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Entwicklung der Pharmazie Goethe und das Koffein

Der Dichter spielte bei der Entwicklung der Pharmazie in seiner Zeit eine wichtige Rolle: Goethe war an der Entdeckung des Koffeins beteiligt, das seither vielseitig nicht nur in der Medizin eingesetzt wird.

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Eine Apotheke im 18. Jahrhundert, dargestellt von einem unbekannten Künstler. Foto: Getty

Der Herr Minister war fasziniert: Der Medizinstudent Friedlieb Ferdinand Runge hatte sich für den Besuch extra schick gemacht und einen geborgten Frack angezogen. Auf dem Arm trug der junge Mann eine Katze – und genau diese wollte er Johann Wolfgang Goethe präsentieren. Die Augen des Tieres waren unterschiedlich: Auf der einen Seite zeigte sich die Pupille als „schmale Spalte“, auf der anderen als „großes rundes Sehloch“, wie Runge später niederschrieb. Goethe begehrte zu wissen, auf welche Weise dieser erstaunliche Effekt erzielt worden sei: „Mit Bilsenkraut“, antwortete der Besucher: „Ich habe den unvermischten Saft des zerstampften Krauts in’s Auge gebracht, darum ist die Wirkung so stark.“

Friedlieb Ferdinand Runge hatte Atropin aus dem Nachtschattengewächs Bilsenkraut isoliert. Es wird bis heute vielseitig in der Medizin verwendet, unter anderem immer noch, um die Pupillen kurzzeitig zu weiten. Goethe begriff die Tragweite des Gesehenen schnell: Er gab seinem Gast eine Schachtel Kaffeebohnen mit, um sie auf enthaltene Wirkstoffe zu untersuchen – vermutete er darin doch ein Gegenmittel zu Atropin. Wenig später entdeckte Friedlieb Ferdinand Runge dann das Koffein, das seither vielseitig nicht nur in der Medizin eingesetzt wird.

Eine Zeit des Umbruchs

Alkaloide – Arzneistoffe – aus Pflanzen zu isolieren, war zur Goethezeit noch revolutionär – und eine der großen Errungenschaften dieser Epoche, sagt Professor Christoph Friedrich: „Bis heute nehmen Alkaloide in der Pharmazie eine Schlüsselstellung ein.“ Der Wissenschaftler leitet an der Philipps-Universität in Marburg das „Institut für Geschichte der Pharmazie“, eine in Deutschland einzigartige Einrichtung. Es gelang damals nicht allein, Atropin und Koffein zu extrahieren, sondern unter anderem auch das Schmerzmittel Morphium aus Schlafmohn. Weitere bekannte, in dieser Zeit gefundene Alkaloide sind Strychnin, das aus der Brechnuss gewonnen wird, oder das aus der Chinarinde extrahierte Malariamedikament Chinin.

Auch wenn nach wie vor viele Menschen an Infektionen starben, Bakterien und Viren noch nicht bekannt waren oder etliche Therapien aus heutiger Sicht gruselig erscheinen mögen: Das frühe 19. Jahrhundert markierte in mehrfacher Hinsicht eine Zeit des Umbruchs in der Pharmazie, sagt Christoph Friedrich. Johann Wolfgang Goethe spielte nicht allein wegen seines Anstoßes, den „Wachmacher“ Koffein zu identifizieren, eine wichtige Rolle in diesem Prozess. Der universell Gelehrte, der die Chemie seine „heimliche Geliebte“ nannte, scharte in seinem Bekanntenkreis zahlreiche Apotheker um sich. Es waren ambitionierte Männer, die nicht nur Pillen drehten und heilende Tinkturen anrührten, sondern sich auch wissenschaftlich betätigten – ein Novum.

„Der Beruf war im Mittelalter aus dem arabischen Raum nach Europa gekommen, bis ins 19. Jahrhundert aber eher handwerklich geprägt. Eine höhere Schulbildung war nicht nötig“, sagt der Pharmaziehistoriker. Goethe habe sich als Minister in Weimar dafür eingesetzt, dass Apotheker als Professoren der Chemie an die Universität gehen konnten. Damit habe er zur Akademisierung des Berufsbildes beigetragen, auch wenn ein Studium erst ab Mitte des 19. Jahrhundert Pflicht wurde und es noch etwas länger dauerte, bis sich die Pharmazie als eigenständiges Fach von der Chemie abkoppelte.

Einer dieser großen Geister aus Goethes Bekanntenkreis war der Apotheker Johann Wolfgang Döbereiner, Berater von Herzog Carl August und als Autodidakt zum Chemieprofessor in Jena avanciert. Er ging als Erfinder des Feuerzeugs in die Geschichte ein und entwickelte die Triadenregel, „eine Vorstufe des Periodensystems“, wie Christoph Friedrich erklärt. Döbereiner hatte erkannt, dass jeweils drei Elemente wie Calcium, Strontium und Barium oder Chlor, Brom und Jod ähnliche Eigenschaften zeigten und gruppierte sie zu Dreiergruppen.

Ein Denkmal für Apotheker

Auf ganz andere Weise verewigte sich der gelernte Apotheker und Jenaer Chemieprofessor Johann Friedrich August Göttling: Er inspirierte Goethe zu seinem Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Denn das Werk aus dem Jahr 1809 basiert auf einem chemischen Gleichnis, das der Dichter auf die Figurenkonstellation übertrug. Demnach lösen sich bestimmte chemische Elemente aus ihrer bestehenden Verbindung, wenn sich andere Elemente mit „wahlverwandten“ Eigenschaften nähern – und gehen mit diesen eine neue Liaison ein. In seinem Buch stellt Goethe diesen (damals angenommenen) Naturgesetzen die dem Menschen gegebene Möglichkeit des sittlich-vernünftigen Handelns entgegen, zu dem allerdings nicht alle Protagonisten fähig sind; das Ende ist tragisch. Dem Beruf des Apothekers hat der Dichter ebenfalls ein Denkmal gesetzt: im 1797 erschienenen Epos „Hermann und Dorothea“.

Bekanntermaßen betätigte sich Goethe auch selbst als Forscher: Er betrieb bereits in jungen Jahren Alchemie, sammelte später Mineralien und Steine, studierte die Natur und das Wetter, stellte eine (in Teilen widerlegte) Theorie der „Farbenlehre“ auf und entdeckte bei seinen anatomischen Untersuchungen den bis dahin unbekannten Zwischenkieferknochen beim Menschen. Er selbst soll der Ansicht gewesen sein, dass seine naturwissenschaftlichen Forschungen mindestens so wertvoll waren wie seine literarischen Werke, sagt Christoph Friedrich und lächelt: „Nun ja, ganz so war es dann aber doch nicht.“

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