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Ernährung „Essen wird heute moralisiert“

Ernährungspsychologe Christoph Klotter spricht über zwanghaftes Gesundheitsbewusstsein und Ideale, die immer rigoroser werden.

Die Ernährung wird zusehends verwissenschaftlicht. Foto: iStock

Auf die Ernährung zu achten, nicht wahllos zuzugreifen beim Gang durch den Supermarkt – das ist doch eine durchweg positive Sache und tut der Gesundheit gut, oder? Grundsätzlich ja, sagt Christoph Klotter, aber… Denn wer stetig sein Essen kontrolliere und peinlich darauf achte, nur vermeintlich „gesunde“ Lebensmittel zu sich zu nehmen, laufe Gefahr, irgendwann ein zwanghaftes Verhalten entwickeln, erklärt der Professor für Ernährungspsychologie und Gesundheitsförderung an der Hochschule Fulda.

Zusammen mit zwei Kolleginnen widmet sich der Wissenschaftler in dem Buch „Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa“ dem Phänomen eines übertrieben gesundheitsbewussten Essverhaltens und geht der Frage nach, ob es sich „nur“ um eine neuerliche Modekrankheit oder aber um ein echtes Störungsbild handelt. Die Autoren beschreiben, wie die „Verwissenschaftlichung der Ernährung“, ein „obsessives Verhältnis zur Schlankheit“ und der Trend, den Körper einer Norm zu unterwerfen, den Vorgang des Essens problematisieren und zugleich überhöhen. Sie zeigen aber auch auf, dass die verbreitete Geringschätzung des „ungezügelten“ Essens bereits seit Jahrhunderten Teil unserer Kultur ist.

Herr Klotter, was ist problematisch daran, wenn jemand auf eine gesunde Ernährung achtet?
Insgesamt ist es natürlich grundsätzlich positiv, wenn wir uns um unsere Ernährung kümmern und mit uns selbst gut umgehen. Doch dieses Verhalten kann umkippen in eine übermäßige Aufmerksamkeit, die zwanghafte und fast religiöse Züge annimmt. Man möchte durch das Essen „Erlösung“ finden, doch unser Körper taugt für solche hohen Erwartungen nicht. Wir sollten vielmehr einen liberalen Umgang mit dem Essen pflegen. Mal eine Tafel Schokolade oder auch drei Stück Kuchen zu essen – das ist doch keine Tragödie! Für die Gesundheit wird das stetige Achten auf die Ernährung kritisch, wenn diese durch eine stark selektive Auswahl von Lebensmitteln einseitig wird. Dann besteht die Gefahr schwerer Mangelerscheinungen.

Wann droht das Bemühen um gesunde Ernährung Ihrer Ansicht nach denn krankhaft zu werden?
Kritisch wird es, wenn jemand sich ständig mit dem Thema Essen beschäftigt und anfängt, sich selbst eiserne Regeln aufzustellen, die dann oft immer rigoroser werden. Das führt häufig zunächst dazu, dass diese Menschen nicht mehr mit anderen essen gehen, sich dann immer mehr zurückziehen, soziale Kontakte aufgeben und schließlich völlig vereinsamen. Wir alle sollten stärker auf solche Verhaltensveränderungen achten.

Gibt es bestimmte Persönlichkeitstypen, die besonders dazu neigen, eine Orthorexia nervosa zu entwickeln? Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?
Nicht unbedingt. Genaue Zahlen existieren nicht, da die Forschung sich noch nicht umfassend mit dem Thema beschäftigt hat und diese Patienten deshalb auch Experten häufig nicht auffallen. Es gibt allerdings starke Parallelen zur Magersucht, denn oft verbirgt sich hinter einer extremen Beschäftigung mit gesundem Essen der verdeckte Wunsch nach Schlankheit. Auch gibt es eine Studie, dass Vegetarismus nicht selten mit Essstörungen korreliert. Das hat damit zu tun, dass auch diese Menschen ihrer Ernährung eine übermäßige Aufmerksamkeit schenken.

Welche Rolle spielen die regelmäßig publizierten Empfehlungen für eine gesunde Ernährungsweise dabei?
Der Anspruch an „gesunde“ Ernährung wird immer radikaler. Da wird auch viel Alarmismus betrieben. Eine Mutter, die ihr Kind nicht mit Bioprodukten füttert, muss sich heute schon schlecht fühlen. Es gibt nicht wenige Menschen, die nie das essen, worauf sie gerade Lust haben. Viele achten ständig auf ihr Gewicht. Das alles geht auf Kosten der Lebensqualität. Diese extreme Entwicklung hat in den 1960er, 1970er Jahren ihren Anfang genommen. Das geht mittlerweile so weit, dass heute das Essen moralisiert und strengen Gesetzen unterworfen wird – die sich ständig erneuern, dabei jeweils verabsolutiert werden und dann doch meist auf Dauer nicht zu halten sind. Nehmen Sie zum Beispiel die „Five a day“-Empfehlung, wonach man fünfmal am Tag eine Portion Obst und Gemüse essen sollte. Wissenschaftlich war der propagierte positive Effekt nicht zu halten, die Aussage musste relativiert werden. Insgesamt werden die Empfehlungen immer rigoroser und sind zudem gekoppelt an ein immer stärkeres Schlankheitsideal. Erkrankungen wie Magersucht und Orthorexia nervosa sind ein Produkt dieser Gesellschaft.

Dann halten Sie wohl auch nicht viel von den ständig neuen Diäten, die auf den Markt kommen?
Nein, überhaupt nichts. Langfristig sind Diäten ohnehin nur in den wenigsten Fällen erfolgreich. Häufig stellen sie aber auch den Einstieg in eine Essstörung dar.

Und wie denken Sie über die in der Politik diskutierte Lebensmittelampel, die sich nach dem Gehalt an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz richten soll? Befürworter argumentieren, dass diese Kennzeichnung sinnvoll ist, um Verbrauchern die Orientierung zu erleichtern.
Der Kennzeichnung von Lebensmitteln als „gut“ oder „schlecht“ fehlt meist die epidemiologische Grundlage. Außerdem wertet der Ruch des „Verbotenen“ vermeintlich schlechte Lebensmittel auf und kann so deren Konsum eher noch begünstigen.

In Ihrem Buch schildern Sie ausführlich den Einfluss, den unsere Gesellschaft auf das Entstehen von Essstörungen hat. Sie schreiben aber auch, dass diszipliniertes Essen bereits vor Jahrhunderten ein Ideal darstellte.
Unsere Kultur in Europa ist seit mehr als 2000 Jahren mit der Tugend der Mäßigung verbunden. Nicht zu sündigen durch üppige Mahlzeiten hieß, nicht den Kontakt zu Gott zu verlieren. Radikalisiert hat sich diese Sichtweise mit der protestantischen Ethik. Demnach galt nur der sich mäßigende, seine Pflicht erfüllende Mensch als gottgefällig. Heute, wo der christliche Glaube nicht mehr diese Rolle spielt, hat sich die Tugend der Mäßigung verbürgerlicht und eine Transformation in das Ideal der Schlankheit durchlaufen.

Was bedeutete das für Menschen, die diesem Idealbild nicht entsprechen?
Dicke werden diskriminiert – und das in einer massiven Weise. Dicksein wird mit Attributen wie eklig und faul verbunden. Schlanke Menschen schauen auf Dicke herab, das fängt schon bei kleinen Kindern an und setzt sich über die Schulzeit bis ins Berufsleben fort. Die Karrierechancen übergewichtiger Menschen sind stark beeinträchtigt.

Kommen wir zurück zur Orthorexia nervosa. Im Untertitel Ihres Buches wird die Frage gestellt, ob es sich um eine „Modekrankheit“ oder ein „Störungsbild“ handelt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Ich bin der Ansicht, dass es sich nicht um eine Modediagnose handelt. Orthorexia nervosa ist eine ernstzunehmende Störung, die behandelt werden muss. Sie zu erkennen, ist allerdings nicht einfach, vor allem dann nicht, wenn die Betroffenen nicht unter starkem Untergewicht leiden. Und ihnen selbst fehlt es ja an jeglicher Krankheitseinsicht, im Gegenteil, sie fühlen sich gut und anderen überlegen. Dieser Effekt ist auch bei vielen Vegetariern zu beobachten, die sich Fleischessern überlegen fühlen, die Veganer wiederum fühlen sich den Vegetariern überlegen… Ein Problem ist es auch, dass viele Therapeuten diese Störung immer noch nicht kennen oder zumindest nicht wissen, wie sie sich äußert. Wir haben deshalb in unserem Buch 15 Leitsymptome aufgeführt. Sie dienen als Leitfaden, an denen Gesundheitsexperten, aber auch die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen eine Orthorexia nervosa erkennen können.

Interview: Pamela Dörhöfer

Christoph Klotter, Julia Depa, Svenja Hume. Gesund, gesünder, Orthorexia nervosa. Modekrankheit oder Störungsbild? Springer, 200 Seiten, 29,99 Euro, ISBN 978-3-658-07405-0

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