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Familie und Karriere Das Mutti-Syndrom

Frauen in Führungspositionen erleben einen massiven Imagewechsel im Unternehmen, wenn sie sich für ein Kind entscheiden: Das ist das spannendste Ergebnis der Frankfurter Studie „Karriereperspektiven berufstätiger Mütter“, erklärt Autorin Yvonne Ziegler.

23.10.2015 19:52
Nicole Schmidt
Es geht gar nicht um die Frage „Karriere oder Kinder“ – sondern darum, beides miteinander zu vereinbaren: 42 Prozent der befragten Frauen erklärten, Beruf und Familie seien ihnen gleich wichtig. Foto: © epd-bild / Christian Ohde

Wie werden die Chefs auf meine Schwangerschaft reagieren? Werde ich nach meiner Rückkehr die gleichen Aufgaben übernehmen können? Kann ich noch weiter Karriere machen? Leider haben solche Bedenken auch heute noch ihre Berechtigung, erklärt Yvonne Ziegler, Mitautorin der 1.Frankfurter Karrierestudie. Sie hat aber nicht nur nach den Stolpersteinen gefragt, sondern gibt aufgrund der Erlebnisse der befragten Frauen auch Ratschläge, wie man die Situation verbessern kann.

Frau Ziegler, was sehen die befragten Frauen als größte Karrierehindernisse?
Überraschenderweise nennt über die Hälfte der Mütter „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ als größtes Karrierehindernis. Das scheint im Widerspruch zu einer vorherigen Antwort zu stehen, bei der 83 Prozent der Frauen angaben, in ihrer aktuellen Position Beruf und Familie zufriedenstellend vereinbaren zu können. Weiter nachgefragt stellte sich heraus, dass sie dies zu Lasten ihrer Karriere tun. Weil die Frauen, die Kinder haben, oft eine große Flexibilität benötigen. Weil die Männer noch nicht genug ihren Anteil an den Elternpflichten übernehmen. Weil es nicht ausreichend lange Betreuungsmöglichkeiten gibt.

Aber man hört doch eigentlich immer: In dem Augenblick, in dem Frauen Mütter sind, wollen sie gar nicht mehr weiter Karriere machen, sie würden dann lieber zurückstecken?
Das kann man nicht generalisieren. Es gibt eben auch sehr viele Frauen – in unserer Studie waren das 42 Prozent – denen der Beruf und die Familie gleich wichtig sind. Wenn man so was in Deutschland sagt, wird man ja schon schief angeguckt. Das ist der Punkt. Die Firmen müssen herausfinden, was die Mutter möchte und dann entsprechend reagieren. Aber nicht jemanden von vorneherein abschreiben. Das wird in der Wahrnehmung der Mütter zu oft gemacht.

Was erleben Frauen in höheren Positionen konkret, wenn sie sich für ein Kind entscheiden?
Sie erleben einen massiven Imagewechsel in der Firma. Es haftet ihnen auf einmal ein Mutti-Bild an – und das ist für mich das spannendste Ergebnis der Studie und das größte Karrierehindernis. Die Mehrheit der Führungskräfte reagiert zwar ganz okay auf eine Schwangerschaft, aber für die meisten ist es doch eine unliebsame Komplikation der Arbeitsabläufe. Und viele reagieren immer noch so, dass sie die Frauen erst mal aufs Abstellgleis schieben und gucken, wie sich das weiterentwickelt. Jede Mutter sollte sich bewusst machen, dass sie automatisch ein anderes Label bekommt und dagegen ankämpfen und beweisen muss: Ich bin weiter ernst zu nehmen und genauso engagiert wie vorher.

Worauf sollten Frauen noch achten, wenn sie trotz Kind in Führungspositionen bleiben wollen?
Die befragten Mütter geben den Rat, nicht zu lange zu pausieren. Viele, die den gesetzlichen Spielraum ausschöpften – es wären ja drei Jahre Elternzeit möglich – wurden danach von den Unternehmen nicht einfach wieder eingebaut, sondern bekamen Abfindungsverträge angeboten, weil man sie entsorgen wollte. Das Maximum, das ich herausgehört habe, sind sechs Monate. Länger darf man nicht pausieren, um den Ausfall für das Unternehmen so akzeptabel wie möglich zu machen. Das ist nicht allen Müttern bewusst.

Und wie sollten die Frauen vorgehen, bevor sie dann dieses halbe Jahr aussteigen?
Sie sollten mitwirken bei einer Vertretungslösung und vielleicht auch schauen, dass sie die Auszeit optimal wählen, also zwischen zwei Jobs oder wenn ein Projekt beendet ist. Das kann natürlich nicht jede so vorhersehen. Aber es kommt schlecht bei den Unternehmen an, wenn man einfach von heute auf morgen ausfällt.

Also zu sagen, ich gehe und weiß nicht, wann ich wiederkomme, weil ich erst einmal abwarten will, wie das alles wird mit dem Kind, ist nicht der richtige Weg?
Nein. Man sollte das Thema offensiv angehen und von beiden Seiten klar planen. Über dieses Thema wird zu wenig gesprochen, weil es ein privates ist, und viele Vorgesetzte haben auch Scheu, so ein Thema mit den Mitarbeiterinnen zu besprechen. Aber es hat nun mal Auswirkungen auf Arbeitsabläufe. Natürlich gibt es immer Dinge, die man nicht vorhersehen kann, aber dann kann man an der Planung ja immer noch was ändern.

Ab wann sollte eine schwangere Frau zum Chef gehen?
Eigentlich ist es am besten, wenn man mit der Schwangerschaft so lange wie möglich hinterm Berg hält. Denn sobald das Thema bekannt ist, kommt ja sofort auf die Mutti-Schiene. Aber wenn es sichtbar ist, geht kein Weg daran vorbei. Und dann sollte man idealerweise schon ein Konzept zur Hand haben. Mütter haben ja Interesse daran, den Ein- oder Ausstieg idealerweise zu planen.

Welche Erfahrungen haben die Mütter mit Teilzeitarbeit, ist auch sie ein Karrierekiller?
Wenn die Kinder noch sehr klein sind, würden Mütter zeitlich schon gern verkürzen. Nur sind sie dann auch wieder mit diesem Mutti-Image konfrontiert nach dem Motto „die meint es gar nicht mehr so ernst beruflich“. So ist Teilzeit tatsächlich ein Karrierekiller. Leider. Wer weiterkommen will, kann aktuell zeitlich nicht stark reduzieren. Bestenfalls eine gewisse Flexibilität herausholen, dass man auch von zu Hause aus arbeiten kann. In anderen Ländern ist man da flexibler.

Was also ist Ihr Plädoyer an die Unternehmen?
Die Unternehmen sollen Frauen, die sich für Kinder entscheiden, nicht automatisch abschieben, sondern versuchen, ihnen eine Brücke zu bauen und auf die Frauen zugehen, gerade für die Anfangszeiten, wo Mütter tatsächlich noch andere Bedürfnisse haben – und es ihnen dann ermöglichen, sich nach wie vor weiter stark im Unternehmen zu engagieren.

Und die Frauen?
Sollten eben auch die Bedürfnisse der Unternehmen sehen, und sich nicht nur auf ihre gesetzlichen Möglichkeiten zurückziehen. Sondern sie sollten versuchen, mit den Vorgesetzten eine Lösung zu finden und dann eine konkrete Planung zu machen. Sonst macht der Chef eine Alternativplanung und sie spielen dann keine große Rolle mehr.

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