Lade Inhalte...

Depression Kein Flug mehr übers Kuckucksnest

Die früher in Verruf geratene Elektrokrampftherapie wird heute wieder zunehmend bei schweren und wahnhaften Depressionen und bestimmten Formen der Schizophrenie eingesetzt.

01.11.2008 00:11
MARTIN HAMPEL

Die Nervosität ist dem Mann anzumerken. Werner Maier ist aschfahl, graue Haut, graue Haare, grauer Bart, Zahnlücken. Mit ihm in dem Raum sind ein Psychiater, eine Anästhesistin und ein Pfleger. Man sieht Maier an, dass er ein hartes Leben gelebt hat, Alkohol, Schlafmittel, Verfolgungswahn und Selbstmordgedanken haben ihn gezeichnet.

Der Mittfünfziger wird in der psychiatrischen Klinik in Bad Soden wegen einer wahnhaften Depression behandelt, Maier fühlte sich von seinen Nachbarn bedroht. Jetzt liegt Maier voller Hoffnung in einem Bett und weiß, dass er über die Elektroden auf seiner Stirn gleich Stromstöße bekommen wird. Psychiater Markus Friedrich (die Namen der Patienten und des Assistenzarztes wurden geändert) redet beruhigend auf Maier ein, der sich mittlerweile die Atemmaske eigenhändig aufs Gesicht hält und langsam in die Narkose abgleitet.

Friedrich drückt einen Knopf auf einem kleinen, blauen Kasten aus Stahlblech. Maier fängt an zu zittern und der Psychiater stellt den Strom wieder ab - doch Maier zittert weiter. Das Zittern ist das sichtbare Zeichen eines epileptischen Anfalls, den die Stromstöße ausgelöst haben. Der Anfall soll die Depression durchbrechen.

Die Therapie, die an Werner Maier durchgeführt wird, nennt sich Elektrokrampftherapie (EKT). Ein Stromstoß von maximal 0,9 Ampere auf das Gehirn löst bei den Patienten einen epileptischen Anfall aus, der zwischen 20 und 90 Sekunden anhält. Die Patienten bekommen wegen der Narkose davon nichts mit. Ein sogenanntes Muskelrelaxans verhindert, dass der Körper krampft, der Anfall findet quasi nur im Kopf statt. Doch was dort genau passiert, weiß keiner so recht. Dass es wirkt, ist aber unstrittig.

"Die EKT ist derzeit die beste Behandlungsmethode bei schweren und wahnhaften Depressionen", sagt Joachim Röschke, Chefarzt in der Klinik in Bad Soden. Behandelt werden vor allem Menschen mit therapieresistenten Depressionen - das sind Depressionen, die sich durch Psychopharmaka und andere Behandlungsmethoden nicht behandeln lassen. "Der Krampfanfall ist wie ein Neustart des zentralen Nervensystems", erklärt Röschke. Wie beim Reset eines Computers werden die Nervenzellen in eine einheitliche Schwingung gebracht und die wichtigsten Botenstoffe vermehrt ausgeschüttet. Der Serotonin-Spiegel steigt.

Eine einzelne Behandlung allerdings bewirkt noch recht wenig, ein Behandlungszyklus umfasst in der Regel sechs, manchmal zwölf Sitzungen über zwei beziehungsweise vier Wochen. Wenige Minuten nach dem Krampfanfall wachen die Patienten wieder auf, nach etwa einer halben Stunde können sie aufstehen. Mittlerweile kann die EKT sogar ambulant eingesetzt werden.

Die Erfolgschancen sind groß, 70 bis 75 Prozent der Patienten geht es nach der Behandlung deutlich besser. Aber: Die EKT heilt die Leute nicht, sie werden auch nach den EKT-Sitzungen mit Medikamenten weiter behandelt. Ein Zyklus hält zudem nicht ewig vor, mehr als ein Drittel der Patienten muss binnen eines Jahres erneut zur Therapie erscheinen.

So wie Elisa Leise. Sie hat lange Narben an beiden Unterschenkeln, die sich längs vom Knöchel bis zu den Knien hochziehen. Alte Narben, auch frische Schnitte sind zu sehen. Frau Leise ist bereits zum zweiten Mal in Behandlung.

Der erste Zyklus ist etwa ein Jahr her. Sie leidet unter einer Psychose und lebte in dem Glauben, dass in ihren Bauch eine Metallplatte implantiert wurde, die jegliches Essen in ihrem Magen in Blausäure verwandelt. In ihren Armen und Beinen wähnte Frau Leise Leitungen, die ihren Körper verstrahlen - daher die Narben. Elisa Leise wollte sich die Leitungen aus den Beinen schneiden. Nach dem ersten Zyklus, sagt sie, "ging es mir viel besser." Besser heißt für sie: Sich nicht mehr schneiden, normal essen, alleine wohnen und als Angestellte einer geregelten Arbeit nachgehen. Die Wirkung der Therapie verpuffte langsam, die Medikamente griffen nicht mehr, die "komischen Gedanken" bemächtigten sich ihrer wieder.

Die depressiven Patienten kommen im Lauf der EKT "wie zuvor getauchte U-Boote zurück an die Oberfläche", sagt Here Folkerts. Folkerts ist Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Reinhard-Nieter Krankenhauses in Wilhelmshaven und Autor mehrerer Standardwerke zum Thema. Er ist der Auffassung, dass die EKT in Deutschland noch nicht annähernd den Stellenwert hat, den sie verdient. Zwar habe sich die Zahl der Behandlungen in den vergangenen zehn Jahren auf jährlich 3000 verdreifacht.

Verglichen mit Dänemark (ebenfalls 3000 bei einer Bevölkerung von nur sechs Millionen Menschen) und den USA mit 100 000 Behandlungen im Jahr ist die Therapie nach Ansicht ihrer Befürworter bei weitem noch nicht ausgereizt. Viele Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt nur wenig Unverträglichkeiten wie etwa bei Psychopharmaka, behandelt werden kann fast jeder, selbst Schwangere und alte Menschen. Zudem wirkt EKT schnell, oft binnen einer Woche, und gilt in ihrer Wirksamkeit dem gängigen Psychopharmaka überlegen, die meist nach zwei Wochen ihre Wirkung überhaupt erst entfalten - womit noch nicht klar, ist, dass sie auch helfen.

Vorbehalte bestehen dennoch. Die Bilder von Elektroschocks, von sich aufbäumenden Körpern wie etwa in dem US-Film "Einer flog über das Kuckucksnest" bestimmen in der Öffentlichkeit häufig noch den Umgang mit dem Begriff Elektroschock. Berichte über ausgekugelte Schultern und gebrochene Wirbel unter Schock-Therapie sorgen bis heute für eine Öffentlichkeit in Abwehrhaltung.

"Ich könnte drei bis vier Mal so viele Patienten mit EKT behandeln", sagt der Bad Sodener Chefarzt Röschke. Er will nur vermeiden, dass im Landkreis der Verdacht aufkommt, dass jeder Patient in der Klinik als erstes mit Stromstößen traktiert werde. Die Therapieform mag unter Experten unumstritten sein, auf viel Gegenliebe trifft sie nicht. Die Entwicklung der EKT hat weltweit viele Opfer gekostet, Patienten, die teilweise ihr Sprachvermögen verloren haben oder die wegen mangelnder Narkose schwer traumatisiert wurden. Seit der ersten EKT im Jahr 1938 ist vieles passiert, was die Vorbehalte gegen diese Form der Behandlung bis heute nährt. Der erste Versuch fand bei einem gesunden Mann gegen dessen Willen und ohne Narkose statt. Die Qualität der heutigen EKT wurde erkauft für den Preis von Versuchsreihen, in denen die Menschen aus heutiger Sicht zu starken Strom auf die falschen Hirnregionen verabreicht bekommen haben. Behandelt wurden zudem Krankheitsbilder, die aus heutiger Sicht mit Strom nicht behandelt werden können. Betroffen waren auch Menschen, die weder krank noch behandlungsbedürftig waren, beispielsweise Homosexuelle in den USA. Gleichwohl wurden seit den 40er Jahren auch Patienten erfolgreich behandelt, seit den 70er Jahren hat sich die EKT unter Narkose durchgesetzt.

Heute ist die EKT eine Therapie, die stark eingegrenzt auf wenige Krankheitsbilder angewandt wird. Etwa 90 Prozent der Patienten sind therapieresistent depressiv, der Rest leidet vor allem unter Sonderformen der Schizophrenie.

Die Patienten werden eingehend aufgeklärt und unterschreiben eine Einverständniserklärung, bevor sie sich in einen Behandlungszyklus begeben. Bei einigen Patienten wird die EKT nicht in Zyklen, sondern fortwährend alle zwei bis vier Wochen angewandt - der sogenannten Erhaltungs-EKT, die langfristige Stabilität verleihen soll.

Laut Bundesgesundheitsministerium leiden in Deutschland vier Millionen Menschen unter Depressionen, die in vielen Fällen tödlich endet: Depressive Erkrankungen sind Ursache von 70 bis 80 Prozent aller Selbstmorde in Deutschland.

Trotz aller sichtbaren Erfolge der Elektrokrampftherapie: Zweifel sind auch heute noch erlaubt. Niemand weiß genau, wie die Therapie wirklich wirkt. Angesichts der Schwere der Erkrankung erscheint der durch die Therapie ausgelöste vorübergehende Gedächtnisschwund aber meist als das kleinere Übel.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen