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Ernst Haeckel Die Kunstwerdung der Natur

Ein aufwendig gestalteter Band zeigt 450 Tafeln des zeichnenden Forschers Ernst Haeckel.

Ernst Haeckel
Quallen, so schön wie Eiskristalle oder ein florales Dekor. Foto: Taschen

Erich Haeckel sah die Natur mit den Augen des Wissenschaftlers und des Künstlers. Seine Zeichnungen und Aquarelle kleinster Lebewesen erscheinen in der oft vielfachen Vergrößerung und gerade in ihrem Detailreichtum wie der Wirklichkeit enthoben. Ein großer Teil davon es Organismen, die kaum ein Mensch zu Gesicht bekommt – weil sie so winzig oder in den verborgenen Welten der Meere zu Hause sind: Quallen, Strahlentierchen, Pilze, Seescheiden.

Erich Haeckel hält sie fest im Moment des Schwebens oder auch statischer Stille, er löst sie aus ihren natürlichen Szenarien und arrangiert sie zu Tableaus in harmonischen Farbkombinationen. In der realitätsgetreuen Darstellung dem Anspruch des Naturforschers genügend, wirken die Kreaturen in diesen Kompositionen und ihrer reinen, idealtypischen Schönheit doch auch ein wenig keimfrei und artifiziell; sehr dekorativ eben. Fast hat es den Eindruck, als hätte der Zoologe Haeckel – ein Zeitgenosse und Bewunderer Charles Darwins – sie eher unter ästhetischen denn wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet und dargestellt.

Ein neuer opulenter Bildband aus dem Taschen-Verlag präsentiert unter dem Titel „The Art an Science of Erich Haeckel“ eine Auswahl von 450 dieser Tafeln. Sie stammen aus Haeckels Serie „Kunstformen der Natur“ und meeresbiologischen Atlanten – und lassen erahnen, wie viele Stunden der Forscher erst vor dem Mikroskop und anschließend am Zeichentisch gesessen haben muss, um diese Tierchen zu Papier zu bringen. Dazu liefert das Buch auch Informationen über die Forschungsarbeit des 1834 Geborenen und 1919 Gestorbenen, über sein gesellschaftliches Engagement, seine Theorie zur Evolution und seine Ansichten zur Eugenik, die Nationalsozialisten Jahrzehnte später zur Untermauerung ihres eigenes Weltbildes nutzten.

Am unmittelbarsten war der Einfluss der Bilder Haeckels auf Künstler, Architekten und Designer seiner Zeit. Warum sich so viele von den Werken des Naturforschers inspirieren ließen, erschließt sich beim Durchblättern des Buches auf den ersten Blick: Mannigfaltige Assoziationen tun sich auf beim Betrachten dieser wundersamen Wesen: Seescheiden (Manteltierchen, die weltweit die Meere besiedeln) erinnern in der Darstellung Haeckels an Fabergé-Eier oder das Dekor auf dem Deckel kostbarer Puderdosen. Mikroorganismen namens Flaschenstrahlinge lassen an die Kuppeln märchenhafter Gebäude denken, Strahlentierchen an Schmuck, Kronen, prächtige Leuchter oder auch Christbaumkugeln. Explizit von Haeckels Zeichnungen dieser einzelligen Meeresbewohner anregen ließ sich der Architekt René Binet beim Entwurf seines Monumentaltors für die Pariser Weltausstellung im Jahr 1900. Besonders deutlich ist die Wirkung der zarten, filigranen und ornamental anmutenden Kreaturen aus der Feder Haeckels auf die Künstler des Jugenstils.

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