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Dialekte Ei Gude, wie?

Das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas in Marburg untersuchte 19 Jahre lang die Struktur der modernen Regionalsprachen, die den Dialekt inzwischen auf breiter Front ablösen.

So typisch wie der Dialekt: Der Ebbelwoi Foto: Andreas Arnold

Die 130 Jahre alten Sätze haben einen eigenwilligen Charme: „Mein liebes Kind, bleib hier unten stehen, die bösen Gänse beißen dich tot“, gehört zu den Lieblingen des Marburger Sprachforschers Lars Vorberger. 1887 schickte der Marburger Bibliothekar Georg Wenker einen Fragebogen mit 40 Sätzen an alle 50000 Dorfschulen des damaligen Deutschen Reiches. Mit der traumhaften Rücklaufquote von 99 Prozent übersetzten die Lehrer die Sätze in die örtlichen Dialekte. Wenker übertrug die Ergebnisse in 1650 handgezeichnete Dialektkarten, die heute im digitalen Wenker-
Atlas zu finden sind. „Keine andere Sprache der Welt hat eine vergleichbare Erhebung“, heißt es im Deutschen Sprachatlas in Marburg.

Heute ist das Forschungszentrum nicht nur die weltweit älteste Einrichtung seiner Art, sondern auch ein „Leuchtturm der Sprachdynamikforschung“, so Uni-Präsidentin Katharina Krause. Vor wenigen Wochen sind die Mitarbeiter in ein 10,5 Millionen Euro teures neues Gebäude am Fuß der Marburger Oberstadt gezogen. Zu verdanken haben die Sprachforscher diesen ersten Neubau im Campus Firmanei auch dem Wissenschaftsrat, der eine Förderung empfahl.

Besonders beeindruckt war das renommierte Gremium von einem Langzeitprojekt: 19 Jahre lang untersucht das Forschungsinstitut mit einem Budget von 15 Millionen Euro die Struktur der modernen Regionalsprachen, die den Dialekt inzwischen auf breiter Front ablösen: „Meist wird irgendetwas zwischen Dialekt und normierter Sprache gesprochen“, erläutert Vorberger, der sich vor allem mit Hessen beschäftigt: „Der Regiolekt bestimmt den kommunikativen Alltag.“

Um die Veränderungen in der Regionalsprache zu erfassen, wurden seit 2008 rund 700 Menschen an 150 Orten in ganz Deutschland befragt. Dieses Mal waren es aber nicht die Dorfschullehrer, die einen Fragebogen ausfüllen: In jedem Ort wurden – um sie gut vergleichen zu können – ältere Landwirte oder Handwerker, mittelalte Polizisten sowie Abiturienten interviewt und in alltäglichen Lebenssituationen belauscht. Die Sprecher gaben Sätze in ihrem tiefsten Dialekt und ihrem besten Hochdeutsch von sich.

In Hessen waren 15 Orte dabei – darunter Frankfurt, Kassel, Gießen, Reinheim bei Darmstadt, Erbach im Odenwald, Bad Nauheim, Borken und Homberg (Efze). Inzwischen ist das Material von 700 Sprechern aufgenommen – mindestens zwei Stunden pro Person, dazu noch die Fragebögen mit 40 alten Wenker-Sätzen. „Das ist ein riesiger Datenschatz“, sagt Vorberger. Systematisch werden die Aufnahmen transkribiert und nach Phonetik, Syntax und Morphologie untersucht.

Bis das Langzeitprojekt abgeschlossen ist, wird es noch bis 2027 dauern. Man kann aber bereits jetzt sagen, dass die jüngere Generation in der Regel nur noch Regiolekt spricht. Häufig ist es sogar so, dass das, was Dialekt-Sprecher als Hochdeutsch empfinden, von den Jüngeren als Dialekt wahrgenommen wird, berichtet Vorberger. Auch die früher oft betonten Unterschiede zwischen benachbarten Dörfern sind aus der Sicht der Sprachwissenschaftler gar nicht so groß: „Die kleinräumigen Unterschiede gehen verloren“, sagt Vorberger.

„Hessen bietet die komplexeste Sprachlandschaft, die wir haben, weil wir auf relativ kleinem Raum relativ viele Dialekte finden“, sagt Vorberger. Klar ist, dass sich der Frankfurter Dialekt seit Jahren gen Süden ausbreitet. Inzwischen wird er selbst in Gießen schon gesprochen. Und Dialektwörter wie „Ei Gude“ werden sogar bewusst von Menschen eingesetzt, um locker zu wirken.

Der Trauer um das „Aussterben der Dialekte“ schließt man sich im Sprachatlas übrigens nicht an. „Wir sagen, dass sich die Sprache weiterentwickelt“, betont Vorberger: „Aber Regionalität bleibt als sprachliches Merkmal.“

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