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Egoismus Ich, ich, ich – dann lange nichts

Die Frankfurter Politologin Heike Leitschuh konstatiert einen zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft und hat darüber ein Buch geschrieben.

Mount Rigi
Das Ego auf dem Gipfelpunkt. Die Selfie-Manie gilt der Autorin als Sinnbild einer zunehmenden Ich-Bezogenheit. Foto: rtr

Das Rüpelhafte ist in der Öffentlichkeit zur Normalität geworden und es setzt sich zunehmend im privaten Leben fort. ... Es ist nicht nur das Benehmen, das zu wünschen übrig lässt. Es geht viel tiefer. Empathie und Solidarität, zwei ganz wesentliche Grundpfeiler einer humanen Gesellschaft, erodieren zunehmend.“ Die Wahrnehmung der Politikwissenschaftlerin Heike Leitschuh vom menschlichen Miteinander in Deutschland, ist wenig schmeichelhaft, ja erschreckend. Wer möchte in einer solchen Gemeinschaft (wenn man sie denn überhaupt als solche bezeichnen kann), der es offenbar in hohem Maße an Mitgefühl mangelt, zu den Schwachen gehören oder sich auch nur eine Schwäche leisten?

Für Heike Leitschuh stellen ihre Beobachtung von wachsender Selbstbezogenheit, fehlender Hilfsbereitschaft und mangelnder Achtung für andere keine Moment-, sondern vielmehr eine Bestandsaufnahme dar, die sich aus etlichen Erlebnissen im Alltag und Berichten in den Medien speist. Der Politikwissenschaftlerin aus Frankfurt war dieser massive Eindruck Anlass, ein Buch darüber zu schreiben: „Ich zuerst! Eine Gesellschaft auf dem Ego-Trip“ lautet der Titel, der keinen Zweifel lässt, wohin die Reise auf mehr als 200 Seiten gehen wird.

Die Autorin unternimmt darin einen wahren Parforceritt durch die verschiedensten Lebensbereiche, in denen sie immer mehr „Ichlinge“ und „Egozombies“ – wie sie diesen Typus Mensch wahlweise bezeichnet – ausmacht. Kaum etwas bleibt dabei ausgespart: sei es die allgemeine Ignoranz im Umgang, die Heike Leitschuh zu erkennen glaubt, das Wegschauen, wenn andere Probleme haben, das Ausbleiben von Hilfe. Sei es die zunehmende Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr, der rüde Ton gegenüber dem Personal in Flugzeugen und Bahnen. Sei es die Situation in Kindertagesstätten und Schulen, wo die Politikwissenschaftlerin viel Überforderung und Hilflosigkeit bei allen Beteiligten sieht, ebenso wie „Armuts- und Wohlstandsverwahrlosung“ und wo Eltern angeblich „einerseits anspruchsvoller, „andererseits gleichgültiger“ werden. 

Sei es das achtlose Wegschmeißen von Pappbechern und Verpackungen, das zu einer Vermüllung der Städte führt. Sei es das massenhafte Bestellen und wieder Zurückschicken von Waren aus dem Internet. Sei es die steigende Zahl der Schönheitsoperationen. Sei es der Trend, sich bei kleinen Wehwehchen in die eigentlich schweren Fällen vorbehaltenen Notaufnahmen der Krankenhäuser zu setzen, weil man keinen Termin beim Arzt ausmachen möchte. Oder gar den Rettungswagen zu rufen, obwohl das durch keine bedrohliche Lage gerechtfertigt ist.

Die Liste der von Heike Leitschuh aufgeführten Beispiele ist lang, ihre eigenen Beobachtungen ergänzt sie durch Artikeln aus Zeitungen und untermauert sie mit den Statements von Wissenschaftlern. Als einen Katalysator der von ihr angenommenen wachsenden Ich-Bezogenheit in der Gesellschaft sieht die Politologin die sozialen Netzwerke und das Smartphone an. Die Selfie-Manie, der Drang, sich überall abzulichten, gilt ihr geradezu als Sinnbild des verbreiteten Ego-Trips. Facebook & Co. fördern ihrer Ansicht nach den Konkurrenzdruck, das ständige Surfen im Netz führe dazu, dass viele permanent in einem Paralleluniversum unterwegs seien und sich nicht mehr ausreichend mit ihrer Außenwelt und den darin befindlichen Mitmenschen auseinandersetzten. Dass die dauerhafte Beschäftigung mit dem Smartphone Fähigkeiten wie Empathie und auch Intelligenz negativ beeinträchtigt, ist eine These, die seit Jahren auch der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer vertritt.

Als Hauptverursacher der Ich-Bezogenheit, der „Wir-Schwäche“ und schwindenden Solidarität macht die Politikwissenschaftlerin den Neoliberalismus aus. Er treibt ihrer Ansicht nach das Karrierestreben, den wachsenden Konkurrenzdruck und die Ellenbogenmentalität in der Gesellschaft voran. „Der Kapitalismus heutiger Prägung in den Industrienationen mit seinem Wachstums- und Gewinnstreben befördert den Individualismus und damit auch den Egoismus“, schreibt sie – und beklagt, dass es in der Politik und Konzernen an Vorbildern für ein anderes – humaneres – Miteinander fehle. 

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