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Erfindung des Zweirads Schreckensjahr ohne Sommer

Einer Naturkatastrophe vor 200 Jahren verdankt die Welt die Erfindung des Zweirads. Der badische Tüftler Karl Friedrich von Drais war ein Visionär – trotzdem fiel er beim Großherzog gegen Ende seines Lebens in Ungnade.

08.12.2015 14:09
Jörg Schweigard
Vue interieure du manege pour Hobby horse Homme conduisant des draisiennes velo sans pedale invent
Stolze Besitzer führen auf dieser Gravur aus dem Jahr 1819 ihre Draisinen in London vor. Foto: imago/Leemage

Am Abend des 5. April 1815 ist auf der indonesischen Insel Java ein lang anhaltendes Grollen zu vernehmen. Der britische Vize-Gouverneur Sir Thomas Stamford Raffles glaubt zuerst, dass ihn feindlicher Beschuss beim Dinner aufgeschreckt habe. Vielleicht von holländischen Schiffen, die sich ihre 1811 verlorene Kolonie zurückholen wollen? Jedoch, was er tatsächlich hört, sind die aus 800 Kilometer Entfernung von der Insel Sumbawa schallenden Vorboten des größten Vulkanausbruchs seit Aufzeichnung der Geschichte.

Am 10. April dann bricht ein Inferno los. Der Mount Tambora auf Sumbawa entlässt seine höllische Glut. Ein Augenzeuge berichtet von „drei gesonderten Flammensäulen“; mehrere Stunden lang speit der Vulkan „flüssiges Feuer“, Magma, Gestein und Gase in gewaltigen Mengen. Einer Apokalypse gleich regnet es noch in 1300 Kilometern Entfernung Asche nieder, so dass zwei Tage lang völlige Dunkelheit herrscht. Wirbelstürme ziehen auf und reißen Bäume, Mensch und Getier mit sich. Mehr als12 000 Bewohner von Sumbawa sterben an den direkten Auswirkungen der Eruption. Durch die folgenden Flutwellen und Hungersnöte wächst die Zahl der Opfer noch um das Siebenfache.

Ein folgenschweres Erbe des Ausbruchs, sind rund 160 Kubikkilometer Aschestaub, die sich über die ganze Erde verteilen und ein Jahr später in der nördlichen Hemisphäre zu einem „Jahr ohne Sommer“ führen. Während etwa in Nordamerika zur Jahresmitte 1816 Schnee fällt, herrscht in Europa Dauerregen, der zu Ernteausfällen und dramatischen Hungersnöten führt.

Besonders in der Schweiz und dem deutschen Südwesten darben die Menschen. In Basel zeigte kürzlich die Ausstellung „Am Rande der Gesellschaft“ anhand von Krankenakten, Knochen und Zähnen die Folgeschäden der Not. Die Zahnwurzeln des Basler Hafners Johannes Salathé belegen, wie sehr dieser als 17-Jähriger unter der Hungersnot von 1816 körperlich zu leiden hatte. In Württemberg stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel um bis zu 500 Prozent, Tausende wandern in dieser Zeit aus und suchen ihr Heil in der Fremde.

Unter den Ernteausfällen leidet auch das Vieh. Es kommt zum großen Pferdesterben, die Vierbeiner fallen als wichtigstes Fortbewegungsmittel aus. Das inspiriert den badischen Erfinder Karl Friedrich von Drais zu seinem Urfahrrad – auch „Draisine“ oder „Veloziped“ genannt – bei dem man läuft und nicht wie heute in die Pedale tritt.

Der am 29. April 1785 in Karlsruhe Geborene ist nach seinem Landwirtschaftsstudium bis zum badischen Forstmeister aufgestiegen. Doch gilt seine Leidenschaft weniger den Waldbeständen als seinen technischen Erfindungen. Drais hat Glück, der badische Hof erkennt seine wahre Berufung an und stellt ihn vom Dienst frei; 1818 avanciert er gar zum Professor für Mechanik.

Drais‘ Veloziped ist beileibe nicht sein erster genialischer Wurf. Bereits 1812 konstruiert er etwa einen Klavierrekorder, der Tastendrücke auf Papierband aufzeichnet und somit Improvisationen samt Lautstärke – forte und piano – auf Papier fest hält. Mit seiner zweirädrigen Erfindung stößt er allerdings in eine Marktlücke. Der Tüftler weiß, dass er das Publikum nur noch vom Nutzen seines Zweirads überzeugen muss, und setzt auf eine werbewirksame Probefahrt. So findet am 12. Juni 1817 in und um Mannheim die erste Zweiradfahrt der Geschichte statt. Drais schafft die 15 Kilometer in unter sechzig Minuten und ist damit schneller als die Postkutsche. Die Zeitungsnachrichten melden die Kunde vom Wundergefährt über Badens Grenzen hinaus und sogleich beginnen findige Geschäftsleute es selbst nachzubauen. Drais strebt nun einen Patentschutz an und die junge Herzogin Stephanie, Napoleons Adoptivtochter, unterstützt ihn dabei. Er erhält für zehn Jahre die alleinige Lizenz zum Vertrieb im Großherzogtum Baden: Wer fortan ohne amtliche Marke eine Draissche Laufmaschine fährt, muss zehn Reichstaler Strafe zahlen.

Die Produktion der 22 Kilo schweren Laufmaschinen besorgt der Mannheimer Wagnermeister Frey; Drais exportiert in ganz Deutschland und ins benachbarte Frankreich. Seine Kundschaft ist illuster. So zählen hohe Adlige wie etwa Goethes Dienstherr, der Großherzog von Sachsen-Weimar, zu ihnen. Noch heute ist eine Draissche Laufmaschine in der Weimarer Kutschensammlung zu besichtigen.

Jedoch, der eben noch blühende Markt erhält bald einen erheblichen Dämpfer. Die nächste Ernte fällt besser aus, der Haferpreis sinkt, und die Pferde erleben als Transportmittel eine Renaissance. Und es kommt noch schlimmer: Die „Draisinenreiter“ sind inzwischen ein öffentliches Ärgernis. Da sie meist auf plattenbelegten Bürgersteigen anstelle der zerfurchten Fahrbahnen radeln, verärgern sie Fußgänger. Nicht nur in Mannheim, auch in England, Italien oder den USA werden die Gefährte verboten, die Nachfrage sinkt allmählich.

Dennoch ist Drais‘ Kreativität ungebrochen. So erfindet er 1829 eine Schnellschreibmaschine mit 16 Tasten. Der Holzmangel inspiriert ihn 1833 zur Entwicklung eines sparsamen Ofens mit einem Rauch-Wärmeaustauscher. 1842 erprobt er eine vierrädrige Schienendraisine mit wirksamerem Fuß- anstelle des Handantriebs.

Lange schon ist Drais mit den Zuständen in Baden unzufrieden und hält es mit den Demokraten. Als am 11. Mai 1849 die Soldaten in den Garnisonsstädten meutern und der Großherzog vor seinen unzufriedenen Untertanen flieht, zeigt Drais, der wieder in Karlsruhe lebt, öffentlich Flagge. In der „Karlsruher Zeitung“ veröffentlicht er am 12. Mai 1849 die Niederlegung seines Adelstitels: „Ich (...) erkläre hiermit feierlichst und angesichts der deutschen souveränen Nation, dass ich auf dem Altar des Vaterlandes, der Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität alle und jede aus dem Feudalrechte, dessen tausendjähriger Druck Deutschlands Freiheit in Fesseln schlug, entspringende Vorrechte für mich und meine ehelichen und außerehelichen Nachkommen verzichte.“ Unterschrieben ist das Bekenntnis als „Drais, Professor, Bürger und Mitglied des souveränen deutschen Volkes.“

Klare Worte, die Folgen haben. Als preußische Truppen in Baden wieder den Status quo hergestellt haben, provozieren zwei Adlige den 64-jährigen Drais im Gasthaus „Goldenes Kreuz“, es kommt zu einer Loyalitätsprobe. Als sich der alte Herr weigert Schnaps auf die Gesundheit des Großherzogs zu trinken, misshandeln sie ihn schwer. Anschließend folgt die kalte Rache des alten Regimes. Zur Begleichung der Revolutionskosten streichen die Behörden Drais‘ erst die Pension, danach erklärt ihn ein politisch motiviertes medizinisches Gutachten wegen „Geistesschwäche und partieller Verbohrtheit“ für nicht mehr zurechnungsfähig.

Den ohnehin kranken Erfinder verlässt darauf der Lebensmut. Am 10. Dezember 1851 stirbt er, 66-jährig, als verarmter Untermieter in der Zähringer Straße 43. Nur wenige mutige Freunde begleiten ihn auf seinem letzten Weg. Sein wichtigster Einfall indessen, erfunden nach dem Jahr ohne Sommer 1816, erhält der Nachwelt seinen Namen.

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