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Evolutionstheorien Lob und Tadel von Experten

Joachim Bauers Ideen zur Evolution werden heftig diskutiert.

18.09.2008 00:09
WALTER SCHMIDT

Die Thesen, die Joachim Bauer in seinem neuen Buch "Das kooperative Gen" aufstellt, werden so manchen Evolutionsbiologen aufregen. Der Autor ahnt es, weil er weiß, "wie schnell bei Darwinisten die Emotionen hochkochen". Eine kleine Umfrage unter Experten bestätigt das.

Heftige Kritik übt Professor Diethard Tautz. "Mir ist rätselhaft, wie man solche Aussagen machen kann", meint der Direktor der Abteilung Evolutionsgenetik am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologe in Plön. "Mutationen ereignen sich ständig", befindet Tautz. Zwar würden "zunehmend neue Mutationsmechanismen" entdeckt, darunter auch solche, "die durch äußere Einflüsse angestoßen werden". Doch auch sie "unterliegen natürlich den selben Gesetzmäßigkeiten der Selektion". Es könne keine "Rede davon sein, dass das Erbgut über einen eigenen Mechanismus verfügt, um sich an eine veränderte Umwelt anzupassen", urteilt Tautz.

Den Untertitel von Bauers Buch - "Abschied vom Darwinismus"- hält Tautz für "unglaublichen Unsinn" und fügt hinzu: "Offenbar kann man in Deutschland populäre Bücher über Biologie nur noch verkaufen, wenn man Darwin angreift."

Auch der Evolutionsbiologe Professor Klaus Reinhold von der Universität Bielefeld hat Probleme mit Bauers Thesen. "Seine Schlussfolgerung, es stehe ein Abschied von Darwin an, ist überzogen." Bauer habe allerdings Recht damit, dass Organismen unter Umweltstress ihr Erbgut rascher verändern als in ruhigen Zeiten.

Welche Rolle spielt der Zufall?

Die von Bauer hervorgehobene Möglichkeit, Gene zu verdoppeln, wobei das Original konserviert, die Kopie aber für kreative Veränderungen freigegeben wird, ist Reinhold zufolge "nur eine Möglichkeit, wie neue Erbanlagen entstehen". Für ihn spielen Zufälle weiterhin "eine große Rolle" bei Mutationen. Reinhold geht auch davon aus, dass sie sich mehr oder minder gleichmäßig laufend ereignen - also nicht besonders flott während ökologischer Katastrophen. "Im Zuge ökologischer Katastrophen ist die Selektion vermutlich meist stärker, und vergrößert sich unter solchen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mutationen durchsetzen. Zusätzlich kann sich unter solchen Bedingungen auch noch die Mutationsrate erhöhen."

Professor Bruno Streit vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Frankfurt am Main heißt Bauers Buch willkommen - "als weiteren Diskussionsbeitrag zum aktuellen Stand der Evolutionsbiologie". Allerdings klingt für ihn der Buchtitel "etwas reißerisch, aber das kennt man von Verlagen, die Bücher verkaufen wollen".

Streit hält Bauers Thesen für nachvollziehbar - wobei es auf die Betrachtung ankomme. "Ob man nun sagt, Darwin lag im Prinzip richtig mit seinen Thesen, oder ob man aus heutiger Sicht die für die damalige Zeit verständlichen Wissensdefizite Darwins beklagt, ist Ansichtssache", sagt der Frankfurter Wissenschaftler. Immerhin habe es "in jüngerer Zeit viele neue Einsichten in die genetischen Vorgänge bei Mutationen gegeben. Der Selbstorganisation des Erbguts hat man bisher zu wenig Beachtung geschenkt".

Wandel in der Theorie

Die Evolutionsbiologin Professor Susanne Dobler von der Universität Hamburg hält Bauers Thesen in wichtigen Teilen für zutreffend. Die Evolutionstheorie sei einem "gewissen permanenten Wandel unterworfen, der sich tatsächlich vor allem aus unseren immer besseren Kenntnissen der Mechanismen, wie sich Genome verändern, ergibt", sagt Dobler.

Diese Aspekte habe Bauer "völlig korrekt wieder gegeben - zum Beispiel die Erkenntnis, dass Gen-Verdoppelungen oder auch das sogenannte Exon-Shuffling, das Austauschen und neu Zusammenwürfeln einzelner Module von Genen, die wesentliche Triebkraft der Evolution von Genomen darstellen". Recht habe der Autor auch damit, dass die erbguteigenen Umbauwerkzeuge den Wandel vorantrieben. "Diese Phänomene der molekularen Evolution sind unter Genetikern und Evolutionsbiologen allgemein akzeptiert", befindet Dobler.

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