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Digitalisierung „Der Wandel ist tiefgreifend“

Wohin führt uns die Digitalisierung? Innovationsforscherin Kathrin Möslein ist sich sicher, dass Arbeitsplätze wegfallen, aber auch Freiräume entstehen werden.

Ausbildung bei Daimler
Daimler-Ausbildungszentrum in Esslingen: Lernen an der virtuellen Schweißmaschine im Industrie-4.0-Labor. Foto: dpa

Frau Möslein, wie wird die digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft aussehen?
Wenn ich das wüsste, wären wir alle einen Schritt weiter. Wissenschaftlich belegt ist, dass sich die Arbeitswelt verändern wird. Menschen tendieren in diesen Momenten zu denken, dass zur heutigen Arbeitswelt lediglich die Digitalisierung hinzukommt. Das führt dann zu negativen Prognosen wie den Ersatz von Menschen durch Roboter. Als in den 1980er-Jahren die Videokonferenzen aufkamen, dachte man, die Reisetätigkeit von Topmanagern sei hinfällig, aber es kam anders. Bei jedem Technologiefortschritt gibt es dieses Denkmuster, doch die nächste Entwicklungsstufe wird am Ende nicht so aussehen. Denn wenn wir mit neuen Technologien experimentieren, werden sich uns ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten bieten. 

Fallen Arbeitsplätze weg?
Das hängt davon ab, wie wir die Digitalisierung gestalten. Arbeitsplätze werden verschwinden, wenn wir weiterhin auf die produktivitätsorientierte Logik setzen, die wir uns seit der Industrialisierung angewöhnt haben, und diese nun mit der Digitalisierung fortführen. Wenn wir in dieser Logik bleiben, machen wir Prozesse noch effizienter und werden weniger menschliche Arbeitskraft benötigen. Wir können es aber auch ganz anders gestalten, indem wir überlegen, wie wir künftig arbeiten wollen und normativ festlegen, wie die gewünschten Arbeitswelten aussehen sollen. Das kann sich positiv auswirken, unsere Arbeitszeiten werden flexibler und wir können uns auf das konzentrieren, was Spaß macht. Standardisierte Tätigkeiten würden hingegen wegfallen. Beispielsweise kann Software immer dieselben Textbausteine in Schreiben von Anwälten oder Notaren einfügen. Wenn wir zurückschauen, ist vermutlich niemand traurig um die Tätigkeiten, die in den vergangenen 50 bis 100 Jahren weggefallen sind.

Wofür schafft Digitalisierung Ihrer Meinung nach Freiräume?
Platz wird frei für Kreatives, Gestaltendes, soziale Interaktion. Wir müssen nun überlegen, welche Bedürfnisse wir haben und wie diese Felder aussehen sollen. Der Wandel wird kommen und wir brauchen verträgliche Lösungen, wobei wir auch an die kommenden Generationen denken sollten. Es gibt aber auch Menschen, die sind glücklich mit Tätigkeiten, die wegrationalisiert werden. Dennoch ist die Rhetorik überzogen, dass die Digitalisierung dramatische Folgen haben wird. Wer genauer hinsieht, weiß, dass der Wandel tiefgreifend und nachhaltig, aber nicht radikal ist. Nichtsdestotrotz sollten wir schon jetzt jeden Tag am Wandel mitarbeiten – und das Wissenschaftsjahr 2018 mit dem Thema Arbeitswelten der Zukunft eignet sich hervorragend, Menschen darauf aufmerksam zu machen.

Wie bereitet man die Masse der Arbeitnehmer am besten auf die neue Arbeitskultur vor?
Wirkungsvoller als Qualifizierung und Weiterbildung sind Maßnahmen, die direkt im Arbeitsprozess ansetzen. Arbeitgeber können gezielt Mitarbeiter für gewisse Zeit in ein Coworking Space, ein Gründerzentrum oder Inkubator schicken und sie dort etwa mit Studierenden oder digitalen Talenten zusammenarbeiten lassen. Dann kommen sie mit ganz anderen Ansprüchen zurück in ihr Unternehmen, die wiederum merken, dass sie etwas ändern müssen, sonst rennen ihnen die Leute weg.

Benötigen wir ethische Grundregeln, um gezielt zu steuern, welche Bereiche Roboter übernehmen und wo menschliche Interaktion gefragt ist?
Wir brauchen eine ethische Grundhaltung und auch eine Diskussion darüber, was wir wollen, am besten schon in der Schule. Starre Regeln aufzustellen, scheint mir hingegen nicht sinnvoll.

Was kommt denn in Sachen Digitalisierung auf uns zu?
Überall entstehen derzeit Gründerzentren. Das ist politisch gewollt und wird vom Nachwuchs stark nachgefragt. Auch die Digital Hubs als Plattform für digitale Innovationen sind meiner Meinung nach keine Mode, sondern da sucht die nächste Generation neue Arbeitsformen. Zudem arbeiten wir intensivst daran, kleine Start-Ups mit großen Unternehmen zu verzahnen und so zu einem Motor für einen Kulturwandel zu machen. Im Nürnberger Gründerzentrum Zollhof, der von der Universität und großen Firmen getragen wird, gibt es viele junge Teams. Wir schicken auch unsere 40.000 Studierenden los, um mit neuen Ideen digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wenn 100 neue Unternehmen gegründet werden, fallen mindestens 90 auf die Nase. Das ist überhaupt keine Katastrophe, weil die Gründer dabei sehr viel lernen und das macht sie wertvoll als Mitarbeiter auch für Unternehmen, um den Wandel voranzubringen. Wir sehen ganz konkret, dass dieses Konzept wirkt. 

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