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Förderung Kunst ohne soziale Schranken

Im Münchner Kinderkunsthaus finden Kinder seit fünf Jahren Platz, um sich kreativ zu entfalten - und mit ihnen ihre Eltern. Auch junge Geflüchtete sind zu Gast.

09.06.2016 10:25
Seit Mai 2011 koennen im Kinderkunsthaus in München junge Menschen frei mit allen moeglichen Kunsttechniken experimentieren. Foto: epd

Als Erstes fällt die Geräuschkulisse auf. Ein knappes Dutzend Grundschüler eines Förderzentrums aus dem Norden der Stadt sitzt im hellen Hinterhofzimmer des Münchner Kinderkunsthauses. Und es ist: ganz ruhig. Nur das leise Kratzen der Pinsel und dann und wann interessiertes Fachsimpeln mit den Mitschülern ist zu hören, während die Kinder an bunten Blumen-Stillleben malen. Ansonsten: konzentriertes Schweigen. Dass das so ist, macht die Programmleiterin der Einrichtung, Sandra Falkenstein, durchaus stolz.

Seit Mai 2011 können im Kinderkunsthaus junge Menschen frei mit allen möglichen Kunsttechniken experimentieren. Entweder sie kommen nachmittags mit ihren Eltern. Oder vormittags in Schulgruppen, oftmals aus ärmeren Vierteln der Landeshauptstadt. Die Grundschüler aus dem Förderzentrum Nord etwa besuchen seit zwei Jahren regelmäßig das Kinderkunsthaus.

„Es ist ganz großartig, wie sie sich entwickelt haben“, sagt Falkenstein. „Die Kinder sind mittlerweile viel konzentrierter.“ Und sie gehen anders miteinander um: „Am Anfang hieß es untereinander: 'Du kannst das nicht!' Jetzt loben sich die Kinder gegenseitig.“

Das Lob gehört zum recht einzigartigen Konzept des Kinderkunsthauses, das am kommenden Samstag sein fünfjähriges Bestehen feiert. Genauso wie die Freiheit, verschiedene Dinge auszuprobieren - und sie nach eigenem Gusto umzusetzen. „Wir sagen keinem Kind, 'so macht man das aber nicht'„, sagt Falkenstein, „denn so funktioniert Kunst nicht.“ Gerade deswegen entstünden oft spannende Kunstwerke. Das beeindruckt dann oft die Pädagogen - und freut die kleinen Schützlinge. „Manchmal sind die Kinder einen Kopf größer, wenn sie mit ihrem Werk fertig sind“, meint die junge Kunstpädagogin.

Entstanden ist die Idee für das Kinderkunsthaus in New York. Dort stießen die Schauspielerin Alexandra Helmig und ihr Ehemann Sebastian Zembol vor einigen Jahren auf das „Children's Museum of Arts“. „Was uns besonders begeistert hat, war das offene Programm, in dem Kinder und Eltern gemeinsam kreativ sein können“, erzählt Helmig. Mittlerweile ist das Münchner Mitarbeiterteam auf acht Festangestellte und 20 freie Mitarbeiter vom Schreiner bis zur Bühnenbildnerin angewachsen. Zwar ohne städtische Förderung, aber mit Hilfe von Sachspenden stemmt das Kinderkunsthaus seinen Etat.

Das „offene Programm“ ist auch nach fünf Jahren noch der der Grundpfeiler des Programms: Mittwochs bis sonntags können Eltern mit ihren Kindern kommen und für fünf Euro Eintritt die Materialien des Kinderkunsthauses nutzen: Wasserfarben, Knete, Heißklebepistolen, einfache Drucktechniken und mehr. Aber auch Computer mit Kreativ-Software und Kamera-Arbeitsplätze, an denen Kinder einfache Trickfilme selbst gestalten können. „Wir wollen zeigen, dass auch digitale Technik ein Mittel der Kreativität sein kann“, erläutert Sandra Falkenstein.

Da die offenen Angebote eher von wohlhabenderen Eltern genutzt wurden, bemühte sich das Team des Kinderkunsthauses bald um Gäste aus Förderschulen - und musste Lehrgeld zahlen. Denn im Schulalltag mangelt es an Zeit. „Wir hörten, Priorität eins sei, dass die Kinder einen Abschluss bekommen, Priorität zwei, dass sie schwimmen lernen“, erzählt Pressesprecherin Carolin Rottländer. Nun kommen viele Gruppen eben an Ferienvormittagen. Zum Glück, meint Rottländer. Denn die Ressourcen des Kinderkunsthaus seien für viele Kinder eine ungekannte Möglichkeit. Einige der kleinen Gäste hätten dafür zum ersten Mal ihr Viertel im Münchner Norden verlassen.

Mittlerweile hat sich das Spektrum der Gäste noch vergrößert. Auch Flüchtlinge sind, bei freiem Eintritt, willkommen. Die Arbeit mit den Geflüchteten habe für bedrückende Momente gesorgt, erzählt Falkenstein. Etwa als anfänglich im Winter kleine Kinder in Hausschuhen auftauchten. Aber auch für viel Freude: „Es ist sehr schön zu sehen, wenn auch traumatisierte junge Männer für ein, zwei Stunden alles um sich herum vergessen können.“

Insgesamt hat das Kinderkunsthaus seit 2011 nach eigenen Angaben über 50.000 Besucher in seinem offenen Programm gezählt; eine Million Kunstwerke seien entstanden, darunter gut 4.000 Youtube-Videos der Kinder-Regisseure. Dazu gibt es mittlerweile Multimedia-Angebote für Jugendliche, aber auch freie Kunstabende für Erwachsene. Weitere Ideen sind in Arbeit. (epd)

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