnesota teil. Das Wiedersehen an der psychologischen Fakultät der Hochschule verlief spektakulär: Sowohl Jack als auch Oskar trugen ein blaues Sporthemd mit Schulterklappen, Pilotenbrillen und Gummibänder am Handgelenk, beide hatten sie die Marotte, in Aufzügen laut niesen zu müssen. Es sind Geschichten wie diese, die eineiige Zwillinge so faszinierend machen und über alle Epochen und Kulturen hinweg sogar zum Inhalt von Mythen wie jenem vom unzertrennlichen Brüderpaar Kastor und Pollux werden ließen.

Zwillinge im Fokus der Wissenschaft

Für die Wissenschaft sind eineiige, aber auch zweieiige Zwillinge besonders im Hinblick auf die Frage interessant, welche Rolle Gene und Umwelteinflüsse bei der Entwicklung eines Menschen spielen. Unbestritten ist, dass körperliche Merkmale überwiegend von unserer DNA abhängen – deshalb auch die extreme optische Ähnlichkeit eineiiger Zwillinge, die ja das gleiche Erbgut besitzen. Im Fokus der Forschung stehen vielmehr komplexe Merkmale wie Intelligenz und Persönlichkeit. Werden unsere Fähigkeiten, Talente, Charakterzüge und Einstellungen maßgeblich von unseren Erbanlagen geprägt – oder eher von unserem sozialen Umfeld, dem Elternhaus und dem Milieu, in dem wir uns bewegen?

Bis heute ließ sich das noch nicht abschließend klären. Zwillinge können bei der Beantwortung dieser Frage helfen: Wachsen eineiige Paare getrennt auf und zeigen dann doch gleiche Eigenschaften, so spricht es dafür, dass diese Merkmale vorwiegend genetisch bedingt sind. Auch der Vergleich von eineiigen und zweieiigen Zwillingen gibt Aufschluss über das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt.

Bereits in den 1870er Jahren betrieb der Brite Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin, Forschungen auf diesem Gebiet. Eine der umfangreichsten Zwillingsstudien der vergangenen Jahrzehnte ist die erwähnte „Minnesota Study of Twins reared apart“, für die Thomas Bouchard und seine Mitarbeiter seit 1979 getrennt lebende eineiige Zwillingspaare ausfindig gemacht, befragt und medizinisch untersucht haben – mit dem Ergebnis verblüffender Ähnlichkeiten. Viele hatten trotz unterschiedlicher Biographien die gleichen Wertvorstellungen, viele den gleichen Beruf ergriffen. Für die US-amerikanischen Wissenschaftler ein Beleg für die Dominanz der Gene in vielen Bereichen.

Die „TwinLife“-Studie

Eine Gruppe deutscher Forscher hat einen etwas anderen Ansatz. Wissenschaftler der Universität des Saarlandes und der Universität Bielefeld wollen das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Ihre 2013 gestartete Studie „TwinLife“ ist auf zwölf Jahre angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Ziel ist es, herauszufinden, welche Faktoren in welchem Maße zu den schulischen Leistungen, dem beruflichen Werdegang und der sozialen Stellung eines Menschen beitragen. „Es ist eine deutschlandweit einmalige Untersuchung ungleicher Lebenschancen“, sagt Frank M. Spinath, Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität des Saarlandes, und neben seinem Kollegen Rainer Riemann und dem Soziologen Martin Diewald von der Universität Bielefeld einer der Projektleiter von „TwinLife“.

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