Lade Inhalte...

Die Moral der Tiere

Ein Forscher-Duo ist der Ansicht, dass nicht nur Menschen Gefühle wie Trauer, Empathie und Schuldbewusstsein empfinden.

05.11.2017 13:14
«Grumpy Cat» erhält Doppelgänger bei Madame Tussauds
Kennt sie Mitgefühl, ein schlechtes Gewissen? Marc Bekoff und Jessica Pierce behaupten das. Foto: dpa

Trauer, Mitgefühl, ein schlechtes Gewissen – sind solche Regungen nur Menschen vorbehalten? Das ist unter Experten umstrittener als man als Laie meinen könnte. Der Evolutionsbiologe Marc Bekoff und die Bioethikerin Jessica Pierce haben zum Thema eine klare Meinung, die sie in ihrem Buch „Sind Tiere die besseren Menschen?“ ausführlich darlegen. „In diesem Buch argumentieren wir, dass Tiere ein breites Repertoire an moralischen Verhaltensweisen besitzen und dass ihr gesamtes Leben durch diese Verhaltensweisen bestimmt wird.“

Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zum Verhalten von Tieren aus den vergangenen Jahren forderten insbesondere eine Annahme heraus: dass Menschen die einzigen moralischen Lebewesen sind. Das Autoren-Duo gibt zunächst einen Überblick über die aktuelle Forschung zu moralischem Verhalten bei Tieren. Anschließend werden Grundlagen für tierische Gerechtigkeit vorgestellt, und es wird erklärt, wie Wissenschaftler das Verhalten von Tieren interpretieren.
Bekoff und Pierce gehen dann der Verbindung zwischen Intelligenz und Moral nach und erklären zuletzt, was für Konsequenzen es hat, wenn wir Moral so definieren, dass sie auch Tiere umfasst. Gleich zu Beginn stellen sie klar: „In diesem Buch wird die Meinung vertreten, dass Tiere Empathie füreinander empfinden, dass sie einander fair behandeln, dass sie kooperieren und dass sie sich gegenseitig in Notsituationen helfen.“

Kooperative Verhaltensmuster in der Tierwelt

Immer wieder gebe es Episodenberichte etwa zu moralischem, mitfühlendem Verhalten bei Menschenaffen. Was oft noch fehle, seien wissenschaftlich allgemein akzeptierte Analysen. Viele Annahmen über Tiere und ihr Verhalten seien noch immer geprägt von Charles Darwins Evolutionstheorie: „Die natürliche Selektion ist ein Rüstungswettlauf, und es geht um die besten Plätze. Leben bedeutet „Jeder gegen jeden“ im blutigen und rücksichtslosen Kampf um Fortpflanzung und Nahrung.“

Die Natur durch diese enge Brille zu betrachten, verkaufe sich gut im Fernsehen, spiegele aber nur einen Teil der tatsächlichen Realität wieder. Neben Konflikten und Konkurrenz gebe es eine außergewöhnlich große Zahl an kooperativen Verhaltensmustern und gegenseitiger Hilfe. Lange sei dies von der Forschung komplett ignoriert worden. „Erst als Menschen anfingen, auf die „guten“ Verhaltensweisen von Tieren zu achten – auf das, was Tiere tun, wenn sie nicht kämpfen -, haben sie bemerkt, wie reichhaltig das soziale Leben vieler Tierarten ist.“

Dies gelte nicht nur für die Interaktionen zwischen eng verwandten Tieren – und nicht nur bei Menschenaffen, sondern auch schon bei Maus und Ratte, schreiben die Autoren. Ratten zum Beispiel nähmen kein Futter auf, wenn sie wüssten, dass dies zu Schmerzen bei anderen Ratten führen würde.

Bekoff und Pierce berichten über soziale Normen in Pavian-Gruppen und von Raben, die Plünderer attackieren, die die Futterverstecke von Artgenossen leergeräumt hatten – ähnlich der menschlichen Justiz, die die Interessen einzelner Gruppenmitglieder verteidigt. „Die Vorstellung, dass Menschen Moral besitzen und Tiere nicht, ist eine so alte Annahme, dass sie schon fast eine Gewohnheit des menschlichen Geistes genannt werden kann“, schreiben sie. „Und Gewohnheiten, wie wir alle wissen, sind schwer abzulegen.“

Zudem sei es weit einfacher, Moral bei Tieren zu verneinen, als sich mit den komplexen Auswirkungen auseinanderzusetzen, die eine tierische Moral haben könnte. Das Autoren-Duo erklärt, warum aus seiner Sicht Analogien und Anekdoten in dem Bereich so wichtig sind und nicht als verpönt gelten sollten. Es erzählt vom Umgang von Artgenossen mit dem geistig und körperlich behinderten Schimpansen „Knuckles“, der nicht nur von Gleichaltrigen, sondern auch Ranghöheren freundlich behandelt wird.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum