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Fernsehen Ansteckende Sucht

Eine Tagung an der Universität des Saarlandes beschäftigt sich mit qualitativ hochwertigen Fernsehserien. Sind sie die narrative Spielwiese des 21. Jahrhunderts?

Vince Gilligan, Macher der TV-Serie Breaking Bad. Foto: rtr/Kevork Djansezian

Tony Soprano war der erste. Mit dem Helden der TV-Serie „Die Sopranos“ hat der US-Sender HBO im Jahr 1999 den Grundstein für ein neues, hochwertiges Erzählen gelegt. Für die „Writers Guild of America“, den Berufsverband amerikanischer Drehbuchautoren, gelten „Die Sopranos“ als am besten geschriebene Serie aller Zeiten. Sie hat Schule gemacht, wurde ansteckend, epidemisch breiteten sich weitere Serien dieses Formats aus, mittlerweile muss man von einer Pandemie sprechen.

So kann man heute sagen: Fernsehen ist das neue Kino, nicht nur weil die Geräte immer größer, besser und erschwinglicher werden, sondern auch weil die Inhalte, die für das Medium produziert werden, in Sachen narrativer Qualität dem Kino den Rang ablaufen. Während Hollywood ein Sequel, Prequel oder Reboot, also Neuverfilmungen, nach dem anderen produziert – mit viel steigendem Budget, aber sinkendem künstlerischen Wert – bringen TV-Sender immer mehr Serien von außerordentlicher Qualität hervor.

„Quality-Television“ lautet der Fachbegriff für diese Tendenz des Zeitalters. Ob es sich dabei um die „narrative Spielwiese des 21. Jahrhunderts“ handelt, wollen die Veranstalter einer gleichnamigen Tagung an der Universität des Saarlandes nachgehen.

Vom 30. September bis 1. Oktober lädt der Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft Nachwuchsforscher ein, die sich narratologisch mit Erzählstrategien und -techniken des Fernsehens beschäftigen. In acht Einheiten und rund 30 Vorträgen wird es um Struktur von Serien gehen, um Einzelfragen wie dem Vorspann, dem „Previously on ...“ („Was bisher geschah ...“) oder dem sogenannten „Rebooting“, dem Aktualisieren einer Serie. Ein praxisorientierter Workshop widmet sich der Entwicklung der Serie vom Storyboard zur Postproduktion.

Forschungsprojekt gegründet

Vorarbeit leistet der Lehrstuhl seit Sommer 2012. Damals wurde das studentische Forschungsprojekt „Serial Narration on Television“ gegründet . Auf die Idee kamen die Doktoranden Jonas Nesselhauf und Markus Schleich, selbst Serien-Fans. „In den deutschen Feuilletons hieß es, dass Serien die Romane des 21. Jahrhunderts seien“, sagt Schleich.

Dem wollten die Nachwuchsforscher nachgehen. Der Vergleich ist berechtigt: „Anders als Filme haben Serien wie Romane viel Zeit, um Figuren und Handlungsstränge auszuarbeiten“, sagt Nesselhauf. Andererseits ist Serialität dem Roman nicht fremd: Einige der großen Romane des 19. Jahrhunderts, wie etwa die von Charles Dickens, wurden zuerst als Fortsetzungen in Zeitungen veröffentlich. Auch deutsche Roman-Klassiker wie Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und Schillers „Der Geisterseher“ kamen zunächst in mehreren Folgen heraus.

Trotzdem folgt das Medium TV-Serie eigenen Gesetzen. Diese will das Projekt in einem eigenen Online-Journal und einem Online-Lexikon abbilden. Mit dem „Living Handbook of Serial Narration on Television“ soll eine aktuelle und immer wieder aktualisierte Narratologie der Fernsehserie entwickelt werden. Dieses digitale Handbuch ist öffentlich auf der Seite der Uni Saarland zugänglich. Alle Studenten und Forscher sind eingeladen, dafür Beiträge zu verfassen.

In dem Handbuch wird eine Systematik von serieller Narration im Allgemeinen (zu der auch Comics zählen) sowie eine Typologie von TV-Serien erstellt. So unterscheidet man grundsätzlich zwischen einem Plot, der sich über mehrere Teile erstreckt („Progressive Series“), und einer Reihe unabhängiger Storys („Status Quo“).

In der Zwischenform können Episodenplots in eine fortlaufende Handlung eingebettet sein („Progressive Complete“). Andere Kapitel widmen sich den typischen Serienmerkmalen oder aber auch dem Paratext, der besonders im digitalen Zeitalter an Bedeutung gewonnen hat: Dazu gehören die Gestaltung der DVD-Hülle, Merchandising oder Online-Spiele zur Serie. Das wird „serial frame“ genannt, der serielle Rahmen, in dem transmediales Erzählen möglich wird.

Bestimmte Art der Rezeption

Mit dem Serienprinzip ist auch eine bestimmte Art der Rezeption verbunden: Das „Fortsetzung folgt ...“ verlockt zum Weitersehen. Und gerade wenn Serien eine fortlaufende Handlung haben und wie lange Filme erscheinen, wird das Weiterschauen zum Muss – man will ja wissen wie es weitergeht. Die Neugier treibt den Zuschauer regelrecht in die Sucht, auf DVD werden Serien nicht mehr geschaut, sondern staffelweise regelrecht verschlungen. Serien wie „Lost“ perfektionierten die Kunst des Cliffhangers geradezu ins Unerträgliche.

Ebenso „Breaking Bad“, eine Serie, die nicht nur süchtig macht, sondern auch von dem Geschäft mit der (Drogen-)Sucht handelt. Walter Whites blaues Crystal Meth steht damit in einer Reihe mit dem Heroin auf den Straßen Baltimores („The Wire“) und dem Schnaps, den Nucky Thompson in Atlantic City zur Prohibitionszeit verschiebt („Boardwalk Empire“).

In diesem Fall spiegelt die Serie auch ein Phänomen unserer Zeit: Wenn die Sucht groß ist und die legalen Angebote zu lange auf sich warten lassen, besorgen sich die Serien-Junkies ihre Kicks eben illegal im Internet. Auf der Tagung werden sich drei Vorträge der Rezeption von Serien widmen.

Julien Bobineau von der Universität Würzburg geht einer Ausprägung des Digitalen Zeitalters nach: Das Publikums wird in das Seriengeschehen miteinbezogen. Die Internetseite „SaveWalterWhite.com“ existiert nicht nur in der Serie „Breaking Bad“, mittels derer der Sohn des Protagonisten Geld für seinen krebskranken Vater sammelt, sondern auch im realen Internet. Klickt man dort auf „Spenden“, wird man zur „National Cancer Coalition“ weitergeleitet.

Der Schwerpunkt der Forschung liegt auf Serien aus den USA. Dort sind sich selbst Star-Regisseure wie Martin Scorsese („Boardwalk Empire“) und David Fincher („House of Cards“) nicht zu schade, Pilotfilme fürs Fernsehen zu drehen. Als Showrunner werden renommierte Hollywood-Autoren wie Aaron Sorkin („The West Wing“) und Alan Ball („Six Feet Under“) beschäftigt. Umgekehrt bringt das Fernsehen mittlerweile viele Regie- und Schreib-Talente fürs Kino hervor.

Der Trend zur Qualität entspringt dem US-Kabelfernsehen. Ein TV-Sender wie HBO sei „nicht auf Einschaltquoten angewiesen“, sagt Schleich. „Die Sopranos haben damals nicht viele im Fernsehen gesehen, aber sie hatten eine treue Anhängerschaft.“ Diese loyalen Fans seien es, die später die DVD kaufen, was wiederum eine Einnahmequelle für die Sender ist. Dieses Konzept habe sich auf das Gesamtprogramm übertragen und auch die Sehgewohnheiten verändert. „Die Menschen sind bereit, sich auf komplizierte Handlungen einzulassen.“

Deutschland hinkt hinterher

Auch das europäische Fernsehen schlägt mittlerweile große epische Bögen. Selten jedoch in Deutschland, wo Eigenproduktionen wie „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Zeit der Helden“ kurzlebige Exoten sind. Doch auch Einkäufe aus dem Ausland sieht man – abgesehen von unzähligen Krimi-Serien und Sitcoms – selten.

„Die Sopranos“ und „The Wire“ wurden noch nie vollständig im deutschen Free-TV ausgestrahlt, „Boardwalk Empire“ kann man nur im Pay-TV oder auf DVD sehen, eine preisgekrönte Serie wie „Mad Men“ wird zur späten Stunde auf den Digitalkanal „ZDFneo“ verbannt, den kaum jemand kennt. Man kann froh sein, wenn Arte einigen sonst nie gezeigten Sendungen ins Programm verhilft. Immerhin „Game of Thrones“ und „Homeland“ haben es ins deutsche Privatfernsehen geschafft. „Es fehlt der Mut“, sagt Markus Schleich. „Man hält den Zuschauer für einfallslos.“

Weitere Informationen zur Tagung gibt es bei der Uni Saarland.

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