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Drittes Reich Forschung ohne jeden Skrupel

Die Direktoren des Kaiser-Wilhelm-Instituts nutzten Gehirne von Euthanasie-Opfern. Ihre Nachfolger im heutigen Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt sind dabei, das dunkle Kapitel in der Geschichte der renommierten Forschungseinrichtung aufzuarbeiten.

Die unangenehme Frage nach der Herkunft: Gehirnsammlung am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Buch. Foto: Max-Planck-Institut

Sie waren Wissenschaftler, deren Forscherdrang sie so ungezügelt und einseitig trieb, dass ihnen keine ethischen Bedenken kamen. „Julius Hallervorden und Hugo Spatz hatten kein Unrechtsbewusstsein. Bewusst nutzten sie die Gehirne psychisch Kranker und geistig Behinderter, die von den Nationalsozialisten ermordet worden waren, für ihre Arbeit.“ So spricht einer ihrer späteren Nachfolger über die einstigen Direktoren des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung, aus dem das Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt hervorgegangen ist: Heinz Wässle, inzwischen selbst emeritierter Institutsleiter und einer der führenden Neuroanatomen, ist derzeit damit beschäftigt, dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der renommierten Forschungseinrichtung aufzuarbeiten.

Die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit ist für die Max-Planck-Gesellschaft nichts Neues. Dass sich Julius Hallervorden und Hugo Spatz skrupellos der Gehirne von „Euthanasie“-Opfern des NS-Regimes bedienten und nach dem Zweiten Weltkrieg viele hundert Gewebeschnitte in die Sammlungen des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung nach Frankfurt gelangten, ist bereits seit den 1980er Jahren bekannt. Als Konsequenz entschied die Max-Planck-Gesellschaft, sämtliche während der NS-Zeit angefertigten Präparate aus ihren Instituten zu bestatten, da nicht mehr nachzuvollziehen war, welche Präparate von ermordeten Patienten stammten und welche von Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Auf dem Münchner Waldfriedhof wurden die Hirnschnitte 1990 beerdigt, dort ließ die Max-Planck-Gesellschaft damals auch ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer errichten. Damit schien die düsterste Zeit der Institutshistorie aufgearbeitet zu sein.

Das war allerdings ein Trugschluss, wie sich im Zuge der Vorbereitungen zur Hundertjahrfeier des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung 2014 herausstellte: Denn bei seinen Recherchen stieß Heinz Wässle im Berliner Archiv der Max-Planck-Gesellschaft auf rund 100 weitere Hirnschnitte aus den Jahren 1938 bis 1967. Die Präparate, die insgesamt 35 Menschen entstammen, hatten jahrelang im Neurologischen Institut am Universitätsklinikum Frankfurt gelagert und waren erst 2001 ins Archiv der Gesellschaft gelangt. Doch bei der Übergabe erkannte damals offenbar niemand die Brisanz des Materials.

In Heinz Wässle keimte der Verdacht auf, dass die den Schnitten zugrunde liegenden Gehirne Opfern des „T 4“ Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten entnommen worden sein könnten. „T 4“ ist benannt nach der Adresse Tiergartenstraße 4; von dort aus war die formal von 1939 bis 1941 laufende Vernichtungsaktion gesteuert worden. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, ordnete auf Wässles Fund hin eine Untersuchung an. Sie soll, heißt es in einer Mitteilung der Gesellschaft, „Näheres über die möglichen Opfer sowie die bisherigen wissenschaftlichen Auswertungen in Erfahrung bringen“. Anschließend will man auch diese Hirnschnitte bestatten.

Zudem soll Heinz Wässle noch einmal versuchen, die genaue Herkunft der 1990 beigesetzten Hirnschnitte zu klären. Eine neu gegründete historische Kommission befasst sich überdies mit der Nachkriegsgeschichte der Gesellschaft. Sie wird sich auch damit beschäftigen, wie die verschiedenen Verantwortlichen in Verwaltung und Wissenschaft mit dem grauenhaften Teil des Erbes der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft umgegangen sind. Denn auch das ist kein rühmliches Kapitel.

Als erster hatte 1984 der Historiker Götz Aly aufgedeckt, dass sich unter den Gehirnschnitten in den Sammlungen des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts auch Präparate befinden, die auf Mordopfer der Nationalsozialisten zurückgehen. Die Max-Planck-Gesellschaft hatte vorher zunächst versucht, seine Nachforschungen zu behindern. Lange Zeit habe sich die Spitze gescheut, sich den unseligen Verstrickungen der Vorgänger mit dem NS-Regime zu stellen, sagt auch Heinz Wässle, der 1981 Neurophysiologischer Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung wurde. Von den Enthüllungen sei er damals geschockt gewesen, sagt der Wissenschaftler. Denn er hatte mit einem Mal eine Vorstellung, von was der Historiker sprach: „Als ich mein Büro in den Räumen des Max-Planck-Instituts an der Deutschordenstraße in Frankfurt bezog und in den Fluren die Wandschränke öffnete, fand ich dort jede Menge Schieber mit Hirnschnitten.“ Sie gehörten zum Nachlass von Julius Hallervorden, der ab 1938 am Kaiser-Wilhelm-Institut in leitender Funktion gearbeitet hatte. Dessen Rolle und die seines Kollegen Hugo Spatz im NS-Regime haben nach Götz Aly auch der Historiker Hans-Walter Schmuhl und der Neurologe Jürgen Peiffer wissenschaftlich beleuchtet.

Beide Direktoren waren hervorragende Wissenschaftler, sagt Heinz Wässle. Sie seien keine „Mengeles“ gewesen, aber gewissenlose Profiteure der Gräueltaten, nahmen diese „willfährig in Kauf“, so der Neurowissenschaftler, um sie für ihre Forschungen zu nutzen. Auch das Ende der Nazi-Diktatur bewirkte bei ihnen kein Umdenken: Sowohl Spatz und Hallervorden nutzten die Gehirne der Euthanasie-Opfer bis in die 1960er Jahre hinein, als das Kaiser-Wilhelm-Institut längst zum Max-Planck-Institut geworden war. Hugo Spatz hatte die Direktion des Instituts 1937 übernommen, Justus Hallervorden kam 1938 dazu, er war gleichzeitig Leiter der zentralen Prosektur (Pathologie) der psychiatrischen Anstalt in der Provinz Brandenburg. Seine vielfachen Beziehungen ermöglichten fortan ein enges Geflecht zwischen Hirnforschung und Anstaltspsychiatrie..

Beide Wissenschaftler waren Anhänger der „Eugenik“: Sie gingen davon aus, dass sich Genie, Wahnsinn und Verbrechertum im Gehirn ablesen ließen. Heute weiß man, dass diese schlichte Vorstellung „Humbug“ war, sagt Heinz Wässle. Obwohl die Eugenik originär nichts mit dem NS-Ideologie zu tun hat, sondern Ende des 19. Jahrhunderts in Großbritannien entstanden war, passte die Vorstellung, als positiv klassifizierte Eigenschaften gleichsam züchten zu können, sehr gut ins Konzept der Nazis mit ihrem Wahn von der „Rassenhygiene“. Das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 bildete die Grundlage für die Zwangssterilisierung und ab 1939 auch die Tötung von Menschen mit Behinderung. Sie wurden in verschiedene Anstalten gebracht und mit Injektionen umgebracht oder vergast.

Die engen Beziehungen insbesondere von Julius Hallervorden zum Machtapparat machten es einfach, an Gehirne von Patienten aus den nahen Nervenheilanstalten – und später auch an die von getöteten Opfern der Euthanasie-Programme zu gelangen. Spatz schwärmte einmal von der „Fülle“ der zur Verfügung stehenden Organe, Hallervorden vom „wundervollen Material für Geisteskrankheiten, Missbildungen und frühkindliche Gehirnschäden – je mehr, desto besser“. „Diese Sammelwut, entsetzlich“, graust es Heinz Wässle bei dem Gedanken an das Tun seiner Vorgänger vor mehr als sieben Jahrzehnten.

Von besonderen Interesse für die Aufarbeitung der Institutsgeschichte sind insbesondere die Präparate der sogenannten Serie H, aus der Sammlung von Hallervorden, deren Herkunft bislang nie ganz geklärt werden konnte. Wässle hatte den Verdacht, dass „H“ für Hadamar steht, jene Anstalt in der Nähe von Limburg, die als Synonym für die Tötung von tausenden behinderten Menschen steht.

Wässle glich daher 86 Karteikarten, die er im Berliner Archiv gefunden hatte, mit den Daten der Gedenkstätte Hadamar ab. Eine Übereinstimmung fand sich allerdings nicht. Möglicherweise habe Hallervorden die Präparate vernichtet, um einer Verurteilung bei den Nürnberger Prozessen zu entgehen. Möglicherweise stammen die zu den Karteikarten gehörenden Präparate aber auch von Patienten, die in den Tötungsanstalten Sonnenstein umgebracht wurden. „Vermutlich werden wir die Wahrheit über die Serie nicht mehr herauskommen“, fürchtet Wässle.

Weder Hallervorden noch Spatz wurden für ihre Taten je zur Rechenschaft gezogen. Beide blieben auch nach dem Krieg Direktoren des Instituts. Hallervorden, dessen Rolle im Dritten Reich nicht einmal unbekannt war, erhielt 1956 sogar das Bundesverdienstkreuz. Doch Wässle schmerzt nicht nur, dass beide unbehelligt weiter forschen konnten, sondern vor allem auch, dass ihre Gehirnschnitte noch Jahre lang als Basis für wissenschaftliche Arbeiten wurden – ohne dass die beteiligten Forscher wussten, mit was es zu tun hatten.

Gleich, was Heinz Wässle noch herausfinden wird über das unheilvolle Werk der beiden früheren Direktoren: Für sich selbst hat der Wissenschaftler schon einen wichtigen Schluss aus seinen Recherchen gezogen: „Die Medizin ist immer konfrontiert mit ethischen Problemen. Heute sind es Genmanipulation oder Embryonenforschung. Ich habe daraus gelernt, dass man sich bei all diesen Herausforderungen immer eine sehr empfindliche Seele bewahren muss.“

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