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Esoterik Aberglaube nimmt immer mehr zu

Was macht Menschen empfänglich für Übersinnliches? Aberglaube und Esoterik spielen auch im Alltag des 21. Jahrhunderts eine Rolle. Eine Spurensuche bei Fans und Forschern.

02.06.2016 08:37
Eine Engelsfigur steht in Köln auf der Esoterikmesse. Foto: dpa

Bis auf die Toilette des englischen Fußballvereins FC Chelsea hat es der Aberglaube geschafft. Kapitän John Terry schwört auf die erfolgbringende Wirkung, wenn er in der heimischen Umkleidekabine nur ein bestimmtes Pinkelbecken benutzt. So erzählt es der 35-Jährige. Einige Teamkollegen zogen nach. Das Ritual soll helfen, den Sieg herbei zu pinkeln.

Glauben an höhere Kräfte spielte auch im oberpfälzischen Willmering eine Rolle, als eine Serie tödlicher Verkehrsunfälle gestoppt werden sollte. Dabei entschied der Gemeinderat schon vor Jahren, einen Wunderheiler zu engagieren. Dieser installierte drei Boxen an der gefährlichen Strecke der Bundesstraße 22. Zur „Entstörung“ gegen Strahlen. Kosten: 1677,90 Euro. Die Reihe der Todesfälle riss ab - warum auch immer.

Unabhängig davon, dass manche von Humbug reden, zeigt beides: Esoterik hat sich im Alltag des 21. Jahrhunderts festgesetzt. Und die Vielfalt der Angebote wächst. Ob Schamane, Schutzengel oder Heilstein - jeder entscheidet längst für sich alleine, wo die Grenze zwischen Sinn und Unsinn liegt.

„Man kann feststellen, dass Aberglaube zugenommen hat. Je rationaler und intellektueller unsere Gesellschaft wird, desto höher ist der Anteil derer, die ihr Heil in einer Art Fluchtbewegung in der Esoterik und Religion suchen“, sagt Manfred Becker-Huberti, Theologe, Experte für religiöse Volkskunde und Autor.

Weitere Fachleute der christlichen Kirchen sehen es ähnlich. Anders als noch vor 20 Jahren seien esoterische Praktiken heute gesellschaftlich akzeptiert, sagt Kai Funkschmidt von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.
Menschen lassen durch „Engelsbotschafter“ eine Verbindung zu Verstorbenen aufnehmen. Sie kaufen Horoskope, um den richtigen Partner zu finden. Oder sie verteilen besondere Steine am Arbeitsplatz. Oft sind es schmerzhafte Einschnitte und Lebenskrisen, die sie zum Übersinnlichen führen.

Eigentlich dürften es abergläubische Rituale schwer haben in einer von Technik und Wissenschaft geprägten Welt. In Zeiten, wo Computer-Programme Kaufverhalten vorausberechnen und lernen, Gefühle zu verstehen. Doch offensichtlich fehlt den Menschen etwas.
„Es geht darum, sich gegen das Unerwartete zu wappnen und Einfluss zu nehmen“, sagt die Volkskundlerin Eva Kreissl. Ob man Amulette sammle oder bete: „Man fühlt sich gegenüber dieser Welt nicht mehr so ohnmächtig, weil man meint, in das eigene Schicksal eingreifen, etwas gegen den Zufall tun zu können.“ Wenn nichts hilft, hilft immer noch der Glaube - entweder an Gott oder seine Konkurrenz.

Hände so heiß wie Bügeleisen

Manche wenden sich zum Beispiel an Franziska von Kielmansegg. Wer die Heilerin im Westen von Berlin besucht, fährt durch Straßen mit alten Eichen, passiert Villen mit gusseisernen Zäunen. Klischees, die Spirituelles in der Exoten-Ecke vermuten, passen nicht. Kielmansegg stammt von einer preußischen Offiziersfamilie ab. Im Flur ihrer Altbauwohnung hängen Stammbaum und Porträts ihrer Vorfahren.

Die 50-Jährige sitzt in einem hellen Raum im Schneidersitz. Neben ihr aufgereiht stehen die „Werkzeuge“: ein Kristallstein, eine Trommel aus Nepal, eine fernöstliche Drachenfigur, ein Kessel aus Bronze. Magische Hilfsmittel aus unterschiedlichen Denkweisen entlehnt.
Die ersten Veränderungen in ihrem Körper habe sie vor 15 Jahren bemerkt. „Auf einmal wurden meine Handflächen so heiß wie ein Bügeleisen, so dass ich nicht mal ein Lenkrad anfassen konnte.“ Tagelang hatte sie das Gefühl, als ob Energie aus ihren Händen ströme. „Ich hatte nie danach gesucht, es ist einfach aus mir herausgebrochen“, sagt sie.

Als sie fünf Jahre später in eine persönliche Krise geriet, wandelte sich im Leben der Innenarchitektin nahezu alles. Auch ihre Wahrnehmung. Eines Tages sah sie sich im Raum sitzen - aus der Vogelperspektive. Kielmansegg begann zu spüren, wie sie sich bei Behandlungen auf neue Weise mit Menschen körperlich und geistig verbinden konnte, wie sie sagt. „Normalerweise spürt man nur die Haut. Ich aber hatte das Gefühl, mit meinen Händen in Körper hineingreifen zu können.“
Zu ihr kommen vor allem Hilfesuchende mit einem längeren Leidensweg. Die tieferen Ursachen seien häufig in der Familiengeschichte zu finden. Was das Problem vieler Menschen sei? Die Welt habe den Verstand zwar ausgebildet. Das Bauchgefühl sei aber abtrainiert worden.

Junge Leute als religiöse Touristen

Seit dem 16. Jahrhundert wurde der Begriff Aberglaube benutzt, um ein bestimmtes Denken von der vorherrschenden Überzeugung abzugrenzen. Es galt, Andersdenkende in Verruf zu bringen. Anhänger alternativer Glaubensformen sprechen deshalb lieber von „Spiritualität“.
So oder so ist der Glaube eine Welt mit Widersprüchen. Manche halten Wunderheilungen für möglich. Mehr als jeder Dritte denkt, es gebe hellseherische Fähigkeiten. Jeder Fünfte hält einen Kontakt zu Verstorbenen für machbar. Etwa fünf bis sechs von zehn Menschen sagen bei Umfragen, sie glaubten an Gott. Am vergangenen Weihnachtsfest wollte jedoch nur jeder Vierte in die Kirche gehen. Glaube ja, Kirche eher nein. Ein Prinzip, das sich durchsetzt.

Insgesamt hat Esoterik seit der „New Age“-Bewegung und den 1980er Jahren Aufwind erfahren. Es gibt schamanische Wochenendseminare und Schwitzhütten-Rituale im Indianerzelt. Internetshops verkaufen Powerarmbänder und Räuchermischungen. Der Erfolg basiert häufig auf sinnlichen Erlebnissen: Sehen, Fühlen, Hören, Riechen.

Gerade Teile der jungen Generation sind von dieser Erlebniswelt fasziniert. Ein Viertel der 16- bis 30-Jährigen fühlt sich zu alternativen Glaubensformen hingezogen. Die noch Jüngeren setzen ihren Glauben aus verschiedenen religiösen Anschauungen baukastenartig zusammen. Dies zeigt eine neue Sinus-Studie, die alle vier Jahre den 14- und 17-Jährigen in Deutschland nachspürt.

Viele Jugendliche sind dabei wie religiöse Touristen unterwegs. Sie bedienen sich aus dem Angebot der globalisierten, konkurrierenden Offerten: Sie bauen ein „Best of“ aus Buddhismus, Hinduismus und Christentum. Die Suche nach Religion ähnelt teils der Suche nach einem Fitness-Club. Ein Probeabo führt nicht unbedingt zur Vollmitgliedschaft: Es wird getestet und wieder verworfen.

Esoterische Engel

Wer in der Welt der Esoterik landet, hat der Kirche oft den Rücken gekehrt. 2014 sind so viele aus der katholischen Kirche ausgetreten wie nie zuvor. Dass die Kirchenbänke leerer werden, erklären Forscher damit, dass die Glaubensoberen es verpasst haben, Antworten auf Fragen und Bedürfnisse der Zeit zu finden.

Dabei waren im Mittelalter abergläubische Rituale tief in klassischen Glaubenssystemen verankert. Damit sei die Kirche den Menschen nahe gekommen, sagt Volkskundlerin Kreissl.
Ein anderes Beispiel: Engel. Fast jeder Zweite glaubt nach einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov an die Existenz von Schutzengeln. Viele Engelsjünger haben die Wesen in ihrer Kindheit im christlichen Glauben kennengelernt. Nun hat die Esoterik der Kirche die beliebten Figuren weggeschnappt.

In der biblischen Tradition seien Engel „Erfüllungsgehilfen Gottes und ein Bindeglied zwischen ihm und den Menschen“, erklärt Pfarrer Gary Albrecht, Sektenbeauftragter des Bistums Essen. In der Esoterik bekommen sie ein Eigenleben. Engel sind nicht mehr an Gott gebunden. Die menschlichen Sehnsüchte würden nun auf Engel übertragen. Die Figuren würden zu gottähnlichen Wesen stilisiert.

Dieser Engelskult verleiht Flügel. Vor allem jenen, die mit den Beschützern Profit machen. So schreiben US-Autoren wie Doreen Virtue Bestseller wie „Engel Detox“ - ein Ratgeber zur „Entgiftung“ - und erreichen ein Millionenpublikum.
„Gott hat Anforderungen an mich. Einen Engel aber kann ich einfach herbeipfeifen“, sagt Gerald Kluge, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Dresden-Meißen. Seit zehn Jahren bemerkt der Theologe ein steigendes Interesse am Engeltrend.
Das Geschäft mit ihnen spielt sich nicht nur im Buchladen ab. Etwa 1200 Menschen kamen im vergangenen Sommer zum Engelskongress nach Hamburg. Manch einem Teilnehmer war der Besuch mehrere Hundert Euro wert. „Man will jemanden haben, der sich wie eine Art Service-Agent um einen kümmert“, sagt Theologe Kluge.

Eugenia Schneider sieht sich dabei auf dem richtigen Weg. Die 68-Jährige erzählt, sie selbst habe anderen Menschen früher zu viel geholfen. Dadurch seien ihr die Schulden über den Kopf gewachsen. Sie nahm Pillen, gab bei Esoterik-Messen „sehr viel Geld“ aus. Weder Ärzte noch Amulette gaben Halt. Bis sie auf Engelsbotschafterin Eva-Maria Bartl traf, die ihr versprach, mit Menschen aus dem Jenseits Kontakt aufzunehmen. „Als ich sie fragte, wusste ich, es ist sehr ehrlich und kommt von Herzen“, meint Schneider. Sie habe Antworten bekommen, konnte die Vergangenheit hinter sich lassen.

„Vertrauen Sie auf Gott und ihrem Herzen!“ steht als Motto auf Bartls Internetseite. Die spirituelle Beraterin, wie sie sich nennt, stammt vom Bauernhof im katholischen Oberbayern. Seit ihr ein Engel im Türrahmen erschienen war, fühlt sie sich berufen, Menschen zur Seite zu stehen. Deutschlandweit hält sie Vorträge und erteilt Ratschläge in Gesprächen. Geldverdienen spiele eine Nebenrolle. Aber es sei eben so: Wer für seine Arbeit nichts verlange, sei auch nichts wert.

Das Geschäft mit dem Übersinnlichen

Ursprünglich bezeichnete Esoterik einen eher verborgenen Bereich mit Riten für Eingeweihte. Heute ist der Großteil der Lehren und Gegenstände käuflich. Die Schätzungen des jährlichen Umsatzes der Branche sind vage und pendeln zwischen Millionen und mehreren Milliarden. Bei Sachbüchern erreichen Erscheinungen zu Psychologie, Spiritualität und Esoterik einen Umsatzanteil von rund zehn Prozent.

Wie umfangreich das Heilsangebot ist, zeigt ein Rundgang auf einer Eso-Messe in Köln. Noch immer ist die alte Garde vertreten: Kartenleger, Astrologen, Verkäufer von Heilsteinen. Aber auch neue Anbieter haben sich in der Wunderwelt etabliert: Spezialisten für sogenannte Aura-Fotografie, die den Charakter des Kunden in Farben abbilden will, oder Handleser mit 3D-Scannern.

Wer sein Geld mit Spiritualität verdient, muss sich trotz des Zulaufs oft den Vorwurf gefallen lassen, leichtgläubige Menschen finanziell zu erleichtern, sogar ein Betrüger zu sein. Oder der Gesundheit ernsthaft zu schaden. Etwa, wenn ein Zahnarzt Schmerzen mit Wünschelruten und Heiligenbilder „behandelt“ - und die Patientin später über ein Loch im Kiefer klagt.

Anders als anerkannte Mediziner könne niemand kontrollieren, was in esoterischen Praxen passiere, warnt die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Heilsversprechen würden dann gefährlich, wenn Menschen ihre Freundeskreise, Geld und Gesundheit für umstrittene Methoden aufs Spiel setzten, mahnen auch andere Kritiker. Kritisch werde es schnell bei ernsten Krankheiten.

Schamanen sind in der Szene angesagt

Doch abgesehen davon, wie erkennt man Scharlatane und Abzocker? Etwa unter den in der Szene angesagten Schamanen. Besonders vertrauenswürdig sind sie nach Einschätzung der Masse der Deutschen nicht. Trotzdem finden sie Kunden. Sowohl diejenigen, die auf Messen mit Geweihmaske und Klapperschlangen-Rassel auf ihre CDs aufmerksam machen. Als auch die anderen, die leiseren, wie Katja Neumann (43).

Ihre Naturheilpraxis liegt im Berliner Prenzlauer Berg, ein Zimmer im Erdgeschoss. Während sich ihre Kunden auf einer Matte entspannen, begibt sich Neumann unter sanften Trommelschlägen auf eine Gedankenreise. Die Menschen auf der Matte plagen psychische Probleme. „Wir wollen immer unsere Fehler ausmerzen. Ich bin da, um ihnen zu zeigen, wie gut sie sind und aufzubauen“, sagt Neumann.

Der Ethnologe und Psychotherapeut Bernd Rieken hat sich mit Schamanismus auseinandergesetzt. Er geht davon aus, dass sich manche Menschen von der Natur entfremdet fühlen und durch Schamanismus zu ihr zurückfinden wollen. Schamanen, denen übernatürliche Kräfte zugesprochen werden, dienten als Türöffner. Bei Gedankenreisen rufen sie Tiere an oder benutzen Federn und Rasseln. Das verweise in harmonische Kindertage: „Es entspricht der Sehnsucht nach einer ursprünglichen Geborgenheit“, sagt Rieken. Ob Trommel, Rassel oder Engelsfigur - all das war schon im Kinderzimmer beliebt. (dpa)

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