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Diskriminierung Arbeiterkind muss draußen bleiben

Lückenhafte Studie: Das Bildungsministerium will wissen, wie groß die Diskriminierung bei Studenten ist. Nur die Herkunft als Kriterium bleibt außen vor. Von Yvonne Globert

23.01.2010 00:01
Yvonne Globert
Demonstration gegen Studiengebuehren
Demo gegen Studiengebühren Foto: ddp

Es gibt wohl keine Erkenntnis über unser Bildungssystem, die sich in den vergangenen Jahren so sehr in die Köpfe gebrannt hat wie jene: Zwischen den Bildungschancen des Nachwuchses in Deutschland und seiner sozialen Herkunft besteht ein unmittelbarer Zusammenhang. Kinder aus gutem Hause landen so eher auf dem Gymnasium und der Uni. Kinder, deren Eltern nicht studiert und einen gehobenen Status erreicht haben, eher nicht.

Dass dies diskriminierend ist, lässt sich ohne Weiteres behaupten: Denn dümmer sind Kinder ärmerer Eltern nachweislich nicht, höchstens ärmer an Chancen. Soweit die Erkenntnis. Wie groß das Ausmaß einer möglichen Diskriminierung tatsächlich ist, lässt das Bundesbildungsministerium seit Januar am Beispiel der deutschen Hochschulen untersuchen. Bis Sommer sollen die Ergebnisse vorliegen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) hat mit der Untersuchung die Prognos AG beauftragt, ein etabliertes Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen. In einem zweiten Schritt soll die Studie Politik und Hochschulen Handlungsempfehlungen aufzeigen.

Das ist löblich. Stirnrunzeln verursacht dabei, anhand welcher Indikatoren die Autoren einer systematischen Ungleichbehandlung von Studierenden auf die Schliche kommen sollen. Oder besser: Welche Kriterien in die Studie bislang keinen Eingang gefunden haben. Denn das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), auf das sich die Studie stützt, spricht von Diskriminierung nur, wenn Männer oder Frauen aus einem der folgenden sechs Gründe benachteiligt werden: wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Geschlechts oder ihrer Religions- und Weltanschauung. Sowie aufgrund einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Orientierung.

Die soziale Herkunft wurde in das Gesetz nicht aufgenommen. Hier greift allein der Verweis auf das Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3, nach dem niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden darf. Und natürlich ist auch die deutsche Forschung frei, der Diskriminierung mit weiteren Indikatoren nachzuspüren.

Einer, den das bisherige Konzept der Studie aufregt, ist Andreas Kemper. Vor einigen Jahren gründete der Student das nach eigenen Angaben bundesweit einzige Asta-Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende (Fikus) an der Uni Münster. "Für sozial schlechter Gestellte gibt es einfach keine Lobbygruppen", ärgert sich der angehende Soziologe. Er verweist auf Studien, die bestätigen, dass es vor allem Arbeiterkinder sind, die seltener studieren und wenn sie es tun, weit weniger in den Genuss eines Stipendiums kommen als jene, die auf die Zusatzhilfe gar nicht angewiesen sind.

Dass das alles bei der neuen Studie keine Rolle spielen soll, kann er nicht verstehen und machte seinem Ärger deshalb auch bei der Antidiskriminierungsstelle Luft. Dort räumt man zwar ein, dass die soziale Herkunft gerade im Bildungsbereich eine wichtige Rolle spielt. "Sie ist aber nun mal kein Merkmal nach dem AGG. Und daran sind wir gebunden", so Sprecher Jens Büttner. Immerhin sei beabsichtigt, Daten zum sozioökonomischen Hintergrund mit zu erfassen.

Andreas Kemper findet das nicht genug. Über das Fikus-Referat versucht er die Lobbyarbeit zu leisten, die seiner Klientel bislang fehlt. Wenn Fachbereiche Seminare auf Skihütten veranstalten, weist er dezent darauf hin, dass sich das nicht jeder an der Uni leisten kann. Für eine Veranstaltungsreihe zum Thema Bildungsbenachteiligung will er bald auch Experten gewinnen. Und dann gibt es noch den "Dishwasher", das Magazin passend zum Kontext und angelehnt an seine eigene Biografie: Auch Kemper bezeichnet sich als klassisches Arbeiterkind, die Eltern haben in der Textilindustrie geschafft. Auch er musste fürs Studium malochen. Auch Tellerwaschen gehörte für ihn dazu.

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