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Erziehung Kinder, die „Blitzableiter“ ihrer Eltern

Kinder, ihr seid nicht schuld, wenn eure Eltern schwierig sind. Der Gastbeitrag von Peter Struck.

Familie vor Sonnenuntergang
Helikoptereltern sehen die Sonne stets nur versinken. Foto: dpa

Schulleiter berichten, dass es drei Belastungsphänomene für Lehrkräfte schon immer gab, aber alle drei haben zuletzt erschreckend zugenommen: Erstens gibt es mehr Helikoptereltern, die schon in der ersten Klasse ständig fragen, ob es auch mit dem Abitur etwas wird, und viel zu häufig – auch an Wochenenden und spätabends – bei Klassenlehrern privat anrufen. Zweitens werden Lehrkräfte immer häufiger von aufgebrachten Eltern bedroht, und gelegentlich werden sie dabei – zumal von Vätern – handgreiflich angegangen. Drittens nimmt die Zahl der Eltern zu, die geradezu dankbar zu sein scheinen, dass sie ein „verhaltensoriginelles“ Kind haben.

Manche Eltern brauchen ein Sorgenfeld

Immer mehr Lehrkräfte – vor allem Präventionslehrer, die mit verhaltensauffälligen Kindern arbeiten – berichten, dass sie nicht selten mit Eltern zu tun haben, die überhaupt nicht glücklich darüber sind, wenn sich die Situation ihres Kindes verbessert, weil ihnen dann ein Sorgenfeld, ein Stück Sinnerfüllung oder gar ein Feindbild fehlt. So beschreibt etwa ein Hamburger Sonderschullehrer Kinder, deren Störungen mutterbedingt sind und die deshalb auf Veranlassung der Schulbehörde tagsüber in Pflegefamilien untergebracht werden. Wenn sich nach einiger Zeit die Lage erheblich entspannt und die Störung des Kindes abnimmt, passiert es, dass die Mutter immer unzufriedener wird, weil sie erstens eifersüchtig auf die Tagesmutter wird, die alles viel besser hinbekommt und von der ihr Kind täglich schwärmt, und weil zweitens der Mutter nun ein Stück ihres täglichen Leidensdruckes fehlt, der von ihr und ihrem Anteil daran ablenkt. Sie wird plötzlich auf sich zurückgeworfen, sie hat Zeit, sich selbst zu reflektieren – und was sie dabei an sich wahrnimmt, gefällt ihr ganz und gar nicht. 

Im besten Falle beginnt sie, an sich zu arbeiten. Es kann aber auch sein, dass sie ihr Aufenthaltsbestimmungsrecht durchsetzt und untersagt, dass ihr Kind weiterhin zur Tagesmutter geht. In der Folge wird es mit ihrem Kind wieder schlimmer, ihr selbst geht es aber wieder besser. Kinder gehören leider eben immer noch ihren Eltern, obwohl sie doch nur sich selbst gehören dürften. 

In den vielen Jahren, in denen ich bundesweit am Schul- und Erziehungssorgentelefon saß, geschah es häufig, dass ich einer ob ihres Kindes aufgebrachten Mutter sagen musste: „Bedenken Sie doch bitte zunächst einmal, dass das Kind nicht Ihnen gehört, sondern dass sie es nur ein Stück seines Lebens begleiten dürfen!“ Oft konnte ich dann über das Telefon vernehmen, wie eine solche Mutter nicht nur erleichtert aufatmete, sondern auch mit dieser Entlastung in ein Weinen verfiel.

Viele Eltern sind geneigt, die Schuld für Fehlentwicklungen ihres Kindes eher bei anderen Menschen als bei sich selbst zu suchen, während Kinder fast immer dazu neigen, die Schuld für Missliches eher bei sich selbst zu sehen. Sie fühlen sich verantwortlich, wenn die Eltern sich streiten oder scheiden lassen, sie vermuten, dass sie das Weinen, das Klagen oder auch die Armut der Mutter bewirkt haben, und sie halten sich selbst für schlecht, wenn ihre Mutter ihnen gelegentlich so etwas direkt oder indirekt vorwirft. 

Am Ende erfüllen sie sogar solche Zuschreibungen von außen, Fremdurteile werden zu ihren Eigenurteilen. Man muss einem Kind nur häufig genug sagen, dass es gestört ist, dann wird es auch gestört. Wir wissen das beispielsweise von Hauptschülern, die nur selten dem Typus eines Hauptschülers entsprechen; wenn sie aber dann drei oder vier Jahre lang die Hauptschule besucht haben, entsprechen sie im Sinne einer „Self-fulfilling-Prophecy“ tatsächlich dem Bild, das Außenstehende von Hauptschülern haben. 

Nur etwa zehn Prozent aller jungen Menschen sind in der Lage, ihr Umfeld damit zu überraschen, dass sie sich ganz anders entwickeln, als ihnen prognostiziert wurde. Das sind dann zum Beispiel junge Menschen, die mit einer Hauptschulempfehlung zum Abitur kommen, oder gar – wie Gunhild Lischke -, die es von der Hauptschulempfehlung bis zur Pädagogik-Professorin an der Universität von New York geschafft hat.

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