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Erziehung Nur das Beste für die Kleinsten

Die Ansprüche an Erzieherinnen und Erzieher steigen. Neue Studiengänge sind die Antwort. Doch was geschieht mit der bisherigen Ausbildung?

13.08.2008 00:08
ELISA PEPPEL
Kauder fuer Gutschein-Modell bei Kleinkindbetreuung
Müssen Erzieherinnen, die kleine Kinder betreuen, alle studiert haben? Darüber sind die Experten uneins. Foto: ddp

Die Erkenntnis, dass Bildung nicht erst mit dem Schuleintritt beginnt ist eigentlich nicht neu. Bereits vor 30 Jahren gab es in Deutschland erste Ansätze, Kindertagesstätten als Bildungseinrichtungen zu etablieren. Doch Studien wie Timss, Delphi, Pisa und Starting Strong II mit den bekannt schlechten Ergebnissen waren nötig, damit die frühkindliche Bildung ins Blickfeld einer größeren Öffentlichkeit rückte. Gestützt durch die Hirnforschung, die die Bedeutung früher Bildungsprozesse belegt, werden nun Qualitätsverbesserungen gefordert.

Damit kommt auch die Ausbildung der Erzieher in den Fokus. Denn anders als in anderen Ländern, wo die frühpädagogische Ausbildung seit langem an den Hochschulen verankert ist, gab es ein Erzieher-Studium bis vor kurzem in Deutschland nicht. Mit Mittlerer Reife bei beruflicher Vorbildung und dem dreijährigen Besuch einer Fachschule für Sozialpädagogik ist man in den meisten Bundesländern für den Beruf qualifiziert. Die Fachschulausbildung ist laut Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz als Breitbandausbildung angelegt, soll also für alle sozialpädagogischen Arbeitsfelder und alle Altersstufen gleichermaßen qualifizieren.

Dabei sind die Anforderungen an Erzieherinnen (noch immer sind es zu 97 Prozent Frauen), die Kleinkinder betreuen, in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Sie müssen die von den Bundesländern festgelegten Bildungspläne ebenso wie neue Erkenntnisse der Forschung in die tägliche Praxis umsetzen. Sie sollen sich außerdem dem einzelnen Kind widmen, die Eltern in ihre Arbeit einbinden und Qualitätsmanagement betreiben. Gleichzeitig driften die Gruppen sozial und kulturell immer weiter auseinander. All das bei gleichbleibend schlechter Bezahlung, geringem Prestige, schlechtem Personalschlüssel und kaum vorhandenen Aufstiegschancen.

Die erste Hochschule, die einen grundständigen Bachelor-Studiengang für Frühpädagogik einrichtete, war die Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in Berlin. Seit dem Sommersemester 2004 kann man dort "Erziehung und Bildung im Kindesalter" studieren. 40 Studierende werden pro Semester ausgebildet. Inzwischen sind die ersten Absolventen auf dem Arbeitsmarkt - durchweg sehr erfolgreich, resümiert Professorin Hilde von Balluseck. "Die werden einem förmlich aus den Händen gerissen."

Gegenüber der Fachschulausbildung bedeutet das Studium an der Fachhochschule eine Spezialisierung auf die Frühpädagogik. Das Curriculum ist anspruchsvoll. So werden Grundlagen der kognitiven und körperlichen Entwicklung der Null- bis 13-Jährigen ebenso vermittelt wie Methoden zur Förderung früher Bildungsprozesse (Leseförderung, Naturwissenschaften, Mathematik, Kunst).

Auch um die professionsorientierte Forschung kümmert sich die ASFH. "So haben wir ein eigenes Profil und sind auch im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt", sagt Studiengangsleiterin Iris Nentwig-Gesemann, die für diesen Schwerpunkt auch schon Kritik von Fachkollegen einstecken musste. "Da kam öfter das Argument, Erzieherinnen müssten eigentlich nicht forschen können." Doch halte sie die fragende, explorierende Haltung für sehr wichtig im Berufsalltag.

Gute Erfahrungen mit den Absolventen des Studiengangs hat Regine Schallenberg-Diekmann, Pädagogische Geschäftsführerin der INA Kindergarten gGmbH, einem Berliner Trägerverband, gemacht. "Die haben ein höheres Reflektionsniveau und das erscheint uns wesentlich für diese Arbeit - insbesondere auch für die Qualitätsentwicklung in den Einrichtungen."

Allerdings bekam sie auch schon zu spüren, dass viele der Jungakademiker gar zu den Kindern wollen. Viele streben eine wissenschaftliche Karriere an. Zwei der studierten Erziehrinnen, die sie fest angestellt hatte, seien nach kürzester Zeit wieder abgesprungen.

Allein in den vergangenen fünf Jahren sind in Deutschland rund 40 frühpädagogische Studiengänge neu entstanden. Ist die Akademisierung des Erzieher-Berufs also unausweichlich? Werden die Fachschulen damit auf Dauer überflüssig? Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin, zu dem auch eine Fachschule für Sozialpädagogik gehört, ist skeptisch. "Ich finde es problematisch, dass die Verlagerung von Ausbildungsgängen an Fachhochschulen gleichgesetzt wird mit einer Qualitätsverbesserung. Statt über Lernorte nachzudenken, sollte die Qualitätsfrage ins Zentrum gerückt werden, dann könnten die Fachschulen wieder mithalten."

Deshalb plädiert sie für ein Akkreditierungsverfahren an Fachschulen, vergleichbar dem für neue Studiengänge. So ließe sich die Qualität der Ausbildung mit der an den Hochschulen vergleichen. "Die Kreativität und das Potenzial sind da, wir müssen es nur dürfen." Dann wäre auch an Fachschulen eine Spezialisierung auf Frühpädagogik möglich.

Eine modulbezogene Kooperation mit Hochschulen hält Hebenstreit-Müller ebenfalls für denkbar - allerdings nur wechselseitig, als "eine Kooperation auf Augenhöhe".

Peer Pasternack, Forschungsdirektor am Institut für Hochschulforschung (HoF) der Universität Halle-Wittenberg sieht die Zukunft der Erzieher-Ausbildung mittelfristig ebenfalls in einer "parallelen und in Kooperation stattfindenden Ausbildung von Fachschulen und Hochschulen, die langfristig darauf zielt, einen Teil der Fachschulen in den Hochschulbereich zu überführen".

Eine rein akademische Erzieher-Ausbildung an Hochschulen könne es auf absehbare Zeit auch deswegen nicht geben, weil der Bedarf an Erziehern nicht durch Hochschulabsolventen allein zu decken ist. Auch fehlt es an Professoren. Der Bedarf an Kleinkindpädagogen wird durch das 2007 beschlossene Tagesbetreuungsausbaugesetz weiter steigen.

Pasternack sieht bei vielen Fachschulen angesichts der Konkurrenz positive Entwicklungen. Doch ein unüberwindbares Hindernis für die Qualität an Fachschulen ist für ihn die mangelnde Forschungsbindung der Lehre. "Das pädagogische Feld ist ein so dynamisches Feld, in dem permanent neue Ideen diskutiert werden, die man aufnehmen und an denen man sich beteiligen muss."

So wird die Zukunft der frühpädagogischen Ausbildung wohl in einem Qualifizierungs-Mix liegen: Hochschul- und Fachschulausbildung in Kooperation sowie qualifizierte Weiterbildungsmaßnahmen für die Praktiker. Auch Hilde von Balluseck von der ASFH spricht sich für unterschiedliche Qualifikationsniveaus aus. "Ich halte es für verhängnisvoll, Menschen, die gern mit Kindern arbeiten den Weg zu versperren, weil sie kein Abitur haben. Man sollte unbedingt ein Stufensystem haben, entscheidend ist ja die Durchlässigkeit."

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