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Erdbeben in Japan Vor Tokio droht ein weiteres Beben

Japan erlebet gerade eine der verheerendsten Katastrophen in der Geschichte des Landes - und ein weiteres großes Beben könnte die Gegend bald treffen. Davor jedenfalls warnen Experten. Die Bruchzone zwischen den Kontinentalplatten stehe nach wie vor unter Spannung, sagen sie.

18.03.2011 22:15
Ute Kehse
Plattentektonik in Ostasien

Es wäre nicht überraschend, wenn sich morgen ein großes Erdbeben ereignen würde.“ So warnt die japanische Präfektur Shizuoka südwestlich von Tokio in einer jährlich neu erscheinenden Broschüre. Damit meinten die Behörden allerdings nicht das gewaltige Magnitude-9-Beben vom 11. März nordöstlich von Tokio, sondern ein mögliches Starkbeben vor ihrer eigenen Haustür.

Dieses so genannte Tokai-Beben, auf das sich die Japaner bereits seit 25 Jahren vorbereiten, könnte durch die aktuelle Katastrophe ein Stück näher gerückt sein, fürchten Experten. „Die Situation hat sich nicht verbessert“, sagt Frederik Tilmann, Seismologe am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam.

Manchmal Domino-Effekt

Seiner Einschätzung zufolge dürfte die Spannung in der gefährdeten Störungszone zugenommen haben – wie stark, müssen Berechnungen noch zeigen. „Die Gefahr für Tokio hat sich erhöht, aber auf einer längeren Zeitskala“, sagt der Forscher, der das Beben vom 11. März in Tokio selbst miterlebte, inzwischen aber nach Deutschland zurückgekehrt ist. „Es wird nicht gleich morgen oder nächste Woche passieren.“

Erst in den vergangenen Jahren ist klar geworden, dass es bei benachbarten Abschnitten einer Störungszone manchmal eine Art Domino-Effekt gibt: Ein Abschnitt nach dem anderen bricht. An der nordanatolischen Verwerfung in der Türkei hat es beispielsweise seit 1939 eine Serie von Erdbeben gegeben, die von Ost nach West vorrückten. Offenbar erhöhte jeder Bruch der Plattengrenze jeweils die Spannung im nächsten Segment, so dass dort die kritische Grenze ebenfalls bald erreicht wurde.

„Doch ganz so simpel ist es nicht immer“, sagt Frederik Tilmann. Das zeige zum Beispiel das Tsunami-Beben vom 26. Dezember 2004 vor Sumatra. Dort folgten zwar 2005, 2007, 2009 und 2010 weitere starke Erdbeben an der gleichen Plattengrenze. Dabei wurden aber zum Teil Abschnitte übersprungen, und einige Beben gingen an Punkten los, an denen sich die Spannung nur minimal erhöht hatte. „Die Beben hatten sicherlich etwas miteinander zu tun, aber wir verstehen noch nicht, was da genau abgelaufen ist“, sagt Tilmann.

„Das Tokai-Beben ist überfällig“

Auch in Japan lässt sich Genaueres derzeit nur schwer sagen. Dort ist die Geologie besonders kompliziert. Gleich vier tektonische Platten stoßen an der Hauptinsel Honshu zusammen. Im Süden, am Nankai-Graben, schiebt sich die Philippinische Platte unter die Eurasische Platte, im Norden liegt der Japan-Graben, an dem sich die Pazifische Platte unter die Nordamerikanische Platte vorarbeitet. Auch Pazifische und Philippinische Platte kollidieren, wobei die Pazifische Platte in die Tiefe gedrückt wird.

Das Beben vom 11. März ereignete sich am Japan-Graben. Dabei ruckte ein 300 Kilometer langer und hundert Kilometer breiter Abschnitt der Pazifischen Platte 15 bis 20 Meter nach Osten vor. Wie stark diese enorme Umlagerung die Spannung am südlich gelegenen Nankai-Graben erhöht hat, wo sich das gefährdete Tokai-Segment befindet, müssen Seismologen nun ausrechnen.

Dass von dem Abschnitt Gefahr ausgeht, hatte der japanische Seismologe Katsuhiko Ishibashi 1976 herausgefunden. Durchschnittlich alle 110 Jahre ereignet sich am Tokai-Segment ein Beben der Magnitude 8,4. Zuletzt war das 1854 der Fall, davor 1707, 1605 und 1498. „Das Tokai-Beben ist also überfällig“, meint Frederik Tilmann.

Wenn die verhakten Platten nachgeben, rechnet die japanische Regierung mit knapp 6000 Toten und 190000 zerstörten Gebäuden allein in der Präfektur Shizuoka. Da die Plattengrenze unter Wasser liegt, droht zudem ein bis zu neun Meter hoher Tsunami. Nur 120 Kilometer trennen den potenziellen Bebenherd von der Metropole Tokio.

Suche nach Vorboten

Um mögliche Vorboten vielleicht doch rechtzeitig zu entdecken, wird der Abschnitt inzwischen akribisch überwacht: GPS-Stationen registrieren millimetergenau, wie sich das Land unter dem Druck der herandrängenden Philippinischen Platte absenkt, zahlreiche Seismographen registrieren jedes Zittern. Bereits 2009 erhöhte ein Offshore-Erdbeben der Magnitude 6,4 die Spannung im gefährdeten Tokai-Segment, berichteten Forscher um Shin Aoi vom National Research Institute for Earth Science and Disaster Prevention in Tsukuba im Juni 2010 in der Zeitschrift Nature Geoscience.

Über die größte Gefahr des befürchteten Tokai-Bebens wird in Japan bereits seit einigen Jahren debattiert. Das Kernkraftwerk Hamaoka liegt direkt über der gefährlichen Plattengrenze. Schon 2004 warnte der Seismologe Katsuhiko Ishibashi in der englischsprachigen Japan Times, das Kraftwerk sei so gefährlich wie ein Selbstmordattentäter mit Bombengürtel. Dem Betreiber Chubu Electric Power zufolge kann das Kraftwerk ein Beben der Magnitude 8,5 aushalten. Doch schon das Magnitude 6,4-Beben von 2009 beschädigte einen der fünf Kraftwerksblöcke so stark, dass er erst 18 Monate später wieder hochgefahren werden konnte.

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