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Diagnose Zwei Herren

Die Datensätze von psychisch kranken Patienten frei zugänglich im Internet. Gleichzeitig immer weniger Personal in den Krankenhäusern. Ob das irgendwas miteinander zu tun hat?

14.11.2011 11:42
Dr. med. Bernd Hontschik
Bernd Hontschik

Heute kann ich mich nicht entscheiden. Zwei Herren beschäftigen mich: Soll ich über Thilo Weichert berichten, den schleswig-holsteinischen Datenschutzbeauftragten? Der ist nämlich „entsetzt“. Tausende kompletter Datensätze psychisch kranker Patienten konnten bis vor einer Woche monatelang von jedermann im Internet durchgelesen werden: Fachärztliche Stellungnahmen, amtsärztliche Gutachten, Unterbringungsbescheide für Schizophrene, Behandlungsverläufe.

Beim paritätischen Wohlfahrtsverband ist man „entsetzt“, die Krankenkassen finden den Vorgang „unfassbar und unentschuldbar“. Diese Daten von fünf sozialen Diensten in ganz Deutschland werden von der Rendsburger Firma Rebus GmbH verwaltet. Waren die Patienten damit einverstanden? Die Firma sagt: „Wir haben keine Erklärung, wie das passieren konnte. Wir haben alles getan, diese vertraulichen Daten zu sichern.“ Dumm gelaufen.

Der Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert spricht von einer Katastrophe: „Der Schaden für die Patienten ist irreparabel.“ Da hat er wohl recht. Wenn man aber weiß, dass derselbe Thilo Weichert den Datenschutz der elektronischen Gesundheitskarte für „vorbildlich“ hält, dann staunt man: Das gleiche IT-System, aber nicht im kleinen Rendsburg, sondern in ganz Deutschland! Wie wird er sich wohl äußern, wenn die ersten kriminellen Zugriffe auf die Server der elektronischen Gesundheitskarte erfolgreich waren? Wieder „entsetzt“?

Vielleicht sollte ich doch lieber von Rudolf Henke berichten. Der ist nicht nur CDU-Bundestagsabgeordneter, sondern auch der Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Während der Tarifverhandlungen über die Vergütung der Ärzte in Universitätskliniken wurde er gefragt, ob die Tarifpolitik des Marburger Bundes nicht die Belegschaft in gut bezahlte Ärzte und miserabel bezahlte Schwestern und Pfleger spalte. Immerhin sind in den letzten Jahren über 50.000 Stellen im Pflegedienst der Krankenhäuser gestrichen worden. Da antwortete Herr Henke: „Es wird weniger Pflegepersonal benötigt, wenn die Verweildauer der Patienten im Krankenhaus kürzer wird.“

Das muss man zweimal lesen. Wenn die Liegezeit also nicht mehr durchschnittlich 13, sondern nur noch acht Tage beträgt, braucht man weniger Personal? Wenn in der gleichen Zeit fast doppelt so viele Patienten durch den Krankenhausbetrieb geschleust werden, aufgenommen, untersucht, behandelt, operiert, entlassen, dann braucht man weniger Personal? Sollen sie jetzt lachen, die Schwestern und Pfleger? Zwei Herren wissen gut Bescheid und führen uns an der Nase herum. Da bin ich „entsetzt“.

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