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Erlöserkirche Jerusalem Spaziergang durch die Zeiten

Die deutsche Erlöserkirche in Jerusalem wartet mit einem Archäologiepark auf. Im Unterbau des Kirchenschiffs ist Gestein bis in die Zeiten Herodes zu sehen.

Blick über die Altstadt von Jerusalem. Links zu sehen: die Erlöserkirche, rechts der Felsendom. Foto: dpa

Für Jerusalemer Verhältnisse ist die 114 Jahre alte Erlöserkirche ein junges Teil. Eingeweiht wurde sie am 31. Oktober 1898, dem evangelischen Reformationstag, noch vom deutschen Kaiser, Wilhelm II, persönlich. Er wollte den Protestanten einen eigenen Platz an „heiliger Stätte“ geben, schon um sie enger an den preußischen Thron zu binden. Aber im Vergleich zur benachbarten Grabeskirche mit ihrer tausendjährigen Geschichte, wo ein halbes Dutzend Konfessionen unnachgiebig auf angestammte Rechte pochen, ist die Erlöserkirche in Jerusalems Altstadt ein Spätkömmling. Auf geschichtsträchtigem Grund steht allerdings auch sie – und das sogar auf archäologisch tiefschürfend erforschtem.

Seit Donnerstag können Pilger- und Reisegruppen in den Unterbau des Kirchenschiffes hinabsteigen, um Gestein bis in die Zeiten Herodes hinein zu bestaunen. Frühere Ausgrabungen unter dem Kirchenschiff sind nun begehbar. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI) ist ein kleiner aber mit technologischen Finessen ausgestatteter Archäologiepark entstanden.

Den „Gang durch die Zeiten“ veranschaulicht eine gleichnamige Dauerausstellung im Kreuzgang der Kirche. Die Exponate werden auf  installierten I-Pads in  3-D erläutert. Ein Klick – und der Besucher taucht ein in vergangene, graphisch dargestellte Welten. Propst Wolfgang Schmidt, gewissermaßen Hausherr der Erlöserkirche, ist sich jedenfalls sicher, „dass unser Standort hier eine ganz neue Aufmerksamkeit bekommt“.

Also runter ins uralte Gewölbe. Dieter Vieweger, DEI-Leiter und ehemals Pastor in der DDR, der nach der Wende in Archäologie promovierte, geht auf dem schmalen Steg voran. Erstmals freigelegt wurde der verzweigte Hohlraum in den siebziger Jahren von seiner Vorgängerin, Ute Wagner-Lux, eine inzwischen betagte Dame. Vieweger hat die Grabungen mit Studenten der Fachhochschule Potsdam touristisch erschlossen. „Wir haben uns aber strikt daran gehalten, nur unter der Erlöserkirche zu arbeiten“, betont er mit feinem Lächeln. „Sonst hätten wir hier einen Religionskrieg.“

Gewaltiger Steinbruch in 14 Metern Tiefe

Das Areal gewährt auch so tiefe Einblicke. Die meisten Gebäude in der über die Jahrhunderte hinweg mehrfach zerstörten Jerusalemer Altstadt wurden auf den Schuttschichten von Ruinen errichtet. Unter der Erlöserkirche reicht ein Tiefschacht 14 Meter hinab, bis er den harten, natürlichen Felsen entblößt. Es soll sich dabei um einen gewaltigen Steinbruch handeln, der noch wenige Jahre vor Christi benutzt wurde. Mit den Steinbrocken wurden offenbar die ursprünglichen Stadtmauern gebaut, was zur Klärung einer alten Streitfrage unter Christen – wo stand Golgatha – beiträgt.

Denn die Hinrichtungsstätte Jesu muss nach jüdischer wie römischer Tradition außerhalb der ummauerten Stadt gelegen haben. Die Grabeskirche, von der behauptet wird, sie erhebe sich über dem Hügel Golgatha, befindet sich zwar heute innerhalb der Jerusalemer Altstadt. Aber zu Jesu-Zeiten lag das Grundstück mithin noch draußen. Auch wenn sich die genaue Stelle von Golgatha nicht verorten lässt – die Grabeskirche steht, wenn nicht drauf, zumindest in der Nähe. „Mit Sicherheit falsch“, sagt Vieweger, sei aber der heutige Verlauf der Via Dolorosa, die angeblich den Leidensweg Christi markiert.

Der Archäologiepark räumt noch mit weiteren Fehlannahmen auf. Anders als die Erbauer der Erlöser glaubten, handelt es sich bei den gewaltigen Mauerresten, die bei den Sockelarbeiten entdeckt wurden, nicht um die antike Stadtmauer sondern nur um die Befestigung eines Marktplatzes. „Die biblische Stadtmauer“, sagt Vieweger, „hat noch keiner gesehen.“ Sie muss irgendwo östlich, Richtung Tempelberg,  liegen. Die Israelis hätten wohl nichts dagegen gehabt, wenn die Deutschen in der Tiefe horizontal weitergegraben hätten. Versteht sich von selbst, meint Vieweger, das so etwas im besetzten Ost-Jerusalem nicht in Frage komme. „Sonst hätte ich hinterher einen Bodyguard gebraucht.“

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