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"Der Prof, der mich prägte" Eins folgt aus dem anderen

Der Bestseller-Autor Richard David Precht über sein Studium: Ein Rückblick auf dröge "Professoren in Busfahreranzügen" und Geistesblitze in der Philosophie.

06.08.2008 00:08
YVONNE GLOBERT
Richard David Precht
Richard David Prechts Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" ist ein Bestseller geworden. Foto: ddp

Im Vorlesungsverzeichnis stand Descartes. Standardstoff für angehende Philosophen. Eigentlich nichts Kompliziertes, geeignet auch für Erstsemester. Ich denke, also bin ich. Und dann dieses Gefasel. Verschrobenes Wissenschaftsvokabular prasselte auf die Studenten nieder, präsentiert von einem fahrigen Professor mit einer Vortragskunst wie ein Butterkeks.

Der Autor Richard David Precht jedenfalls verstand nur Bahnhof. Aus der Traum, auf die großen Fragen, die das Leben ihm so eingab, konkrete Antworten zu bekommen. Dabei gab es davon nicht wenige. Allein bei dieser Kindheit ist ein allgemeiner Klärungsbedarf kein Wunder: Aus ihrer linkspolitischen Überzeugung adoptierten Prechts Eltern vietnamesische Waisenkinder und verbrachten mit ihm und seinen Geschwistern viel Zeit in der DDR.

"Ich bin in einem linken Kosmos groß geworden, der dann irgendwann zusammenbrach", erzählt Precht. Und genau dieser Kosmos hinterließ jene große Fragen: Warum ging der Sozialismus unter? Was blieb von der Wahrheit, die ihm seine Eltern vermittelt hatten? Und was ist überhaupt Wahrheit?

Auf der Suche danach kam Precht selbst nur bis Köln, an die Massenuni deren philosophische Fakultät im bundesweiten Vergleich eher Mittelmaß war. Eingeprägt haben sich ihm aus der Anfangszeit seines Studiums vor allem Professoren in "Busfahreranzügen", die auch persönlich so dröge schienen wie ihr Unterricht.

"Was mich im Studium aber besonders gestört hat, war die Undiszipliniertheit im Seminar", sagt Precht und klingt selbst recht streberhaft dabei. Das galt für Studenten wie Professoren. Letzteren mangelte es vor allem an Struktur. Worauf er eher ungern zurückblickt, deckt sich auffällig mit jener mangelhaften Lehre, die der Wissenschaftsrat erst kürzlich bemängelte: "Es wurden schon damals keine guten Hochschullehrer gesucht. Die Profs ließen die Leute im Seminar reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen war und sprachen selbst unverständlich." Aber das, sagt er, sei ja auch kein Wunder. "Geachtet wurde nur auf das, was jemand fachwissenschaftlich geleistet hat. Und so war der Unterricht dann auch: langweilig und lieblos."

Und dann kam einer, der "am Nullpunkt" ansetzte. Bei dem Philosophie nicht mit den alten Griechen aufhörte: Ulrich Wienbruch, mit dem für Precht eine neue Zeit an der Uni begann, betrachtete die Philosophie nicht als historisches Fach. Er ging systematisch vor und hangelte sich mit seinen Studierenden von einer elementaren Frage zur nächsten: Woher weiß ich, wer ich bin? Wie funktioniert mein Denken? Wieso nehme ich die Welt überhaupt wahr? Wienbruch hielt sich streng an die Methode der sogenannten Letztbegründung: Jeder Gedankengang, so trichterte er seinen Studenten immer wieder ein, muss auf einem anderen aufbauen.

"Für mich waren das gute Übungen", sagt Precht heute. Und wer liest, wie er selbst Pro und Contra bei aktuellen philosophischen Fragen etwa nach der Legitimation von Sterbehilfe und Fleischverzehr abwägt, findet eine dichte Argumentationskette. "Ich habe so Denken und Begründen gelernt", sagt er.

Nur, wer jetzt hinter Wienbruch einen charmanten Geist, einen Hörsaal-Entertainer vermutet, liegt falsch. Mit ihm selbst über seine aus Prechts Sicht vorbildliche Lehre zu sprechen - nein, dafür sei er wohl der Falsche, findet sein ehemaliger Student. Nur um das zu verstehen, muss man wohl einer seiner Ex-Studenten sein.

Wienbruch forscht an der Uni Köln lange an der Schnittstelle zwischen Phänomenologie und der von Kant entwickelten Transzendentalphilosophie. Bis zu seiner Emeritierung entwickelt er vor allem eine Theorie "des bewussten Erlebens". Der Mensch, so Wienbruch, wird sich seiner selbst unter anderem durch seine Urteilsfähigkeit, sein Handeln und seine Sprache bewusst. Und auch in seinen eigenen Abhandlungen hält sich der Philosophie-Professor strikt an das Prinzip der Letztbegründung. Eins folgt aus dem anderen.

Unterricht bei ihm sei auch verstörend gewesen, sagt Precht, weil nicht jeder mit seiner überlegten, oft sperrigen Ausdrucksweise zurechtgekommen sei. In seinen eigenen Vorträgen zeigte er sich "unglaublich konzentriert" und ließ umgekehrt auch bei seinen Studenten nicht zu, "dass gelabert wurde".

Wer ohne großen Aufwand einen Schein erwerben wollte, war bei Wienbruch falsch. Wienbruch polarisierte: Auf der einen Seite gab es Fans wie Precht, die seine "philosophische Ernsthaftigkeit" mochten und die er in seinen engeren Zirkel ließ. Mit ihnen ging er sogar gern und regelmäßig etwas trinken.

Andere erlebten ihn als schrägen Kauz, äußerlich eher unscheinbar. Auch er ein Busfahrertyp. Vor allem aber unnahbar und streng, sogar kalt.

Vielleicht wäre auch Precht wie er als Dozent an der Uni geblieben und hätte damit eine modische wie rhetorische Abwechslung zur Zunft geboten. Vielleicht wäre er geblieben, hätte sich die berufliche Situation für Geisteswissenschaftler damals in den 90ern nach einem kurzen Studium mit Bestnoten und der Promotion nicht so "desolat" dargestellt. Statt dessen legte Precht den eigenen verklausulierten Wissenschaftsjargon wieder ab und wurde Schriftsteller und Publizist. "Ich habe die Kunst gelernt, mich so verständlich wie möglich auszudrücken."

Seit Wochen liegt sein Buch "Wer bin ich und wenn ja, wie viele?" an der Spitze der deutschen Bestseller-Listen. Ausgerechnet mit einer Einführung in die Philosophie, die er, so der Autor, selbst gern zu Beginn seines Studiums gehabt hätte. Die Großen der Philosophie wie Kant, Nietzsche, Wittgenstein werden darin lebendig und mit ihnen ihr persönlicher Kontext, der sie bewog, ihre großen Thesen überhaupt erst in den Raum zu stellen.

Die beantwortet Precht sich und seinen Lesern jetzt selbst - und spannt dabei einen weiten Bogen, nach dem alles mit allem zusammenhängt: Philosophie, Psychologie, Biologie. All dies miteinander zu vermengen, wäre für seinen Professor nicht denkbar gewesen. In seiner eher offenen Denkweise hat sich Precht von Wienbruch abgekoppelt. Wie vom Rest der deutschen Hochschulphilosophie überhaupt.

Irgendwann, da hatte Richard David Precht schon seinen Doktortitel, setzte er sich ein zweites Mal in die Descartes-Vorlesung des fahrigen Dozenten aus seinem Grundstudium. "Ich habe wieder nichts verstanden", sagt er und findet schade, dass "die Philosophie so den Anschluss verpasst". Es gebe doch so viele interessante Fragen.

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