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„Die Sonderschulen gehören aufgelöst“

Behindertenpädagoge übt Kritik an der Politik

08.11.2011 17:12
Hans Wocken, bis 2008 Professor für Lernbehindertenpädagogik in Hamburg, begleitet das Projekt Inklusion in Deutschland. Foto: Gh

Herr Professor Wocken, Sie üben scharfe Kritik an der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Kommen Kultusministerien und Schulbehörden zu langsam voran?

Wenn sie nur langsam wären, am Ende aber etwas Gutes dabei herauskäme, würde ich das sehr begrüßen. Aber stattdessen untergräbt und verfälscht ein Großteil der Kultusminister die inklusive Idee.

Ein harter Vorwurf. Schließlich begrüßen alle Kultusminister den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Einige Länder haben ihre Schulgesetze verändert. Das sieht nicht nach Blockade aus.

Niemand ist gegen Inklusion, denn das traut sich keiner. Aber unterhalb der Ebene der öffentlichen Kundgebungen wird mit geschlossenem Visier gegen die inklusive Idee und die damit verbundenen Veränderungen für das gesamte Bildungssystem gekämpft.

Was meinen Sie konkret damit?

Viele Länder wollen das klassische Schulwesen erhalten und vermeiden jegliche Systemdiskussion. Die ist aber nötig, um ein inklusives System zu schaffen. Bei der angestrebten „Energiewende“ geht es ja auch nicht darum, dass ein paar Atommeiler abgeschaltet und ein bisschen mehr regenerative Energiequellen genutzt werden, sondern um eine radikale Neuorientierung. In ähnlicher Weise müsste die Bildungspolitik nach den Vorgaben der UN-Konvention einen Paradigmenwechsel vollziehen.

Die Konvention sagt aber nichts darüber aus, in welchem Schulsystem Inklusion am besten gelingt. Sie sagt auch nicht: Gegliederte Systeme wie das deutsche können das nicht umsetzen.

Das stimmt. Aber die Konvention sagt gleichzeitig, dass man nur dann von inklusiver Bildung sprechen kann, wenn mindestens 80 Prozent aller Kinder mit Behinderungen auf allgemeinbildende Schulen gehen. Das heißt: Nicht nur in den Grund- und Hauptschulen, sondern auch in den Realschulen und den Gymnasien müssen Kinder gemeinsam lernen. Davon sind wir in Deutschland aber meilenweit entfernt: Nur 18 Prozent der Kinder mit Behinderungen gehen auf eine Regelschule.

Die Statistiken in vielen Bundesländern zeigen jedoch einen klaren Aufwärtstrend.

Die Schulstatistiken werden inklusionsfreundlich geliftet! Die Bundesländer bemühen sich, die Zahlen so umzudeuten, dass sie möglichst gut dabei wegkommen.

Heißt das, die Kultusminister fälschen ihre Zahlen?

Sie ändern die Kriterien, indem sie zum Beispiel alle möglichen Kinder als „integriert“ bezeichnen. Da werden dann auch jene mitgezählt, die irgendwann einmal Kontakt mit einem Sonderpädagogen hatten – und sei es nur für eine Beratungsstunde. Bayern zum Beispiel hat angeblich seine Inklusionsquote innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Das ist unmöglich – es sei denn, sie haben sogar die Brillenträger unter den Schülern mit eingerechnet.

Brauchen die Schulen nicht einfach mehr Zeit zur Umsetzung?

In der UN-Konvention ist die Rede von zehn bis 15 Jahren. Aber wenn man nach dieser Zeit eine Inklusions-Quote von annähernd 80 Prozent erreichen möchte, dann geht das nur mit der Auflösung eines Großteils der Sonderschulen. Damit meine ich vor allem die Schulen für Lern-, Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Davor scheuen sich die Bundesländer. Geschieht das aber nicht, bleibt am Ende alles beim Alten.

Viele Bundesländer schaffen Förderzentren, die die Regelschule mit den Sonderschulen verbinden sollen. Kein guter Weg?

Man muss differenzieren: Für die Mehrheit der Förderschüler mit Lern-, Sprach- und Verhaltensproblemen, kommt aus meiner Sicht ein Förderzentrum als Alternative nicht in Frage. Die Förderschullehrer für diese Schüler müssten angestellt sein an den Regelschulen als reguläres Mitglied im Lehrerkollegium. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil rund zehn Prozent aller Kinder im Laufe ihrer Schulzeit in diesem Bereich auffällig werden. Da brauchen wir gut geschultes Personal.

Und für die eher seltenen Fälle von Kindern mit schweren körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen?

Für Kinder, die beispielsweise eine starke Sehbehinderung haben, wären ambulante Förderzentren sinnvoll. Das heißt: Sonderschulpädagogen werden von diesem Zentrum aus an Regelschulen geschickt, um die betroffenen Kinder dort zu unterstützen. Doch auch hier sollte das langfristige Ziel sein, die Zentren nach und nach aufzulösen.

Würden Sie tatsächlich alle Sonderschulen auflösen?

Wenn ich entscheiden könnte, dann blieben in Deutschland nur sehr, sehr wenige für eine sehr kleine Gruppe von Kindern mit schweren Behinderungen übrig.

Das Gespräch führte Katja Irle.

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