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Erderwärmung Klimawandel bedroht Norwegen

In Norwegen könnten bis Ende des Jahrhunderts 90 Prozent der Gletscher verschwinden, sagt ein Wissenschaftler. Das hätte dramatische Folgen - unter anderem für die Energieversorgung des Landes.

Briskdalsbreen in diesem Jahr. Foto: Atle Nesje

Gewaltige Eismassen mit einer Gesamtfläche von 2600 Quadratkilometern bedecken große Teile Norwegens – noch. Denn auch Skandinaviens Gletscher sind vom Klimawandel bedroht. „Je nachdem, welches Klimamodell man zugrunde legt, könnten bis zum Endes dieses Jahrhunderts bei uns bis zu 90 Prozent der Gletscher verschwinden“, sagt Wissenschaftler Atle Nesje von der Universität Bergen, der seit vielen Jahren die wechselvolle Geschichte der norwegischen Gletscher erforscht.

Doch welche Folgen hätte das Verschwinden der Kälte-Reservoire für unsere Lebensbedingungen? „Ein Problem ist, dass sich weltweit der Anstieg des Meeresspiegels, der aktuell rund drei Millimeter pro Jahr beträgt, beschleunigt“, warnt Atle Nesje. Im Laufe der Jahre summieren sich diese Werte zu beachtlichen Zahlen: So stieg der Meeresspiegel allein im 20. Jahrhundert nach Schätzungen um 17 Zentimeter an. Bis zum Jahr 2100 könnten die Ozeane Prognosen zufolge noch einmal um einen halben Meter anschwellen, maximal sogar bis zu zwei Meter.

Für Norwegen hätte das Worst-Case-Szenario weitere schwerwiegende Folgen: Das Verschwinden der Gletscher hätte dramatische Konsequenzen für die unzähligen Wasserkraft-Anlagen, mit denen die etwas mehr als fünf Millionen Norweger nahezu ihren kompletten Strombedarf decken.

Aber auch für eine andere Branche stellt das blaue Eis eine wichtige Einnahmequelle dar, die zu versiegen droht: Tausende von Touristen pilgern jedes Jahr zu den Gletschern im hohen Norden, die das Land in Jahrmillionen – vor allem während der Eiszeit – geformt haben. Blankgeschliffene Felswände, U-förmige Täler, Hochplateaus und natürlich die tief eingeschnittenen Fjorde zeugen davon.

Da das Eis der Gletscher ständig in Bewegung ist, reißt es permanent Gestein mit sich. Auf diese Weise ist in Norwegen Europas längster und tiefster Fjord entstanden: 204 Kilometer misst der Sognefjord, der von der Küste bis ins Inland reicht. Seine tiefste Stelle liegt rund 1300 Meter unter dem Meeresspiegel.

Zudem würde „das Abschmelzen der Gletscher das lokale Klima verändern“, warnt Nesje. Auch für den 59-Jährigen wäre es ein herber Verlust, denn Gletscher sind für ihn und seine Kollegen ein wertvolles Klimaarchiv – beispielsweise der Jostedalsbreen, der rund 480 Quadratkilometer bedeckt und mehr als 50 Gletscherarme hat, darunter die viel besuchten Gletscherzungen Nigards- und Briksdalsbreen.

Der Jostedalsbreen, circa 150 Kilometer nordöstlich von Bergen gelegen, ist der größte europäische Festlandsgletscher: Der Koloss ist mehr als 40 Kilometer lang und bis zu 15 Kilometer breit. „Der Eispanzer ist bis zu 500 Meter dick“, sagt der Geologe. Schon seit seiner Jugendzeit ist Nesje, dessen Heimatdorf Olden nur wenige Kilometer vom Gletscherarm Brikdalsbreen entfernt ist, fasziniert von den Eismassen und der Natur. An der Universität Bergen erforscht Nesje anhand der Hinterlassenschaften der Gletscher nun die Klimaveränderungen der vergangenen 2,6 Millionen Jahre. „In dieser Periode gab es 40 bis 50 Eiszeiten“, betont der Glaziologe.

Mit seinem Team nimmt Nesje vor Ort, oft in unzugänglichem Gelände, Proben von Moränen, Schuttablagerungen und Sedimenten in Seen, die der Gletscher bei seiner Bewegung zurücklässt, und datiert sie. Auch Pflanzenreste sind für die Wissenschaftler sehr aufschlussreich, da sie ein Indiz dafür sind, wann sich der Gletscher zurückgezogen hat.

Geschockt war Atle Nesje, als er im vergangenen Sommer, der für Norwegen ungewöhnlich warm war, die Gletscherzunge am Bødalsbreen vermaß: „Sie war um sagenhafte 230 Meter geschrumpft“, berichtet er.

Seit Jahrzehnten beobachtet er einen kontinuierlichen Rückzug des Eises an den Ausläufern des Jostedalsbreen – abgesehen von den frühen 1990er Jahren, als die Gletscherzungen erneut vordrangen. Der Grund hierfür waren höhere Winterniederschläge.

„Die Gletscher wachsen, wenn in milden Wintern viel Schnee fällt und die Sommer kühl sind“, sagt Nesje. Unter optimalen Bedingungen kann beispielsweise aus einer zehn Meter hohen Schneedecke im Verlauf von zwei, drei Jahren dank Kompression und Schwerkraft eine zwei Meter dicke Eisschicht werden. Doch solche gletscherfreundlichen Perioden werden seltener und so kommt es, dass der Jostedalsbreen seit der Kleinen Eiszeit, in der der Gletscher um 1750 seine maximale Ausdehnung erreichte, schmilzt.

Zu den sensationellen Entdeckungen, die Atle Nesje gemacht hat, zählt, dass der Jostedalsbreen wie die Mehrzahl aller norwegischen Gletscher während einer Wärmeperiode vor 7400 bis 6000 Jahren sogar komplett weggeschmolzen war. Um seine These zu belegen, konstruierte Nesje zusammen mit einem Techniker von der Universität ein sechs Meter langes Rohr, um damit Proben aus Seen zu nehmen.

Das 300 Kilogramm schwere Forschungsgerät, der sogenannte „Nesje-Bohrer“, den mittlerweile Gletscherforscher auf der ganzen Welt nutzen, transportiert das Forscherteam in unwegsamem Gelände teils mit dem Helikopter – oder im Winter auch mit dem Schneemobil. „Manchmal tragen wir das Gerät auch auf kurzen Strecken“, erzählt Nesje. Der Bohrer wird manuell, ohne Strom bedient – das ist noch echte Knochenarbeit.

„Bei den Bohrungen fanden wir tatsächlich organisches Material und schlussfolgerten daraus, dass der Gletscher in dieser Periode verschwunden war“, sagt Nesje. Die Ursache war eine Klimaerwärmung: Die Sommertage waren damals im Schnitt zwei Grad wärmer als heute und die Sonneneinstrahlung hatte sich um zehn Prozent erhöht. „Aus dieser Entwicklung in der Vergangenheit lässt sich ableiten, dass Norwegens Gletscher erneut verschwinden würden, wenn sich das globale Klima in Zukunft tatsächlich um zwei Grad erwärmen sollte“, befürchtet Atle Nesje.

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